Braunschweiger Pflegebündnis: „Die Pandemie gibt uns den Rest“

Braunschweig.  Pflegekräfte kritisieren schlechte Arbeitsbedingungen, Personalmangel und zu geringe Bezahlung. Ihr Appell: „Uns steht das Wasser bis zum Hals!“

Das Braunschweiger Pflegebündnis hat erneut eine Protestaktion auf dem Schlossplatz veranstaltet. Das Motto: „Uns steht das Wasser bis zum Hals!“

Das Braunschweiger Pflegebündnis hat erneut eine Protestaktion auf dem Schlossplatz veranstaltet. Das Motto: „Uns steht das Wasser bis zum Hals!“

Foto: Peter Sierigk

Die Forderungen sind altbekannt: Bessere Arbeitsbedingungen, attraktive Löhne, Personalbemessung am Bedarf. „Aber es ändert sich leider nichts Grundlegendes“, sagt Bernadette Kersten vom Braunschweiger Pflegebündnis. Die Corona-Pandemie verschärfe die Lage sogar. Zwar habe es anfangs große Wertschätzung für Pflegende gegeben, doch inzwischen sei dies wieder abgeklungen. Das Bündnis hat deswegen am Samstag auf dem Schlossplatz zum wiederholten Mal eine Mahnwache veranstaltet.

Unter dem Motto „Uns steht das Wasser bis zum Hals“ machten rund 20 Pflegekräfte auf ihre Sorgen aufmerksam. Einige ihrer Botschaften: „Um menschenwürdige Pflege durchführen zu können, brauchen Pflegekräfte mehr Kollegen!“ Und: „Menschenwürdige Pflege bedeutet Zeit für korrekte Händehygiene, damit Patienten vor Ansteckung mit Antibiotika-resistenten Keimen geschützt werden.“ Oder diese: „Menschenwürde vor Gewinnmaximierung im Gesundheitssystem! Krankenhäuser sind keine Fabriken – Patienten keine Ware!“

Forderung: Bonus auch für Krankenpflege

Für den 1500-Euro-Bonus, den Altenpflegekräfte als Dank für ihren besonderen Einsatz in der Corona-Krise bekommen sollen, gab es zwar Lob – aber auch viel Kritik: „Natürlich freuen wir uns darüber, aber niemand versteht, warum das Krankenhaus-Personal nichts bekommt, obwohl es genauso strapaziert ist“, sagt Bernadette Kersten. Die Debatte über den Bonus und die Frage, wer ihn denn nun finanziert, sei unwürdig und desolat gewesen.

Ihr genereller Eindruck: „Alte und Kranke sind in dieser Gesundheitsindustrie egal. Es geht in erster Linie um Zahlen und Statistiken.“ Das Gesundheitswesen sei ein Bürgergut, aber es diene viel zu oft als Renditeobjekt und werde auf dem freien Markt verhökert.

Bernadette Kersten wünscht sich daher unter anderem, dass die Finanzierung auf den Prüfstand gestellt wird. Sie nennt ein Beispiel: Solange Krankenhäuser Festbeträge für eine bestimmte Diagnose erhalten, seien sie gezwungen, die Patienten möglichst schnell zu entlassen. Wenn bestimmte Liegezeiten überschritten würden, müssten sie mit Bußgeldern der Krankenkassen rechnen. Es gebe genügend Fälle, in denen dies zum Nachteil von Patienten geschehe, so Kersten – und das dürfe in einer der reichsten Nationen weltweit einfach nicht sein.

„Arbeit in Schutzkleidung ist belastend“

Antje Pohle, Krankenpflegerin am Städtischen Klinikum, geht auf die aktuellen Belastungen ein: Viele Kollegen gehören ihr zufolge selbst zur Corona-Risikogruppe und sind dadurch sehr besorgt. Außerdem sei es extrem belastend, in Schutzkleidung zu arbeiten. „Das ist natürlich notwendig“, sagt sie. Aber es würde zumindest ein wenig entlasten, wenn es mehr Gelegenheit gäbe, die Schutzkleidung zwischendurch in Pausen auszuziehen und sich in einem kühlen Raum mal zu erholen.

Ihr Kollege Jörg Sengpiel wünscht sich eine Reduzierung der Arbeitszeit von 38,5 auf beispielsweise 35 Stunden sowie deutliche Lohnanreize. Die Bezahlung nach Tarif sei zwar nicht schlecht, aber im Vergleich mit anderen Berufsgruppen, die eine ähnliche Verantwortung tragen, sei noch Luft nach oben.

„Das ist extrem schwierig und zeitaufwendig“

Auch die Altenpflegerin Pia Häßler spricht die Bezahlung in ihrer Branche an: „Es ist traurig, dass einige Vollzeit-Kollegen mit 1500 oder 1600 Euro netto nach Hause gehen – bei diesen körperlich und psychisch schweren Aufgaben!“ Sie thematisiert außerdem die Corona-Herausforderungen in den Heimen: „Es wird jetzt zum Beispiel erwartet, dass die Heime mehr Besuche zulassen, und gleichzeitig sollen sie auch höchstmöglichen Schutz gewährleisten – das ist extrem schwierig und zeitaufwendig“, sagt sie.

Kurzum, angesichts der schon jahrelang bestehenden Probleme mache Corona nun vieles noch schwerer. Pia Häßler formuliert es so: „Die Pandemie gibt uns gerade den Rest. Viele Kolleginnen und Kollegen berichten davon, der Pflege endgültig den Rücken zu kehren.“

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