Wie brutal darf die Moderne sein?

Braunschweig.  Eine Ausstellung des Braunschweigischen Landesmuseums über Bauen seit den 1950ern regt zu Diskussionen an. Reden Sie mit.

Durch den hohen Grünanteil bis heute lebenswert: die Terrassenhäuser der Wohnanlage Dresdner Ring und Stralsunder Ring in Westhagen aus den 1970er Jahren.

Durch den hohen Grünanteil bis heute lebenswert: die Terrassenhäuser der Wohnanlage Dresdner Ring und Stralsunder Ring in Westhagen aus den 1970er Jahren.

Foto: Lars Landmann / Stadt Wolfsburg

Beton hat’s schwer. Er ist nun mal grau, und das ist der norddeutsche Himmel sowieso schon allzu oft. Das „frische Steingrau“, mit dem Loriot einst die Situation retten wollte, hat noch keiner erfunden. Und wer den Beton ehrlich verwittern lässt wie beim Anbau des Braunschweiger Rathauses, bekommt irgendwann auch noch Probleme mit Klima und Substanz. Gut gepflegt ist auch bei der ungeliebten Moderne die halbe Miete und erleichtert das Liebhaben.

Die Ausstellung „Brutal modern“ im Braunschweigischen Landesmuseum erklärt an 20 Beispielen aus der Region, was die kühneren Entwürfe des Bauens seit den 1950er Jahren auszeichnet. Welche Qualitäten in der Architektur ohne barocke Schnörkel und historistische Säulen steckt. Weshalb sie von den albernen Türmchen und Erkern der Postmoderne ebenso angenehm entfernt bleibt wie von der 08/15-Glas-und-Stahl-Bauweise mit möglichst spitzen Winkeln unserer Gegenwart.

Spricht man die Menschen, die aus der Braunschweiger Ausstellung kommen und dort am Ende ihr Votum für erhaltenswerte oder abrisswürdige Objekte abgeben sollen, dann ist von totaler Ablehnung alles Neuen bis zur Beschwärmung eines Kult gewordenen 50er-Jahre-Charmes alles dabei. An dem Sonntag, als wir sie fragten, herrschte eindeutig kritische Tendenz vor, bis hin zu der Feststellung, die Ausstellung wolle ja auch nur in eine Richtung belehren, nämlich vermitteln, dass das moderne Bauen anspruchsvoll und die zeitgemäße Antwort auf populäre Nostalgie sei.

Und das tut die Ausstellung auch. Sie dringt auf den zweiten Blick, der Entwürfe aus einer Zeit und einer Umgebung heraus zu verstehen lehrt. Der die oft finanziell bedingten Abweichungen benennt, die Entwürfe verwässern, und die Schäden und Vernachlässigungen, die Objekte ruinieren oder verschlimmbessern. Sie liefert keine ästhetischen Argumente, die auch mal gegen ein Objekt sprechen könnten und das von vielen verspürte diffuse Unwohlsein im Leben mit der Moderne auszudrücken helfen.

Und die gäbe es ja. Weil der Braunschweiger Rathaus-Neubau sich natürlich nie harmonisch in die Umgebung fügen wollte, sondern eine bewusste Kampfansage an Ludwig Winters neogotisches Rathaus ist. Erdrückend nahe rückt er ihm auf den Pelz und bestreitet damit dessen ältere ästhetischen Rechte. Lässt eine dunkle Parkplatzschlucht entstehen, wo einzig ein großzügiger Platz beiden Gebäuden und dem demokratischen Stadtwesen gerecht werden könnte.

Und obwohl der neue Baukörper licht gefügt und gestaffelt ist, erdrückt er das Basisgeschoss mit den viel zu niedrigen Arkaden, die wiederum in der Verschattung durch den gegenüberliegenden geschlossenen Gebäuderiegel dunkel und wenig einladend wirken. Der schlechte Bauzustand tut ein Übriges, die Abrisszettel häufen sich an der Abstimmtafel. Dicht folgt das Horten-Kaufhaus, das einst als Endpunkt einer Park- und Teichlandschaft und ohne Straßenschneise durchaus freundlicher geplant war, nun aber über diese hin der Schlossfassade mit klobigem Kaufhausanbau feindlich zu trotzen scheint.

Wie brutal darf die Moderne sein?

Eine Ausstellung des Braunschweigischen Landesmuseums über Bauen seit den 1950er Jahren regt zu Diskussionen an. Video: Andreas Berger
Wie brutal darf die Moderne sein?

