Helmstedter erlebte Asien 20 Jahre lang als Manager

Helmstedt.  Nach über 20 Jahren als Manager in Südostasien ist der Helmstedter Christoph Ludäscher für einen mehrmonatigen Aufenthalt in die Heimat zurückgekehrt.

 Christoph Ludäscher mit einigen Mitarbeitern aus seinem Projektteam in Vietnam.

Christoph Ludäscher mit einigen Mitarbeitern aus seinem Projektteam in Vietnam.

Foto: privat

In Vietnam hat der Diplom-Holzwirt zuletzt eine Großfabrik für die Herstellung von Faser- und Massivholzplatten komplett aufgebaut. Wir sprachen mit dem 65-Jährigen, der auf der Insel Borneo lebt, über seine Auslandserfahrungen und darüber, wie Helmstedt und Deutschland heute auf ihn wirken.

Wenn man so viele Jahre ununterbrochen im Ausland arbeitet und lebt, liegt die Vermutung nahe, dass man die alte Heimat nicht sonderlich vermisst. Ist das so?

Ganz ehrlich gesagt, ja. Ich habe Familie und Freunde, die mir natürlich gefehlt haben, aber Helmstedt als Heimatstadt hat mir nicht gefehlt - trotz der weit überwiegenden guten Erinnerungen. Für mich galt mehr oder weniger immer: „My home is where my hat is“.

Was hat die Arbeit in Asien für Sie reizvoll gemacht?

Zunächst war es gar nicht Asien, das mich speziell gereizt hat, sondern die Arbeit im Ausland. Dass es dann Asien wurde, lag einfach daran, dass sich in dem Moment, als die Entscheidung „Ausland“ zusammen mit meiner Familie gefallen war, die Arbeitsstelle auf Sumatra die erste war, die ernsthaft in Erwägung gezogen werden konnte. Das Umfeld stimmte. Zum Beispiel gibt es in Medan eine internationale Schule, eine unabdingbare Voraussetzung, wenn man einen solchen Schritt mit zwei Kindern macht.

Soweit sich das mit Hilfe einiger Beispiele verallgemeinern lässt: Wo liegen die Unterschiede der dortigen zu unserer Arbeitskultur?

Man sollte vorab darüber nachdenken, dass es deutliche Unterschiede gibt. Ich hatte mir das so nicht klargemacht und musste es während meines ersten Auslandsaufenthalts lernen. Da ist zunächst einmal die Qualität der Ausbildung des Personals, ohne das man große Produktionswerke nicht betreiben kann. Es gibt in Asien keine Möglichkeiten für eine Berufsausbildung wie in Deutschland.

Hinzu kommt, dass Industrielöhne deutlich niedriger sind als in Deutschland oder Europa. Das führt zu einer relativ hohen Fluktuationsrate, man muss also häufig neues Personal anlernen. Mangelnde Qualität des Personals wird häufig mit Quantität zu ersetzen versucht, was meist zu weiteren Problemen führt. Im mittleren bis gehobenen Management werden die Unterschiede dann geringer, können aber immer noch zu Problemen führen, da es oft Situationen gibt, in denen Beziehungen wichtiger sind als Qualifikationen. Ein weiteres Problem aus meiner Erfahrung ist das Akzeptieren von Verantwortung, die mit Positionen verbunden ist. Neben der Lösung technischer Probleme war dies ein Punkt, auf den ich viel Zeit verwenden musste.

Kulturell bewegt man sich in einem völlig neuen Umfeld, wo man nur Lernender ist. Ohne ein gehöriges Maß an Integrationswillen kann man sich das Leben sehr schwer machen.

Mit welchen falschen Vorstellungen über Südostasien würden Sie gerne aufräumen wollen? Hier ist jetzt die Gelegenheit dazu.

Man darf nicht annehmen, dass Südostasien immer noch nur ein billiger oder preiswerter Lieferant von Arbeit ist. Industrielle Fertigungen unterliegen weltweit den gleichen Anforderungen. In Südostasien wird hart daran gearbeitet, mit diesen Anforderungen immer selbstständiger umgehen zu können. In der Holzwerkstoffindustrie sind die Produktanforderungen weltweit gleich und von drei wichtigen Standards geprägt: europäischen, amerikanischen und japanischen. Jeder Produzent weltweit orientiert sich eng daran. Der Anlagenbau für die Produktion von Holzwerkstoffen, besonders von Span- und Mitteldichten Faserplatten, ist noch in Europa konzentriert. Das Ziel aller asiatischen Betreiber solcher Anlagen ist es, von europäischem Know-How unabhängig zu werden. Auch holt der chinesische Maschinen- und Anlagenbau in Riesenschritten auf, was die europäische Vormachtstellung in diesem Bereich bald ins Wanken bringen wird. Zudem ist das Internet in vielen Ländern Südostasiens schneller und billiger verfügbar. Dadurch schrumpft auch der Informationsvorsprung Europas.

Was ist Ihnen nach der Rückkehr nach Deutschland besonders aufgefallen?

Das ist schwer zu sagen, da die gesamte Zeit seit meiner Rückkehr von der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen geprägt ist.

Wie hat sich Helmstedt seit Ihrem Weggang verändert? Gibt es etwas, das Sie hier vermissen oder sich wünschen würden?

Helmstedt scheint sehr viel ruhiger, aber auch „schöner“ und sauberer geworden zu sein als vor 25 Jahren. Viele junge Leute sind allerdings nicht zu sehen, was mir sehr aufgefallen ist. Ich vermisse die Belebtheit der Fußgängerzone in der Neumärker Straße. Zu meiner Schulzeit und auch danach noch war sie eine echte Einkaufsstraße und Treffpunkt nach der Schule oder nach der Arbeit. Im Vergleich zu früher ist die Stadt also deutlich weniger lebendig, was einerseits schade, andererseits aber vielleicht auch normal ist.

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