Karnevals-Samstag für Gifhorns Lebenshilfe

Gifhorn.  Carin Scholz und Andrea Septinus-Schlegel organisieren eine Faschingsparty für Menschen mit Behinderung. Ihr Engagement reicht noch viel weiter.

Tanja (von links), Phil, Damian, Julia und Dennis stürzen sich bunt kostümiert ins Faschingsvergnügen der Lebenshilfe Gifhorn.

Tanja (von links), Phil, Damian, Julia und Dennis stürzen sich bunt kostümiert ins Faschingsvergnügen der Lebenshilfe Gifhorn.

Foto: Christian Franz

Scheich Sebastian hakt sich bei Clownin Bettina unter und schunkelt zu den Lieder der ESH-Lerchen, des Chors des Gifhorner Eberhard-Schomburg-Hauses. Tempelwächter Daniel, Matrose Lars und Sportler Helge hält es kaum noch auf den Stühlen, als DJ Matthias Schoelzel einen Schlager nach dem anderen auflegt: „Er gehört zu mir“ von Marianne Rosenberg kann in der Kantine der Gifhorner Lebenshilfe jeder mitsingen. Schließlich stürmen Tanja und Phil, Dennis und Julia mit Damian die Tanzfläche, als die Techno-Version des Jim-Knopf-Klassikers abgeht: „Eine Insel mit zwei Bergen.“

Zur Hochsaison des Karnevals lassen es sich die Beschäftigten der Gifhorner Werkstatt für behinderte Menschen und die Frauen und Männer aus den Wohnheimen der Lebenshilfe nicht nehmen, eine zünftige Faschingsparty zu feiern. Unter einem Himmel aus Girlanden und Luftschlangen machen die kostümierten Besucher den eher funktionalen Speisesaal zur funkelnden Bütt.

Zwei Frauen machen den den Spaß erst möglich

Und wie beginnt eine Prunksitzung stilecht? Mit einem Sektempfang, natürlich alkoholfrei. Dort empfangen die Gäste jene zwei Frauen, die diesen perfekten Sonnabend erst möglich gemacht haben: Carin Scholz und Andrea Septinus-Schlegel haben mit Unterstützung weiterer Helfer monatelang ehrenamtlich für den unbeschwerten Karnevalsnachmittag gewirbelt.

DJ Schoelzel ist ein alter Bekannter, trifft den Musikgeschmack perfekt

Auf den Tischen warten zum Kaffeetrinken schon Berliner auf die Besucher. Später gibt es noch Currywurst und Pommes. Die Tombola ist eine verlässliche Gewinnmaschine für alle. Frust durch Nieten hat bei der Lebenshilfe keine Chance. Bei dem beschwingten Auftritt der hauseigenen ESH-Lerchen mit Leiter Reimund Fuhr am Akkordeon und Gitarrist Heinz Kropp bleibt es nicht. Die Isenbüttelerin Bettina Köhntopp begeistert die Narren mit ihrer Bauchtanzgruppe Sahira. DJ Schoelzel ist für viele ein alter Bekannter, der den Musikgeschmack der Gäste perfekt trifft: Er ist pensionierter Leiter des Wolfgang-Liedtke-Wohnheims. Im Verlauf der Nachmittags stellt er eine närrische Polonäse auf die Beine.

Selbst um Hin- und Rückfahrt der Gäste kümmern sich überwiegend Ehrenamtliche. Klar, am Wochenende haben auch die meisten hauptamtlichen Mitarbeiter der Lebenshilfe frei.

Für Carin Scholz und Andrea Septinus-Schlegel ist es nur ein Wochenende unter vielen. Die Mütter organisieren auch das Café Kunterbunt, das Begegnungen in wechselnden Lebenhilfe-Wohnheimen ermöglicht zwischen den dort heimischen Menschen mit Behinderung und Gästen ohne Handicap. Den Kuchen, der dabei serviert wird, backen meist sie. Sie unterstützen die Arbeit der Fahrrad-Reparaturgruppe, spenden für Betriebsausflüge, kaufen der Lebenshilfe-Band „Hitpüraten“ neue Instrumente und statten die ESH-Lerchen mit T-Shirts aus.

Geld für all diese Aktivitäten bringen Verkaufsstände bei den beiden populären Saison-Märkten der Werkstatt für behinderte Menschen. Das ganze Jahr über werkeln, basteln und handarbeiten Scholz und Septinus-Schlegel mit vielen Helfern, um die Besucher von Adventsmarkt und Frühlingsmarkt mit immer neuen Ideen zu begeistern. So hat Septinus-Schlegels Sohn Sebastian (25), der im Palettenbau der Werkstatt beschäftigt ist, für den März-Termin im heimischen Hobbykeller Osterhasen ausgesägt. Mutter und Vater bemalen die Konturen.

Sebastian lebt noch zu Hause, „weil er nicht ausziehen will“, erzählt Andrea Septinus-Schlegel. Er ist „geistig behindert ohne Befund“. Bei solch einer Diagnose „zieht es dir erst mal die Füße Weg“, sagt die pensionierte Altenpflegerin (63).

Carin Scholz’ Sohn Tobias ist Autist. Der 27-Jährige montiert in der Zweigwerkstatt der Lebenshilfe Türgriffe für den VW Golf 8 und lebt ebenfalls zu Hause. Die 60-jährige Industrie-Fachwirtin konnte nach Tobias’ Geburt nicht mehr ins Erwerbsleben zurückkehren.

Der Weg beider Frauen kreuzte sich über die Elternarbeit in der Wolfsburger Peter-Pan-Schule, wo Sebastian und Tobias gefördert wurden. Beide Frauen berichten, was für ein jahrelanger Kampf es war, geeignete Unterstützung für ihre Kinder zu bekommen.

Aus diesen Erfahrungen speist sich ihr Engagement für behinderte Menschen und ihre Angehörigen. „Bei uns hat es sich am Ende gut gefügt. Da möchten wir weiter für andere da sein“, beschreibt Andrea Septinus-Schlegel ihren Ansporn. Carin Scholz schildert ihre Beweggründe so: „Wir wollen, dass es andere leichter haben. Man wächst da rein. Es ist immer wieder schön, wenn man sieht, dass Menschen sich freuen. Wenn unsere Hilfe angenommen wird.“

Zurück in die Gifhorner Karnevals-Kantine: Sebastian zeigt stolz einen der selbstgefertigten Osterhasen. Für ein Foto rückt er noch seinen angeklebten Bart zurecht. Im Saal tobt der Bär. Carin Scholz sagt: „Es macht Spaß.“

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