Helmstedt – Suchtexpertin warnt vor seelischen Corona-Folgen

Helmstedt.  Corona verleitet uns zu neuen Gewohnheiten – leider auch zu schlechten Gewohnheiten. Jeder müsse aufpassen, rät Katrin Vosshage vom Lukas-Werk.

Katrin Vosshage leitet die Fachambulanz beim Lukas-Werk in Helmstedt. 

Katrin Vosshage leitet die Fachambulanz beim Lukas-Werk in Helmstedt. 

Foto: Bernhard Janitschke

Die Leiterin der Fachambulanz in Helmstedt erhält seit Wochen vermehrt Anfragen von Menschen, die Veränderungen in ihrem privaten Umfeld beobachten, die sie beunruhigen. „Die Leute verbringen viel Zeit zu Hause, auch im Home Office, und sie trauen sich manchmal nicht mehr raus. Das macht etwas mit ihnen“, sagt die 43-Jährige Sucht-Expertin. Eine Folge der Pandemie sei die deutliche Zunahme eines „kritischen Konsums“.

Gefahren der sozialen Isolation

Vosshage meint damit nicht nur Alkohol, Tabak und Medikamente, sondern auch den TV- und Medienkonsum. Auslöser sei oftmals die soziale Isolation durch die Pandemie. „Der Mensch ist auf ein Leben in Gemeinschaft ausgelegt, er ist ein soziales Wesen. Wenn wir für längere Zeit keinen direkten Kontakt mit anderen haben, irritiert das irgendwann unser inneres System.“ Soziale Medien seien auf Dauer kein Ersatz.

Mit Schlafanzug im Home Office

Unter dem Druck von Pandemie und schleichender Isolation könnten sich Gewohnheiten und Tagesabläufe verändern. „Im Home Office sitze ich vielleicht im Schlafanzug am Schreibtisch, es sieht mich ja niemand. Bestimmte Formen des Antriebs und der Selbststeuerung gehen schnell verloren“, warnt Vosshage. Existenzängste kämen verschärfend hinzu.

Die Sucht-Expertin rät dazu, sich selbst genau zu beobachten. „Trinke ich mehr Alkohol, sitze ich noch länger vor dem Computer oder dem Fernseher?“ Aus solchen Veränderungen könnten Abhängigkeiten entstehen, Depressionen und Formen der Sucht. Um nicht auf solch eine Schiene zu geraten, sei es wichtig, die realen Kontakte zu Mitmenschen aufrecht zu erhalten. „Man sollte regelmäßig nach draußen gehen, nach Möglichkeit Sport treiben, sich neu motivieren und sich gleichzeitig immer wieder hinterfragen“, beschreibt die 43-Jährige ein Verhalten, das darauf abzielt, mit wachem Auge durch die Pandemie zu gehen und nicht in völlige Mutlosigkeit und Passivität zu verfallen. Vieles sei möglich, trotz der einschränkenden Hygieneregeln und Vorschriften, die natürlich zu beachten seien.

Seelische Krankheiten mehr beachten

In der Pandemie erfahren laut Vosshage mehr Menschen am eigenen Leibe, wie schnell es mit ihnen psychisch bergab gehen kann. „Damit steigt vielleicht ihr Verständnis für die Gefahren der Sucht und die Notwendigkeit ihrer Bekämpfung“, hofft die 43-Jährige. In der gesellschaftlichen Diskussion – auch über Corona – werde den seelischen Krankheiten gegenüber den körperlichen viel zu wenig Beachtung geschenkt.

Wen die Pandemie belastet, der findet Rat beim Lukas-Werk. Terminvereinbarungen für Gespräche sind möglich montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr und freitags von 9 bis 13 Uhr unter Ruf (05351) 520 950. Auch eine Online-Beratung wird angeboten. „Wenn gewünscht unter Wahrung der Anonymität“, betont Vosshage.

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