Debatte in Marienborn: Vorbild und Feindbild USA

Marienborn.  Über den Einfluss der USA auf die deutsch-deutsche Zeitgeschichte diskutieren in Marienborn ein Stanford-Professor und eine Landesbeauftragte.

Birgit Neumann-Becker, Beauftragte Sachsen-Anhalts zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (links), sowie Professor Dr. Russel Berman von der Stanford Universität, diskutierten mit Moderatorin Sophie Hubbe.

Birgit Neumann-Becker, Beauftragte Sachsen-Anhalts zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (links), sowie Professor Dr. Russel Berman von der Stanford Universität, diskutierten mit Moderatorin Sophie Hubbe.

Foto: Sebahat Arifi

Waren die USA wirklich ein heimlicher Sehnsuchtsort von Menschen in der DDR? Haben die Vereinigten Staaten nicht sehr vom Mauerfall und den offenen Grenzen profitiert? Das waren nur zwei Aspekte, die am Freitagabend in der Gedenkstätte Marienborn kritisch hinterfragt wurden.

Dort wurde auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung die Rolle der USA in der deutsch-deutschen Zeitgeschichte beleuchtet. Das taten als Experten Professor Dr. Russell Berman von der Stanford Universität in Kalifornien sowie Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte Sachsen-Anhalts zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Aus ihren Redebeiträgen wurde deutlich, wie kompliziert viele Zusammenhänge sind, wie weit sie in die Geschichte zurückreichen und wie sehr die historischen Einflüsse bis in die Gegenwart wirken. Beim Antisemitismus etwa, wie Neumann-Becker darlegte.

In der offiziellen DDR-Politik seien die USA der Klassenfeind schlechthin gewesen. Als Schutzmacht Israels sei deshalb auch eine regelrechte Anti-Israel-Politik verfolgt worden. „Ich wohne in Halle an der Saale und frage mich natürlich, was hat das für Folgen“, verdeutlichte sie, ohne dabei konkret auf den dort kürzlich verübten Anschlag einzugehen.

Eingangs sei sie sehr stark auf die positiven Aspekte des USA-Einflusses eingegangen, etwa hinsichtlich des Freiheitsgedankens. Doch natürlich „gab und gibt es eine starke Amerikafeindlichkeit“, betonte die Landesbeauftragte. Was im DDR-Unterricht gelehrt wurde, habe mit Rassismus zu tun gehabt. Zudem sei die Geschichte verklärt worden.

„Auch Halle oder Wernigerode wurden von den Amerikanern befreit, das gehört zur ostdeutschen Geschichte“, verdeutlichte sie. Jedoch habe das nicht in die DDR-Ideologie gepasst. „Nur, wenn Bildung dazu führt, über Dekaden falsch zu erzählen, dann hat das Wirkung entfaltet“, fasste Birgit Neumann-Becker zusammen.

Diese Aufklärung und Aufarbeitung nach 1989 habe gefehlt. Im Gegenteil: Viele Systemträger in Justiz, Verwaltung und Bildung hätten nach der Wende weitergearbeitet, unterrichtet und diese Ideologien auch im wiedervereinigten Deutschland weiterverbreitet.

Dass die USA ein Sehnsuchtsort gewesen seien, dem widersprach ein Zuhörer. „Auf den Plakaten der friedlichen Revolution stand nicht ,Bush, hilf uns’, sondern ,Gorbi, hilf uns“, argumentierte er. Die friedliche Revolution sei zudem ein Geschenk an die USA gewesen, die für ihre Truppen „ohne Schuss“ – er deutete auf die angrenzende Autobahn – „freie Fahrt in den Osten Europas“ erhalten hatte. Natürlich sei es während der Proteste richtig gewesen, sich nicht in Richtung Westen zu orientieren, entgegnete Neumann-Becker. Dann wäre alle Stasi-Ideologie aufgegangen, und es wären die Schlagstöcke rausgeholt worden.

Professor Russell Berman, derzeit als Senior Advisor beratend für das US-Außenministerium tätig, erachtete die Stationierung der Truppen im Osten Europas als notwendig. „Ich sehe die Bewegung kongruent mit der Politik eines geeinten Deutschlands, dann auch als Nato-Mitglied. Wenn die Nato in die osteuropäischen Länder fährt, dann weil es eine Sicherheitsbedrohung durch Russland gibt“, stand für ihn fest. Er sei gerade im Baltikum gewesen, wo die Lage als sehr ernst eingestuft werde. Auch Birgit Neumann-Becker sah dazu keine Alternative: „Man muss außenpolitisch eine Grenze setzen. Länder wie Polen oder Tschechien sind natürlich in Sorge, dass Russland seine Machtgedanken ausleben will.“

Laut Professor Russell seien die deutsch-amerikanischen Beziehungen gesund und unerlässlich, trotz aller gegenwärtigen Probleme. Auf die Zäsur in der Wahrnehmung der USA zu Zeiten des Vietnamkrieges angesprochen sagte er, dass dies ein offensichtlich misslungener Krieg gewesen sei. Doch der Sieg Nordvietnams sei nicht zu feiern, denn zu viele hätten im Nachgang etwa auf der Flucht ihr Leben verloren.

„Jetzt, 50 Jahre später, ist Vietnam verbündet mit den USA aus Angst vor dem Nachbarn China“, führte er aus. Dort sollten Lehren auch aus deutscher Geschichte gezogen werden, befand er. Dies ebenfalls im Zusammenhang mit den aktuellen Protesten in Hongkong. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls plädierte er deshalb: „Der richtige Weg, den 9. November zu feiern, ist auch, an Hongkong zu gedenken.“

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