Zweifachmord in der Region: Mutter bringt Sohn zum Geständnis

Braunschweig.  Im Jahr 1981 werden in Braunschweig und in Vienenburg zwei junge Frauen getötet. Nach 24 Jahren überführt eine DNA-Analyse den Frauenmörder.

Kriminalbeamte am Tatort: Im Januar 1981 wird im Mode-Eck am Neustadtring in Braunschweig die 22 Jahre alte Geschäftsführerin Andrea F. vergewaltigt, beraubt und getötet. Vom Täter fehlte 24 Jahre lang jede Spur.

Kriminalbeamte am Tatort: Im Januar 1981 wird im Mode-Eck am Neustadtring in Braunschweig die 22 Jahre alte Geschäftsführerin Andrea F. vergewaltigt, beraubt und getötet. Vom Täter fehlte 24 Jahre lang jede Spur.

Foto: Hartmut Rosen (Archiv)

In der Ladenzeile am Neustadtring reihen sich heute unter anderem Bäcker, Stadtteilladen, Fahrschule und Paket-Service. Vor fast 40 Jahren wurde dort, in einer Modeboutique, die junge Verkäuferin Andrea F. vergewaltigt, beraubt und erschlagen. Gegenüber im Weißen Roß ist an der Kreuzung Celler Straße ein modernes Einkaufszentrum samt Bio-Markt entstanden. Der Blick fällt weiter auf einen Wohnblock, in dem Jahrzehnte nach Andreas F. eine andere Frau gewaltsam ums Leben kam – brutal erstickt von ihrem Ex-Mann. Nicht weit entfernt vom Neustadtring der Ölper See. Ebenfalls ein Tatort auf der Landkarte der Verbrechen. Auch hier wurde eine junge Frau Opfer eines Sexualmörders. Mit der Verurteilung der Täter sind diese Verbrechen, diese Menschenschicksale, nach und nach aus dem kollektiven Gedächtnis der Braunschweiger verschwunden. Anders der Fall Andrea F.: Es gab hundert Spuren, aber keinen Täter. 24 Jahre lang blieb der Mord im Mode-Ec k am Neustradtring ungesühnt. Bis eine Ermittlungsgruppe Altmorde der Braunschweiger Kripo den Fall erneut aufrollte – und die Aufklärung eines anderes Frauenmordes plötzlich auf die Spur des Täters führte.

Vergewaltigung im Hinterzimmer der Boutique

Der 7. Januar 1981: Draußen ist es gegen 17.30 Uhr schon dunkel, als ein Mann die Boutique Mode-Eck am Neustadtring in Braunschweig betritt. Die Geschäftsführerin Andrea F. ist allein im Laden. Der Fremde ist kein Kunde. Er zieht ein Messer, bedroht die Verkäuferin und zwingt sie, sich hinter einem Vorhang im Hinterzimmer auszuziehen und auf den Boden zu legen. Bevor er sie zwischen Damen- und Kinderkonfektion vergewaltigt und ihren Schädel mit einem Holzblock zertrümmert, raubt er 250 Mark aus der Kasse. Blutüberströmt kann sich Andrea F. noch zum benachbarten Obst- und Gemüsehändler schleppen. „Überfall, Messer, Laden zuschließen, Kasse“ stammelt sie, bevor sie bewusstlos zusammenbricht. Der Gemüsehändler rennt in die Boutique. Niemand ist mehr dort. Andrea F. stirbt drei Tage später im Krankenhaus an ihren massiven Schädelverletzungen. Sie wurde 22 Jahre alt.

Auch im Kreis Goslar wird eine Frau ermordet

Wenige Wochen später, am 14. Februar 1981, steht die ebenfalls 22 Jahre alte Doris M. als Anhalterin an einer Bushaltestelle. Ihr Ziel ist eine Diskothek in Goslar. Ankommen wird sie dort nie. In Vienenburg steigt sie in ein Auto. Der Fahrer biegt mit der jungen Frau in einen Feldweg und bedrängt sie sexuell. Doris M. flüchtet aus dem Auto. Der Mann folgt ihr, schlägt ihren Kopf auf den vereisten Boden. Der Obduktionsbericht weist später Tod durch Erwürgen aus.

