Braunschweigerin schreibt ein Buch zum Islam in der Schule

Braunschweig.  Die Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Wiedenroth-Gabler appelliert, stets im Gespräch zu bleiben.

Die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Ingrid Wiedenroth-Gabler mit ihrem neuen Buch über kulturelle Vielfalt in der Schule.

Die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Ingrid Wiedenroth-Gabler mit ihrem neuen Buch über kulturelle Vielfalt in der Schule.

Foto: Philipp Ziebart/BestPixels.de

Die Frage treibt Ingrid Wiedenroth-Gabler nachhaltig um: Wie kann es in unserer Gesellschaft gelingen, verschiedene kulturelle und religiöse Sichtweisen miteinander zu verbinden?

Die 59-Jährige ist Religionspädagogin und seit 1997 an der Fakultät für Geistes- und Erziehungswissenschaften der TU Braunschweig tätig. In Vorlesungen und Workshops, Lehrerfortbildungen und öffentlichen Diskussionen hat sie sich vor allem mit dem Thema Islam beschäftigt. Nun hat die wissenschaftliche Direktorin ihre Erfahrungen und Erkenntnisse in einem Buch zusammengefasst: „Kulturelle Vielfalt in der Schule – Islam als Herausforderung“.

„Ich habe gelernt, dass die islamische Sicht auf die Welt eine andere ist, als meine Sicht auf die Welt“, sagt sie. Doch grundsätzlich sei es für ein gedeihliches Miteinander unbedingt erforderlich, sich seiner eigenen Wahrnehmung bewusst zu werden, der eigenen Brille. Man müsse bereit sein, die Welt auch mal aus Sicht des anderen zu betrachten. Die Notwendigkeit des Perspektivwechsels gelte natürlich für beide Seiten.

Ihr Buch ist ein wissenschaftliches, das sich an Lehrer, Studenten aller Fächer und an jeden grundsätzlich Interessierten richtet. Ihr Ziel: „Ich möchte über mein eigentliches Fach hinaus, die evangelische Religion, dazu beitragen, dass speziell in der Schule Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund gut zusammenleben.“

Kein einfaches Unterfangen. Denn selbst das innigste Plädoyer für gegenseitiges Verständnis stößt nicht selten an Grenzen. Bei allem Verbindenden der Kulturen und Religionen gibt es eben doch auch gravierende Unterschiede, die Fremdheit fördern und Ablehnung herausfordern. Konflikte an den Schulen lassen sich nicht übersehen und kleinreden. Ingrid Wiedenroth-Gabler scheut sich nicht, den gesellschaftlichen Zündstoff beim Namen zu nennen: Wenn etwa Drittklässlerinnen andere Mädchen beschimpfen, weil sie kein Kopftuch tragen. Wenn ein Vater beim Elterngespräch der Lehrerin nicht die Hand geben mag. Wenn im Fastenmonat Ramadan Schüler dehydriert zusammenbrechen. Wenn ein Junge in der Mathestunde den Unterricht verlässt, um zu beten. Wenn sich bei der Klassenfahrt Kinder weigern, ihr Fleisch vom selben Grill zu essen, wo schon Schweinewürstchen gebraten wurden.

Ob Kollisionen mit religiösen Geboten oder Abwertungen und Kämpfe um Wahrheitsanspruch: Die Pädagogin appelliert, stets im Gespräch zu bleiben, Fragen zu stellen, sich Verhaltensweisen erklären zu lassen. Ihr Rat an die Lehrer: „Verdeutlichen Sie Ihren Schülern, dass alle Teil eines großen Ganzen sind. Und alle sind Teil der deutschen Gesellschaft – mit allen Rechten und Pflichten.“

Auch bei radikalen Ansichten sollten Lehrer sensibel und respektvoll bleiben. Egal, wie abwegig, grenzwertig oder irrational eine These sei, die Schüler in den Raum stellten: Lehrkräfte sollten den Gesprächsfaden stets aufrechterhalten. „Wer sonst kann die Kinder und Jugendlichen zum Nachdenken anregen?“

Selbstredend seien Unterrichtsinhalte bestimmt durch Schulgesetze unter anderem mit den Zielen Gerechtigkeit, Demokratiefähigkeit, kritischer Urteilsfindung und ethischer Handlungsfähigkeit. Natürlich könne keinesfalls hingenommen werden, dass Schüler oder Elternteile Lehrerinnen ignorierten, abwerteten oder beleidigten. „Hier muss ein harter Diskurs geführt werden“, stellt Ingrid Wiedenroth-Gabler klar. „Was die Rolle und Rechte der Frau betrifft, dürfen wir keinen Millimeter weichen.“ Ihr griffiges Bild zur Nachahmung: die Respektschranke. „Jeder Mensch muss sich fragen, wo der eigene Wahrheitsanspruch endet.“

Zahlen bewiesen, dass immer weniger Menschen in Deutschland christlich orientiert oder religionslos seien, es aber immer mehr Muslime gebe. Ihre Zahl lag 2017 mit 4,2 Millionen bei fünf Prozent der Bevölkerung. Rund 45 Millionen der Deutschen sind dem Christentum verbunden. In Niedersachsen sind von 720.000 Schülern rund 64.000 Muslime.

Ein Buch, das erhellende Einblicke auch in muslimisches Denken gewährt und gängige Wege aufzeigt, wie Konflikte angegangen werden können. „Wir müssen Brücken bauen für die Gesellschaft der Zukunft“, mahnt die Pädagogin.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (3)