Ein Leben wie im Katalog: Selbstinszenierung im Internet

Instagram, Facebook & Co: Die Autoren der Jugendredaktion schildern ihre Gedanken über die Chancen und Gefahren der sozialen Medien.

So zauberwunderschön ist mein Leben: In Social-Media-Kanälen soll möglichst alles perfekt aussehen.

So zauberwunderschön ist mein Leben: In Social-Media-Kanälen soll möglichst alles perfekt aussehen.

Foto: GettyImages / TeamDAF

Wheeeee! Britney Spears zeigt, was geht

Wheeeee! Britney Jean Spears trägt türkise Hausschuhe und ein langes gelbes Kleid. Sie steht auf ihrer Terrasse: Marmorboden und Marmorsäulen in Kalifornien.

Spears herzt zwei kleine Malteser, ihre „babies“. Sie nimmt einen Hund auf den Arm und dreht sich. Seit 1998 haben sich ihre Klamotten (gerne bauchfrei und Hot Pants) nicht verändert. Im Pool, im Garten, in ihrer Villa, in „ihrer Nachbarschaft“ findet das süße Leben statt.

Britney Spears war Superstar, Teenie-Idol, Megastar, erfolgreichste Künstlerin der 2000er. Heute könnte sie auch genauso gut die Frau des erfolgreichsten Wohnmobil-Verleihers der Westküste sein. Es ist niedlich. Die 38-Jährige spickt ihren Instagram-Account mit kleinen Videos von ihrem muskulösen jüngeren Freund, mit „Lebensweisheiten“ (Home is where your heart is.) und Fitness-Clips.

Der ultimative Spears-Gegensatz: Der mittelalterliche Mensch. Er ist meist Bauer und hatte Gelegenheit, sich in der Oberfläche des Weihers in der Nähe seines Dorfes zu spiegeln. Das erste Mal überhaupt sieht er sein Gesicht. Dann muss er wieder los und ehrliche Arbeit verrichten, bis er mit dreißig Jahren verstirbt.

Der moderne Mensch steht vor dem Spiegel, und zwar ungefähr dreißig Jahre. So, wie er meist aussieht: In relativ günstigen Klamotten und mit ganz in Ordnung aussehenden Haaren. Meistens macht er dann ein Foto oder denkt laut: „Ich sehe so scheiße aus, haha.“

Haha, wie Bridget Jones, BEVOR alles gut wird. Manchmal denkt er das auch beim Machen eines Fotos und löscht es danach sehr schnell. Und wird einmal alles gut? Wie erleben Sie das?

Ich weiß nicht...

Was ist das süße Leben: Niemals bemerken, dass die Haare schon den kompletten Morgen ganz, ganz sonderbar abstehen (Mich sehen ja nicht nur meine eine Kuh und meine acht Kinder und die schiefe Birke vor dem Haus) oder selbst mit fast 40 Jahren noch sexy aussehen zu müssen?

Wahrscheinlich muss man einen Kompromiss machen. Hauptsache, niemand sagt sowas Ne-herviges wie: „Algorithmen übernehmen das Denken für uns“, und es macht einem Spaß.

Britney Jean Spears schreibt (und zeigt): „Bike riding in my neighborhood is so much fun .... wheeeee!“. Wheeeee!

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Ein schlagendes Herz unter jedem Post

Von Danielle Wiesner

Und sie will frei sein, so frei wie man sein kann, wenn man sich an anderen festhält.

Sie will supporten, promoten, Werbung durch Markennennung beschreibt ihre Welt. Sie filtert alles, was geht, posiert eben, wie man als Model so steht, inszeniert eine Welt, in der sich nichts bewegt.

Bewegt nichts sich wieder zurück, wie als Boomerang. Und wann, wann werdet ihr wach und seht, es ist alles nur Fassade? Wo mal ein herzliches Lachen war, ist nur eine Blockade.

Und ich frage, ich frage mich, was sie sucht? Denn suche ich jemanden, der mir zuhört, dann schreib’ ich ein Buch. Sucht sie „positive vibes“, vielleicht ein schlagendes Herz unter ihrem neuen Post? Spendet ein Like oder ein kleines Stück Aufmerksamkeit ihr den Trost – den Trost, den sie braucht? Das Kleid steht ihr, findet ihr nicht auch? Schreibt’s doch in die Kommentare. Fallen ihre Haare doch heute wieder besonders schön über ihre Schultern. Diese Schultern, die eigentlich so viel tragen, aushalten, bis sie nicht mehr können und dann? Dann einmal noch lächeln für die Kamera. Denn die ist immer für sie da. Schickt sie in eine Welt, in der alles heile ist, alles leise ist, alles gut. Es ist alles super, alles okay und never mind, but I would say: „Hey guys, I’m totally fine. Let’s say cheers, I’m out for a girls’ night and we’re drinking wine.“

Oh English, oh English, ich hoffe, jeder versteht dich. Denn, dass Stimmen auf der anderen Seite der Erde sie hören, versteht sich. Ich versteh’ nicht, was sie erfüllt, denn das Glas ist halb leer, immer halb leer auf den Fotos, doch ihr Absturz geht erst nach der Show los.

Ratlos, zusehend und machtlos. Ein Follower eben. So ist das halt im Leben. Die einen gehen vor und die anderen folgen. Was eben noch schwarz-grau war, schimmert jetzt golden. Und wenn die Filter verschwinden, die Farben verblassen, dann ist ihr manchmal nach Loslassen. Dann fühlt sie sich richtig in dieser falschen Welt. Und sie will frei sein, so frei wie man sein kann, wenn man sich an sich selbst festhält.

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Bringen soziale Medien Depressionen und Einsamkeit?