Vom Täter fehlte jahrelang jede Spur

Zwei Morde an jungen Frauen innerhalb weniger Wochen in der Region – die Verbrechen eines gefährlichen Serientäters? Im Mordfall Andrea F. bildet die Braunschweiger Kripo sofort eine Sonderkommission, wertet hundert Spuren aus und verspricht eine Belohnung von 10.000 Mark für Hinweise, die zum Täter führen. Doch ergebnislos.

Mord verjährt nicht. 22 Jahre später, im Jahr 2003, öffnet Polizeioberkommissar Holger Kunkel, Leiter der Braunschweiger Ermittlungsgruppe Altmorde, noch einmal die Akten. Seine Ermittlungen konzentrieren sich auf einen Hauptverdächtigen: einen ehemaligen Kraftfahrer aus Vienenburg, zur Tatzeit 34 Jahre alt. Ein Schwerkrimineller.

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Schon 1977 hatte der Mann in Geschäften in Goslar seine ersten stets weiblichen Opfer gefunden. Für diese Überfälle saß er von 1978 bis 1983 in Haft. Wenige Monate nach seiner Entlassung setzte er die Serie mit vier Überfällen in Braunschweig und Wolfenbüttel fort – bis er beim letzten Raubüberfall gefasst wurde. 1987 verurteilte das Braunschweiger Landgericht den als gefährlich geltenden Mann zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und anschließender Sicherungsverwahrung.

Belastbare Beweise für seine Schuld fehlen

Zur Zeit der beiden Morde, im Winter 1981, war er Freigänger. Sein kriminelle Handschrift passt aus Kunkels Sicht auch zum Überfall auf Andrea F.: Für all seine Verbrechen hatte er Nagel-, Sonnenstudios oder Boutiquen ausgespäht, in denen Frauen allein arbeiteten. Seine Opfer raubte er nicht nur aus, er drangsalierte sie auch sexuell. Und: Als Andrea F. am Neustadtring überfallen und getötet wurde, arbeitete er als Freigänger nicht weit entfernt in der Braunschweiger Kreuzstraße. Doch belastbare Beweise, um den Mann überführen zu können, fehlen.

2005 aber steht plötzlich ein anderer Fall vor der Aufklärung: der Mord an der Anhalterin Doris M. bei Vienenburg. Zu den aufbewahrten Beweisstücken gehört eine Zigarettenkippe, die die Spurensicherung am Tatort gefunden hatte. 24 Jahre später ermöglichen es verfeinerte Analyse-Verfahren, die DNA-Spuren an der Zigarette zuzuordnen. Der Spurenleger ist eindeutig der Serienräuber und -vergewaltiger, den Kunkel auch im Fall Andrea F. im Verdacht hat. Doris M. tötete er an einem Wochenende, das er im Februar 1981 wegen der Haftlockerungen bei seinen Eltern in Vienenburg verbringen konnte. Danach meldete er sich in der Justizvollzugsanstalt zurück, als wäre nichts geschehen.

Die Tatorte in Braunschweig und im Kreis Goslar

Mutter bringt Sohn zum Geständnis

Der mutmaßliche Mörder, inzwischen 54 Jahre alt und nach wie vor in Haft, wird zur Vernehmung zur Sache Doris M. nach Goslar gebracht. Seine Mutter wohnt in der Nähe, die Ermittler ermöglichen ein Zusammentreffen von Mutter und Sohn. Die Mutter dringt während dieses Gesprächs in ihren Sohn: Er solle die Wahrheit sagen. Sie ohrfeigt ihn, droht, andernfalls sei sie nicht mehr seine Mutter und werde ihn nicht mehr besuchen. Sie will gehen. Da fragt der Sohn im Beisein eines Polizeibeamten: „Stehst du noch zu mir, wenn ich die Wahrheit sage?“ Er bittet sie, ihn in den Arm zu nehmen, und gibt aufgewühlt zu, auch Andrea F. im Braunschweiger Mode-Eck getötet zu haben. „Ich war es.“

