Personalmangel – Braunschweiger Klinikum schließt Station

Braunschweig.  Es handelt sich um eine vorübergehende Maßnahme. Die Suchtstation kann zwei Monate lang keine Patienten aufnehmen, da Personal fehlt.

Der Eingangsbereich des Klinikums an der Salzdahlumer Straße.

Der Eingangsbereich des Klinikums an der Salzdahlumer Straße.

Foto: Philipp Ziebart / Archiv BestPixels.de

Der Fachkräftemangel ist überall zu spüren – nun trifft es auch das Städtische Klinikum mit voller Wucht. Zum ersten Mal muss das Krankenhaus eine Station wegen Personalmangels vorübergehend schließen. Das bestätigte das Klinikum auf Anfrage.

Es handelt sich um die Station 21 am Hauptstandort Salzdahlumer Straße, zuständig für den qualifizierten Entzug von Suchtmitteln. „Nach aktuellem Stand wird die Station von August bis voraussichtlich September geschlossen“, so Klinikumssprecherin Thu Trang Tran. Sie versichert: „Bei der Schließung der Station handelt es sich um eine vorübergehende und keine absolute Schließung des Bereiches.“ Es handele sich um eine Ausnahme.

Seit Monaten fehlt Personal

Zum Hintergrund erklärt Tran: Seit dem Frühling seien mehrere Stellen im assistenzärztlichen Bereich nicht besetzt. „Ein Trend der Unterbesetzung, der auch bundesweit zu verzeichnen ist. Eine Entspannung in der ärztlichen Personalbesetzung, die sich im Juli abzeichnen sollte, trat leider nicht ein“, so Thu Trang Tran in einer Stellungnahme. Seit der Unterbesetzung werde die Versorgung durch „eine straffe Organisation und ein außerordentlich hohes Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im medizinisch-pflegerischen Bereich“ kompensiert. Dies lasse sich in diesem Maße nicht länger aufrechterhalten. Deshalb müsse die Station vorübergehend geschlossen werden, heißt es.

Offenbar keine Ausnahme: Nach Angaben der Pflegekammer Niedersachsen werden in Kliniken in Niedersachsen immer mehr Stationen aufgrund des großen Mangels an Pflegefachpersonal geschlossen. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit kamen in Niedersachsen im Juni auf 965 offene Stellen in der Gesundheits- und Krankenpflege nur 315 Bewerber.

Sandra Mehmecke, Präsidentin der Pflegekammer Niedersachsen, sieht in der Schließung einzelner Stationen eine notwendige Maßnahme: „Stationen zu schließen, wenn nicht ausreichend Fachpersonal vorhanden ist, ist in höchstem Maße verantwortungsbewusst. Pflegefachpersonen dürfen nicht länger verprellt werden, indem sie ständiger Überlastung ausgesetzt sind. Betten zu sperren und Stationen zu schließen, entlastet das Pflegepersonal und dient der Patientensicherheit.“

Die Station 21 des Klinikums in Braunschweig gehört zur Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik und ist spezialisiert auf die „Qualifizierte Entgiftung“ bei Alkohol- oder Tablettenabhängigkeit. Die Entgiftung dauert drei Wochen, beinhaltet Einzel- und Gruppentherapien und verbindet dabei die medizinische-körperliche Entgiftung mit psychotherapeutischen Elementen für eine langfristige Abstinenz. Begleitende psychiatrische Erkrankungen wie Angst- oder depressive Störungen können unmittelbar mitbehandelt werden.

Notfallversorgung in der Region ist sichergestellt

Betroffen von der Schließung sind 17 Betten, die für den besagten Zeitraum nicht zur Verfügung stehen. Bei Patienten, die noch im Juli stationär aufgenommen werden, werde die Behandlung zu Ende geführt, so Tran. Es wird also kein Patient vor die Tür gesetzt.

