Helmstedter Uni-Bibliothekar auf den Spuren der Reformation

Helmstedt.  Die Universitätsbibliothek zu Helmstedt ist eine Fundgrube für Theologieforscher. Geleitet wird sie ehrenamtlich von Wolfgang Pschichholz.

Wolfgang Pschichholz (links) ehrenamtlicher Bibliothekar im Austausch mit Thomas Wippich von der Kulturverwaltung und dem Ersten Kreisrat Hans Werner Schlichting (rechts).

Wolfgang Pschichholz (links) ehrenamtlicher Bibliothekar im Austausch mit Thomas Wippich von der Kulturverwaltung und dem Ersten Kreisrat Hans Werner Schlichting (rechts).

Foto: Jürgen Paxmann

Wenn Wolfgang Pschichholz Menschen begegnet, die ein aufrichtiges Interesse an theologischen Fragen und Gesellschaftswissenschaft bekunden, dann gerät er ins Schwärmen – und schaut nicht mehr auf die Uhr. Dann wird die eigentlich auf 10 Wochenstunden bestimmte Arbeitszeit des ehrenamtlichen Leiters der Universitätsbibliothek Helmstedt schnell überschritten.

Zu finden und forschen, demzufolge auch zu erzählen gibt es reichlich im Juleum, dem schmucken Hauptgebäude der früheren Universität. Gegründet wurde der Campus von Herzog Julius, Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel. Von 1576 bis 1810 war die Academia Julia die erste protestantische Universität im Norden Europas und bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts die drittgrößte Hochschule des deutschen Sprachraums. In den Fakultäten Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie galt sie seinerzeit als führend.

Bedeutende Professoren wie der Theologe Georg Calixt, der Universalgelehrte Heinrich Meibom oder die Mediziner Hermann Conring und Lorenz Heister lehrten dort. Auch Otto von Guericke war – wenn auch nur kurz – präsent. Zu den namhaften Absolventen zählen Carl Friedrich Gauß, Gottfried Christoph Beireis und Wilhelm Gesenius. Prominente Besucher waren Goethe und Giordano Bruno.

Dieses Wissen um Bedeutung und Persönlichkeiten muss Pschichholz seinen Besuchern immer wieder nahebringen und bringt ihn etwas ab von seiner eigentlichen Leidenschaft: der Vermittlung des Gedankenguts derer, die ihr Denken und Wissen niedergeschrieben haben.

Zum Bestand der Bibliothek zählen insgesamt mehr als 35.000 Titel, davon befinden sich gut zwei Drittel in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel. Im Jahr 2015 erfolgte die Einrichtung eines Online-Katalogs für die im Juleum Helmstedt aufbewahrten Bücher und Schriften – etwa 13.000 Titel. Das erleichtert dem Bibliothekar das Suchen nach historischer Fachliteratur. Die Anfragen häufen sich seitdem.

Seit der Freigabe des Saals nach erfolgter Renovierung im Oktober 2017 haben 1150 Besucher die Bibliothek besucht. Dazu muss man sagen: Es gibt keine Bücher zum Ausleihen, die historischen Werke sind dazu viel zu wertvoll. Überdies ist die Bibliothek nur an zwei Tagen stundenweise geöffnet.

Dafür wächst das Interesse des Fachpublikums. Die Schriften sind immer wieder Forschungsgegenstand von Professoren, auch aus dem Ausland, und Studenten, auch aus Braunschweig.

„Ein Besuch hier ist eben doch mehr, als sich alte Bücher anzugucken“, betonen Pschichholz und Thomas Wippich von der Kulturverwaltung des Landkreises, dem das Juleum gehört. Es gehe darum, sich Wissen zu vergegenwärtigen, vergangenes zurückzuholen in die Gegenwart. Über die Zeit der Reformatoren nachdenken, können auf diesem Wege auch die klassischen Ausflügler.

Für sie hat Pschichholz im Bibliothekssaal seit geraumer Zeit mehrere Vitrinen zusammengestellt, die Luthers Leben und Wirken vor 500 Jahren thematisieren. Zu sehen sind die ersten Bibeln in deutscher Sprache oder kritische Schriften zu Tetzels Ablasshandel, einem sehr weltlichen Geschäftsmodell, das Luther anprangerte. Der „Ablasshandel“ als Anlass für Luthers Anschlag der 95 Thesen wurde zum Auslöser der Reformation. Darauf verweisen auch ausgewählte Streitschriften und Predigten. „Der Weg zur Biblia Deutsch von 1545“ veranschaulicht die schrittweisen Übersetzungen der Bücher des Neuen und Alten Testaments. Vor allem Werke von weiteren Persönlichkeiten wie Philipp Melanchthon, Johannes Bugenhagen, Martin Chemnitz und Georg Calixt sollen das reformatorische Geschehen dokumentieren.

Auch Leichenpredigten und Tischreden, protokollarisch festgehalten, sind in gesammelten Werken nachzulesen. Die bekanntesten Luther-Sprüche („seinen Senf dazugeben“) hat der Bibliothekar extra herausgeschrieben und in Szene gesetzt.

Pschichholz selbst hat nun einen Band veröffentlicht mit dem Titel „500 Jahre Reformation – Unterwegs auf neuen Wegen“. Er enthält und anderem kommentierende Darstellungen ausgewählter Bücherschätze aus dem Bestand der ehemaligen Universitätsbibliothek in ihrem zeitgenössischen Kontext. Wie viele Forschungs- und Fleißarbeit dahinter steckt, lässt sich bestenfalls erahnen.

Geöffnet hat die Uni-Bibliothek dienstags von 10 bis 12, donnerstags von 15 bis 17 Uhr. Kontakt möglich unter Telefon (0 53 51) 5 23 97 60.

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