Der einzige jüdische Nazi
2012-02-20T19:43:24+0100Vechelde Sally Perel überlebte als Jude in Nazideutschland, weil er sich als Hitlerjunge gab. Gestern sprach er vor Schülern des Julius-Spiegelberg-Gymnasiums.
Es ist still in der Aula des Julius-Spiegelberg-Gymnasiums – nicht bedrückend, eher ehrfürchtig. Kaum ein Platz ist unbesetzt geblieben. „Für mich ist das ein Beweis, dass ihr euch weigert, geschichtsfrei zu leben. Dass ihr wissen wollt, was damals passiert ist“, sagt der Mann auf der Bühne in die Menge. Die Geschichte, die er den Schülern erzählt, ist spannend und schrecklich zugleich. Es ist seine Geschichte.
Sally Perel war acht Jahre alt, als die Nazis in Deutschland die Macht ergriffen. Doch anders als seine Familie, anders als sechs Millionen ermordete Juden, erlebte der heute 86-Jährige diese Zeit unter Nazis. Er überlebte „in der Haut des Feindes“. Vier Jahre verbrachte der gebürtige Peiner, der heute in Israel lebt, als Hitlerjunge Josef Peters in einem Braunschweiger Internat. „Für mich waren es vier Ewigkeiten“, sagt Perel. „Ich lebte in der ständigen Angst, entdeckt zu werden.“
Dass er heute selbst von seiner eigenen „Nazi-Vergangenheit“ berichten kann, sei nur seiner falschen Identität als Josef Peters zu verdanken. „Dieser Hitlerjunge ist noch sehr lebhaft in mir vorhanden. Er ist noch immer ein Teil von mir“, sagt Sally Perel. Doch die Rolle des Hitlerjungen habe ihn auch an die Grenzen des Hasses auf sich selbst, den Juden mit dem tödlichen Geheimnis, geführt. „Wenn man immer wieder diese feindlichen Gedanken eingetropft bekommt, wird das Gehirn vergiftet“, sagt Sally Perel.
„Diese schöne Uniform mit den Hakenkreuzen“ – schnell habe er sich damit nicht mehr verkleidet gefühlt. Schnell habe er sich mit der Ideologie der Nazis identifiziert. „Ich war der einzige jüdische Nationalsozialist.“
Doch während der Hitlerjunge Josef Peters begeistert ,Es lebe der Sieg‘ geschrien habe, wurden seine Glaubensbrüder in Konzentrationslagern vergast. „Ich musste Hakenkreuze tragen und ,Heil Hitler‘ schreien, um zu überleben“, sagt Perel heute.
Den Sinn seines Überlebens hat er im Erzählen seiner Geschichte gefunden. Indem er die Vechelder Schüler in sein Erleben eintauchen lässt, will der 86-Jährige sie zu Zeugen der deutschen Nazi-Vergangenheit machen. „Nach mir wird es keine Zeitzeugen mehr geben, ihr müsst die Wahrheit für mich überliefern“, bittet Perel.
Wie wichtig das ist, hat auch Spiegelberg-Schüler Fabian Neumann begriffen: „Dass Parteien wie die NPD noch heute mit ausländerfeindliche Parolen ankommen zeigt, dass sich Geschichte wiederholen kann“, sagt der 19-Jährige. Seine Mitschülerin Keziban Özen ist zu Tränen gerührt. Für die 18-Jährige hat Sally Perels Geschichte eine religionsübergreifende Botschaft: „Wir sind alle Brüder und Schwestern, weil wir Menschen sind.“