Derweil versucht das Klinikum mit Hochdruck, die vakanten Stellen zu besetzen. Thu Trang Tran: „Das Bewerberverfahren für die offenen Stellen befindet sich in der Endabstimmung. Sobald die Stellen wieder besetzt sind, wird auch die Station 21 wieder geöffnet.“

Die Sprecherin betont: „Die akute Notfallversorgung ist und wird in der Region weiterhin sichergestellt.“ Vorerst müssen sich Patienten und auch die Rettungsdienste und Krankentransporte jedoch auf längere Wege einstellen: Anlaufstellen in der Region sind das Awo-Psychiatriezentrum in Königslutter sowie die Klinik „Dr. Fontheim Mentale Gesundheit“ in Liebenburg. Als Beratungsstellen stehen wie gewohnt die Lukas Werke in Braunschweig und der Sozialpsychiatrische Dienst des Gesundheitsamtes zur Verfügung. Letzterer ist zu den Bürozeiten unter (0531) 4707272 zu erreichen. Seit Juni gibt es auch einen Notdienst an Wochenenden und Feiertagen: (0531) 4707777.

In Niedersachsen sieht die Situation dramatisch

Die Braunschweiger Notlage ist kein Einzelfall. Ähnlich dramatisch ist die Situation in vielen Häusern in Niedersachsen. „Jedes dritte Klinikum kann einzelne Betten nicht mehr belegen oder schließt ganze Stationen“, sagt Marten Bielefeld, stellvertretender Geschäftsführer der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft, unserer Zeitung. „Die Versorgung ist gefährdet – die Patienten müssen sich daher vor allem auf weitere Wege einstellen.“ Neben dem Helios-Klinikum Gifhorn spricht auch das Braunschweiger Marienstift von einem Problem: „Ja, wir merken den Fachkräftemangel spürbar in der Pflege. Noch mehr aber im ärztlichen Bereich“, so Geschäftsführer Wolfgang Jitschin. Dramatisch ist die Lage auch in Wolfsburg: „Aufgrund der Personalsituation mussten in Wolfsburg bereits Teile einer Station geschlossen werden“, teilt Personalleiter Harald Frohbart unserer Zeitung mit.

Wie Sandra Mehmecke, Präsidentin der Pflegekammer Niedersachsen, betont, sei die Schließung von Stationen zwar bitter, zum Teil aber notwendig. „Stationen zu schließen, wenn nicht ausreichend Fachpersonal vorhanden ist, ist in höchstem Maße verantwortungsbewusst. Pflegefachpersonen dürfen nicht länger verprellt werden, indem sie ständiger Überlastung ausgesetzt sind.“

Für Kliniken in Deutschland wird die Situation durch ein Gesetz verschärft, das im Januar in Kraft getreten ist. Das Gesetz gibt die Anzahl der Fachkräfte in Geriatrie, Intensivstation, Unfallchirurgie und Kardiologie vor. Das Ziel: Mehr Sicherheit und Qualität. Das Problem: Es gibt nicht genug Bewerber. „Tatsächlich bräuchten wir zehnmal so viele Bewerber wie wir aktuell haben, um alle offenen Stellen adäquat zu besetzen“, weiß Sonja Kazma von der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Bundesagentur für Arbeit. Sie erklärt, dass rein rechnerisch drei Bewerber benötigt werden, damit eine Stelle im Bereich des klinischen Fachpersonals nachbesetzt werden könne.

Doch so viele Bewerber stehen den Kliniken nicht zur Verfügung – stattdessen gibt es 2019 die niedrigsten Bewerberzahlen seit etwa zehn Jahren. „Fast 1000 offene Stellen gibt es im Juni 2019. Allerdings gibt es nur 315 Bewerber“, weiß Kazma. Im Jahr 2007 war die Situation fast umgekehrt. Auf 417 offene Stellen kamen 975 Bewerber.

Einen Kommentar zum Thema lesen Sie hier: Engpass in Kliniken

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