Schausteller schicken Braunschweigern einen stillen Gruß

Braunschweig.  Rund um den Dom kamen Standbetreiber des ausgefallenen Weihnachtsmarktes zusammen, um ein Zeichen in schweren Corona-Zeiten zu setzen.

Auch auf dem Platz der deutschen Einheit gedachten die Schausteller dem ausgefallenen Weihnachtsmarkt.

Auch auf dem Platz der deutschen Einheit gedachten die Schausteller dem ausgefallenen Weihnachtsmarkt.

Foto: Norbert Jonscher / NJ

Der Oberbürgermeister, der „Herr des Lichts“, war nicht dabei. Er drückte nicht, wie stets in den Jahren zuvor, um Punkt 18 Uhr auf den roten Knopf und eröffnete damit den Braunschweiger Weihnachtsmarkt. Es blieb dunkel. Aber sonst waren sie alle gekommen, die Mitglieder großen Braunschweiger „Schaustellerfamilie“, die Jahr für Jahr den Platz rund um den Dom bespielen und in eine besinnliche vorweihnachtliche Welt verwandeln.

Auf dem Burgplatz haben sie am Abend Lichter entzündet – nicht nur, um an die vielen coronaerkrankten Menschen zu gedenken, sie wollten auch für sich und alle anderen ein Zeichen setzen: Wir sind noch da, der Braunschweiger Weihnachtsmarkt wird den Virus überleben . Passanten blieben ergriffen stehen, man kam ins Gespräch. „Man kennt sich untereinander, schon seit vielen, vielen Jahren“, sagt Stefan Franz, Vorsitzender des Schaustellerverbandes, sozusagen das „Familienoberhaupt“ mit seinen 53 Jahren.

Einer von ihnen: Ehren-Schausteller Günter Rost, der ausgerechnet gestern, am 25. November, seinen 90. Geburtstag feierte – und zwar ganz in der Nähe des Schützenplatzes, der „Heimat“ der Schausteller. Um 11 Uhr setzte sich von dort ein Autokorso in Bewegung, winkend rollten die Schausteller am Haus des Jubilars vorbei, der vorab nur grob von seinen Angehörigen instruiert worden war, was ihn an seinem Ehrentag erwarten würde.

Vorsitzender kam mit dem Rad

Stefan Franz kam per Fahrrad und überbrachte die besten Wünsche des Verbandes, dessen Gründungs- und Ehrenmitglied Günter Rost ist. Ältere Weihnachtsmarktbesucher werden ihn, den gebürtigen Sangershausener, noch kennen: Rost hatte bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1995 den Stand schräg gegenüber dem Löwen, wo heute der Braunkohlstand ist. Seinen Teufelsbraten verkaufte er dort, seine Fleischpfanne und seine Bratwürste, die er von der Fleischerei Ehlers aus Salzgitter bezog.

Dass der gelernte Schlosser einmal Schausteller werden würde, ist auch so eine Geschichte rund um den Weihnachtsmarkt, die hier erzählt werden will. Im Jahr 1950 verließ Rost zusammen mit Zwillingsbruder Hans-Jürgen den Osten, machte sich später mit einem Mini-Bratwurststand selbstständig. Während der Bruder in Australien eine Baufirma gründete. Mitte der 1970er Jahre lernte Rost dann auf dem Schützenplatz eine Schaustellertochter kennen, aus einer alteingesessenen Braunschweiger Schaustellerfamilie, die es ihm angetan hatte: Alexandra Becker, von allen nur kurz „Ali“ genannt. In die Zeit fiel übrigens auch das erste Braunschweiger Magnifest, Günter Rost war einer der Hauptinitiatoren, wie es heißt.

Die Herzogin besuchte den Stand

Natürlich durfte gestern Rosts einstiger Weggefährte nicht fehlen, Günter Woltersdorf (80), mit dem er jahrelang über Messen und Märkte tourte. Ein festes Standbein: der Bratwurststand in Braunlage, direkt vor dem „Idiotenhügel“, wie Woltersdorf sich noch gut erinnert. Selbst die Herzogin von Braunschweig habe dort einmal vorbei geschaut. Ob sie eine Ehlers-Wurst verzehrte, ist nicht überliefert.

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