Täter muss sich 2009 vor Gericht verantworten

2009 muss sich der jetzt 58-Jährige wegen zweifachen Mordes vor dem Braunschweiger Schwurgericht verantworten. Hatten die Ermittler Mutter und Sohn deshalb zusammengeführt, um dieses Geständnis zu erhalten? Das zumindest vermutet die Verteidigerin. Sie wirft den Behörden vor, die Mutter instrumentalisiert zu haben, und beantragt ein gerichtliches Verwertungsverbot wegen unzulässiger Vernehmungsmethode – was die Kammer jedoch ablehnt. Die Ermittler sprechen dagegen von einem Akt der Menschlichkeit. „Wir wussten ja gar nicht, wie die Mutter tickt“, so ein Beamter im Zeugenstand. Das Schwurgericht verweist darauf, dass der Angeklagte seine Mutter selbst habe sprechen wollen. Sollten die Ermittler dabei auf ein Geständnis gehofft haben, möge das eine kriminalistische List gewesen sein. Doch die sei erlaubt.

War es Mord oder Totschlag? Das ist die zentrale Rechtsfrage in diesem Prozess. Denn alles außer Mord, also auch ein Totschlag, wäre inzwischen verjährt. Darauf setzt die Verteidigung: Sie argumentiert, der Angeklagte habe Andrea F. beim Überfall nicht töten wollen. Trotz der Schläge auf den Kopf habe sie eine große Überlebenschance gehabt. Sie sieht die Todesursache vielmehr in einem ärztlichen Kunstfehler.

Im Fall Doris M. habe sich der Angeklagte mit seinen Annäherungsversuchen gar nicht strafbar gemacht. Während einer anschließenden Rangelei mit der Anhalterin sei er ausgetickt und habe ihren Kopf auf den vereisten Boden geschlagen.

Mann wird zu lebenslanger Haft verurteilt

Anders werten Staatsanwalt und Richter die Gewalttaten: Sie sehen darin Verdeckungsmorde. Der Angeklagte habe gewusst, was für ihn auf dem Spiel stand. Er habe die einzigen Zeuginnen aus dem Weg räumen wollen. Der Staatsanwalt zitiert aus einem Vernehmungsprotokoll zum Fall Doris M. den Satz: „Wenn sie mich anzeigt, fange ich mir wieder ein Brett.“ Damit sei ein Mordmerkmal erfüllt: das Töten zur Verdeckung einer Straftat. Das Urteil: Lebenslang.

Bei der lebenslangen Freiheitsstrafe belässt es das Schwurgericht nicht. Zusätzlich verhängt die Kammer die Sicherungsverwahrung im Anschluss an die Haftzeit. Denn der 58-Jährige gilt weiterhin als gefährlich. Ein psychiatrischer Gutachter spricht von einem hohen Rückfallrisiko. In der jahrelangen Haft habe sich der Angeklagte nicht erkennbar verändert. Sicher habe der von Schulden gedrückte Mann auch Geld erbeuten wollen. Doch nicht nur. „Fast immer ging es um Geld, Sexualität und Aggression.“ Ohne Messer habe er keine Macht, soll er einmal gesagt haben. In der Macht über Frauen sieht der Gutachter ein weiteres Motiv für die Verbrechensserie des als verschlossen geltenden Einzelgängers, den ein Psychologe in der JVA als gehemmt-aggressiven Gefangenen beschreibt, der therapeutisch nicht erreichbar sei.

Die Eltern der getöteten Andrea F. mussten nicht nur 24 Jahre mit der Frage leben, wer ihr Kind ermordet hat. Als Nebenkläger sehen sie sich im Prozess nun einem Täter gegenüber, der, so ihr Empfinden, seine Verbrechen bagatellisiert und nicht zu ihnen steht. So sieht es auch der Staatsanwalt: Nach Darstellung des Angeklagten sei alles „im Grunde ein Unglücksfall gewesen“. Den Angehörigen der Opfer enthält der Täter damit das für sie vielleicht Wichtigste in einem Strafverfahren vor: die Anerkennung seiner Schuld und des Leides, das er anderen zugefügt hat.

Die große Crime-Serie unserer Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer gerechten Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten.

Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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