Bauhaus-Jubiläum – auch in Braunschweig?

Ich habe mich natürlich gefragt: Wie ist es denn mit weiteren Bauhaus-Funden in Niedersachsen oder gar in Braunschweig bestellt?

Das Thema Bauhaus ist ja momentan allgegenwärtig. Nein, nicht der Baumarkt ‒ der ist immer gegenwärtig. Ich meine das 100. Jubiläum der Gründung des Bauhauses. Die Bauhaus-Bewegung oder -Schule hat die Moderne in allen Bereichen beeinflusst: Sie wirkte in Architektur, Kunst, Grafik, im Kunsthandwerk, überhaupt prägte sie den modernen Lebensstil und letztlich den Geschmack vieler. Fernsehen, Radio und Fachzeitschriften berichten zurzeit darüber, und Museen tragen allerlei Fundstücke der Zeit zusammen. In Buchhandlungen biegen sich Tische unter Bildbänden mit Deutungsversuchen und anderen vielfältigen Aspekten zum Thema. Zu Ehren des Bauhauses eröffnete unlängst in Dessau, Sachsen-Anhalt, dem Gründungsort der Bauhaus-Bewegung, ein schickes Museum.

Dabei liegt im Nachbarbundesland ‒ nämlich in Niedersachsen ‒ quasi die Wiege des Bauhauses, und zwar in Alfeld an der Leine mit dem sensationellen Industriebau des Fagus-Werks. Als Ursprungsbau der modernen Indu-striearchitektur ist das 1911 erbaute Fagus-Werk das Erstlingswerk des Architekten und Bauhausgründers Walter Gropius. Der Vorzeigebau wurde im Jahr 2011 in die Liste der Unesco-Welterbe aufgenommen und zählt seitdem zu den aktuell 42 Welterbestätten in Deutschland.

Wer mich kennt, wird wissen, was mich im Zuge dieses Jubiläums umgetrieben hat. Ich habe mich natürlich gefragt: Wie ist es denn mit weiteren Bauhaus-Funden in Niedersachsen oder gar in Braunschweig bestellt? Fündig wird man zum Beispiel in Celle. Dort baute Architekt Otto Haesler drei Siedlungen mit kleineren Wohnungen inklusive eines Wasch- und Badehauses sowie einer lichtdurchfluteten Schule, der Altstädter Volksschule, auch Glasschule genannt. Dieses Gebäude wird noch immer als Grundschule genutzt und gilt als einer der bedeutendsten Bauten des Bauhaus-Stils. Haesler war allerdings nur von Bauhaus inspiriert, doziert oder Kurse belegt hat er im Bauhaus nicht. Otto Haesler wird uns noch einmal begegnen, also bitte den Namen nicht schon ad acta legen.

Nun zu Braunschweig. Vorab: Es gibt kein originales Bauhaus-Gebäude ‒ zwar Bauten des „Neuen Bauens“ wie das Stadtbad oder die Kaserne in der Weststadt ‒, aber die Suche nach Bauhaus-Spuren sollte nicht gänzlich erfolglos bleiben. Architektonische Hinweise auf eine Bauhaus-Gestaltung findet man partiell im zwischen 1921 und 1941 in Braunschweig erbauten Siegfriedviertel, das unter Denkmalschutz steht. Das klingt vage? Ist es auch! Es handelt sich hier um das Zusammentreffen von Misch- und Sonderformen verschiedener Architekten zu unterschiedlichen Zeiten: „Kubisch strenge, funktionalistisch geprägte Hausgruppen korrespondieren mit Fassaden, deren ,gemäßigter‘ Funktionalismus auch expressive handwerksbetonte Elemente zulässt“, beschreibt es die Denkmalpflege. Fazit: ein bisschen Bauhaus.

Als weiteres Beispiel ist die Bebelhof-Siedlung zu nennen, deren Grundstein im Jahr 1929 gelegt wurde. Das neue, klar strukturierte Wohngebiet mit 450 modern ausgestatteten Wohnungen bot den Mietern, zumeist Arbeitern, großzügige Freiflächen, die eine gut durchdachte Sonneneinstrahlung und damit Durchlüftung der Wohnungen gewährleisten sollten. Gemeinschaftseinrichtungen wie eine Waschküche erweckten damals den Neid vieler Hausfrauen. Heute ist von einer Bauhaus-Anmutung nur noch wenig zu sehen, denn in den 1950er-Jahren wurden die Gebäude um eine Etage aufgestockt, und man opferte dafür das typische Flachdach zugunsten eines Satteldachs. An die damalige, an Bauhaus anklingende Architektur erinnern noch der Uhrenturm, die Backstein-Türumrandungen und manche Fensterformen. Zusammenfassung: Früher war da mehr Bauhaus.

Nun zum weißen Kubus mit Flachdach aus dem Jahr 1929 in der Ekbertstraße im Westen Braunschweigs. Erbaut von Otto Haesler – da ist der Name wieder –, der dem Bauhaus nahestand. Das Gebäude, das als Kontor- und Lagerhaus von Kurzwaren konzipiert war, punktet mit einem breiten, hellen Treppenhaus, das vier Geschosse und ein Untergeschoss verbindet. Die Etagen sind klar durch Fensterbänder gegliedert, die dem ganzen Raum gleichmäßige
Helligkeit garantieren. Besagte Fensterzone liegt so hoch, dass darunter Regale aufgestellt werden können. Zweckmäßig und gut durchdacht. Der Gesamteindruck ist klar und ästhetisch. Bauhaus? Nahezu!

Auch wenn wir Braunschweiger im Fall Bauhaus nicht so ganz mithalten können, so können sich Bauhaus-Anhänger zumindest damit trösten, dass durch das momentane Bauhaus-Revival die Ideen des Aufbruchs in Architektur und Lebensart nicht verloren gehen. Besuchen Sie doch einfach eine von Braunschweigs Buchhandlungen – Bauhaus im Buch tut’s auch.

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