Von Aramis David

2008: Gründung von „Facebook“. Obwohl es in Interviews auffällt, dass dem jungen Mark Zuckerberg aus gutem Hause sozialer Umgang etwas schwerfällt, entpuppt er sich als Marketing-Genie. Von 2008 bis heute philosophiert Facebook öffentlich über die „Revolution der menschlichen Kommunikation“: Nie wieder soll der Mensch Kontakt mit alten Freunden verlieren, immer auf dem Laufenden sollte er sein!

Dieses Versprechen hält Mark Zuckerberg mit „Facebook“. Natürlich nur für Nutzer… Es gibt auch alternative soziale Medien, etwa Instagram und WhatsApp. Jedoch wurden diese Programme von Facebook aufgekauft.

Wie viele Menschen sind mittlerweile angemeldet? Die Mehrheit. Das klingt nach Erfolgsgeschichte. Und irgendwie auch nach Monopol. Dank Zuckerberg und Smartphones kannst du dich jederzeit mit dem Rest der Welt verbinden. Jederzeit? Das klingt verlockend.

Aramis von unserer Jugendredaktion "Streetwords"
Aramis von unserer Jugendredaktion Streetwords

„Zu viel Fernsehen macht eckige Augen“ hieß es in unserer Kindheit. Haben unsere Handys den gleichen Effekt? Eckige Augen haben die Forscher noch nicht entdeckt, jedoch Zusammenhänge zwischen Social Media und Depression bei Jugendlichen. Besonders bei Mädchen. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass auf dem weiblichen Geschlecht historisch ohnehin hoher Druck bezüglich des äußeren Erscheinungsbildes lastet.

Mit dem Auftreten von Social Media (etwa Instagram) verfällt man leicht dazu, sich mit anderen zu vergleichen. Theodore Roosevelt sagte: „Zu vergleichen ist der Dieb jeder Freude“; und doch kann toxisches Denken dieser Art süchtig machen. Das ist fatal, wenn man aus dem perfekten Profil eines Instagram-Models auf ein perfektes Leben schließt.

Die Jugend ist gefährdet, doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. In den letzten drei Jahren ist die Lebenserwartung zurückgegangen. Selbstmord hat Auto-Unfälle als primäre Todesursache abgelöst.

Einsamkeit ist eine Epidemie und lässt sich mit dem Großteil der Erkrankungen im Gesundheitssektor in Verbindung bringen, psychisch wie physisch (etwa: Herzprobleme und Depressionen). Diese Epidemie kam schleichend – 1985 hatte der Deutsche im Schnitt drei gute Freunde, heute sind es nahezu null. Unsere Gesellschaft tut sich schwer damit, uns die Bedeutung von tief-schürfendem menschlichen Kontakt zu vermitteln – das, was nachgewiesenermaßen ein glückliches Leben ausmacht.

Sie scheitert daran, uns deutlich zu machen, dass alle Menschen dieser Welt unweigerlich miteinander verbunden sind. Immerhin teilen wir uns einen Planeten und eine Umwelt; wir atmen buchstäblich die gleiche Luft.

Es stellt sich die Frage, weshalb diese Konzepte wenig Aufmerksamkeit bekommen – etwa in den Nachrichten. Dort wird lieber ein Narrativ von„Du gegen Sie“ gesponnen, trotz des Einsamkeitsproblems. Trotz Abnahme der Lebenserwartung.

Liegt es am Kapitalismus? Unglückliche Menschen konsumieren schließlich mehr. Und unglückliche Menschen sind viel am Handy. Das nenne ich nicht Revolution der Kommunikation, sondern Kapitalschlagen aus einem Sozialdefizit und finde es unmenschlich.

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Mein Leben - komprimiert auf 64 GB

Von Lina Probst

Komm schon, du schaffst das“, murmele ich mir ermutigend zu. Meine linke Hand zittert so sehr, dass ich beinahe mein Handy fallen lasse.

Mein rechter Daumen schwebt nur wenige Millimeter über dem Display, hinter dem sich mein gesamtes Leben befindet – komprimiert auf 64 GB. Ein Schweißtropfen rinnt meinen Nacken hinab, er verhöhnt mich, lacht mich aus und zerfließt hämisch auf meiner Haut. Nur ein Klick, nur noch ein Klick, nur – ich kneife meine Augen zusammen, lasse meinen Daumen wie den Hammer eines Richters sinken und drücke auf „deinstallieren“.

Es passiert… nichts. Kein Blitzeinschlag, kein Donnergrollen, kein weltweiter Stromausfall. Vorsichtig blinzele ich und schiele auf den hellen Bildschirm. Alles beim Alten. Nur mein Social-Media-Ordner enthält eine App weniger. Triumphierend, wie ein Marathonläufer nach seinem finalen Sprint, stoße ich die Faust in die Luft.

Lina von unserer Jugendredaktion "Streetwords"
Lina von unserer Jugendredaktion Streetwords

Ich habe soeben Instagram (App zum Posten von Bildern) deinstalliert. Oh, du meine Achilles-Verse in der Klausurenphase, du attraktiver Zeitfresser, du Lebensverschwender, der mich mit seinem elenden Perfektionismus vergiftete. Endlich bin ich dir entkommen.

Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt, so viele Wege tun sich auf, und das Licht am Ende des Tunnels lässt mich beinahe erblinden.

Ein lautes, nervtötendes Geräusch lässt mich plötzlich hochschrecken. Ich wache auf. Das Licht fällt in sich zusammen und wird zur weißen Wand neben meinem Bett. Nur langsam findet mein Finger den Aus-Knopf des Weckers. Schlaftrunken greife ich nach dem Smartphone auf meinem Nachtschrank und schalte es abwesend ein. Wie hypnotisiert starre ich auf das schwarze Display, auf dem nach und nach ein buntes Firmenlogo erscheint: Instagram!

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