Und auch das Studentenwohnheim Affenfelsen bleibt mehrheitlich ungeliebt, da es sich dem stadteinwärts fahrenden Besucher klotzig entgegenstellt, statt ihn einzuladen. Von der anderen Seite wirkt der Komplex dagegen als lebendige Bauklötzchenlandschaft. Wären die Würfel bunt, statt grau, könnten sie spielerisch Effekt machen.

Am glimpflichsten kommen bei den Besuchern an diesem Tag jene Bauten weg, die Historisches integrieren: das Sparkassen-Gebäude im Braunschweiger Alten Bahnhof trotz Bürohochhaus, die Wolfenbütteler Herzog-August-Bibliothek mit ihren innen modernen Einbauten, auch die in Schindeln gestaffelte Fassade des Karstadt-Einrichtungshauses in Braunschweig, die formal Abwechslung bietet, sich aber schwarz zurücknimmt aus dem Straßenbild, um die Show dem Gewandhaus zu überlassen.

Das am meisten geliebte Objekt der Moderne aber steht in Wolfsburg, und es stammt nun mal aus berühmter Meisterhand: das Scharoun-Theater. Wie es da feinsinnig verschachtelt aus dem Wald hervorwächst und vom grünen Hügel hinab der Stadt zuwendet, das hat Klasse. Und der Saal innen ist von gleicher lichter Präsenz, dass man die heilsame Kraft der Kultur schon im Raumeindruck zu spüren scheint. Das Alvar-Aalto-Kulturhaus war unten einst das ebenso zum Park geöffnete Pendant, bevor die Stadt sich nun wieder mit Nord- und Südköpfen abschottete.

Braunschweigs Stadthalle könnte ähnlich glücklich wahrgenommen werden wie Scharouns Theater, fehlt ihr auch die Hügelposition. Auch hier wurden die Trapezformen in Pflaster und Grün dem Park zugewendet. Schon die postmodernen Anbauten am Haupteingang stören das durchdachte Ensemble. Das vom Denkmalschutz geopferte lichte, offene Parktrapez schafft geschmeidigen Übergang zur Stadt und lässt den historischen Friedhof dahinter in der Wahrnehmung. Geplante mehrstöckige Bebauung dürfte das zerstören. Falls sie die Trapezformen raffiniert variiert, wäre eine neue Wertsetzung denkbar.

Einbeziehung von Grün jedenfalls steht hoch im Kurs bei den Besuchern. Die Terrassenhäuser in Wolfsburg-Westhagen, ein Stadtteil, der auch nicht durchgehend mit spannender Bebauung glänzt, bilden durch ihre bepflanzten Balkons und Terrassen eine Art gestaffelten Park, hängende Gärten, wie sie sich in der Enge einer Stadt eigentlich öfter empfehlen müssten.

Ein Schritt weiter, und wir wären bei den naturnahen, kurvig-fließenden Formen, mit denen Friedensreich Hundertwasser der nie kantig-normierten Erscheinung des Menschen und seinen Bedürfnissen nach spielerischer Abwechslung und Non-Konformität entgegenkommen wollte. Die weitere Region kennt Beispiele in Uelzen und Magdeburg, deren Popularität zeigt, dass frei wuchernde Baummieter, kleine Wasserfälle und gewundene Bachläufe zwischen Fliesen, Muscheln und Keramik, wie wir sie aus dem Süden kennen, Alltagswohnen zum Erlebnis machen kann.

Nun endet die Ausstellung ja mit den 80ern. Aber angesichts der Einfallslosigkeit, die in den ständig eilig aus dem Boden gestampften Neubaugebieten auch in unserer Region herrscht, stellt sich doch die Frage, warum sich aus dem ablehnenden Bauchgefühl so vieler Menschen gegenüber allzu konfektioniertem modernen Bauen nicht mehr Alternativen entwickeln. Und auch noch die Vorgärten geschottert werden.

Es ist ja doch merkwürdig genug, dass, nachdem die alten herzoglichen Platanen gefällt sind, Kletterpflanzen die allzu brutalen Wandflächen der Schlossarkaden gnädig verhängen sollen. Und dass trotz Klimawandels und Trockenheit nicht viel mehr Bäume und Wasserflächen bindend in die neuen Stadtquartiere eingeplant werden. Gegen Grau in Grau hilft nur ein frisches Naturgrün. Scharoun und die Terrassenhäuser zeigen, dass nachhaltig Bauen geht. Und Aalto schrieb es uns ins Stammbuch: „Es gibt nur zwei Dinge in der Architektur: Menschlichkeit oder keine.“

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