Audi erbost chinesische Patrioten

Braunschweig  Bei seiner Bilanzpressekonferenz zeigte Audi eine Karte von China. Drei Regionen fehlen, auf die Peking Anspruch erhebt.

Bei seiner Bilanzpressekonferenz zeigte Audi diese Karte von China. Drei Regionen fehlen, auf die Peking Anspruch erhebt (gelb markiert) – insbesondere die Insel Taiwan (rechter Kreis).

Foto: Audi-Screenshot/Automobilwoche

Bei seiner Bilanzpressekonferenz zeigte Audi diese Karte von China. Drei Regionen fehlen, auf die Peking Anspruch erhebt (gelb markiert) – insbesondere die Insel Taiwan (rechter Kreis). Foto: Audi-Screenshot/Automobilwoche

Nun hat es auch mal Audi erwischt. Das Unternehmen habe sich in China einen Shitstorm eingefangen, berichtet die „Automobilwoche“, also eine Vielzahl erboster und gehässiger Kommentare chinesischer Nutzer im Internet. Warum? Weil die Ingolstädter Autobauer auf ihrer Jahrespressekonferenz eine Karte gezeigt hatten, die das Reich der Mitte kleiner darstellt, als es nach Ansicht der Pekinger Führung ist.

Als die Manager über ihre Aktivitäten und Umsätze auf dem wichtigen chinesischen Markt berichteten, fehlten auf der dazu eingeblendeten Grafik zwei kleinere Regionen, die einst zu Tibet gehörten, nun aber zu Indien, auf die China jedoch Ansprüche erhebt.

Gewichtiger war aber wohl das Fehlen der Insel Taiwan, deren Unabhängigkeitserklärung nach dem chinesischen Bürgerkrieg 1949 Peking nie anerkannt hat. Offiziell akzeptieren fast alle Staaten die Pekinger Ein-China-Sichtweise, auch Deutschland und seit 1979 sogar die USA, obwohl Taiwan de facto selbständig – und demokratisch – regiert wird.

Die Ingolstädter hätten bei ihrer Karte auf festlandchinesische Befindlichkeiten Rücksicht nehmen sollen. Zur Bilanzpressekonferenz hatte Audi nämlich auch einflussreiche Journalisten aus dem Reich der Mitte eingeladen. Statt die stattlichen, aber trockenen Umsatzzahlen in den Vordergrund zu stellen, stürzten sich einige Medienleute dankbar auf das geographische Aufregerthema.

Es folgte die erwartbare – und vermutlich durch Blogger in Regierungsdiensten weiter angeheizte – Reaktion in den sozialen Netzwerken. Und das ausgerechnet auf dem wichtigsten Einzelmarkt des VW-Konzerns. Laut „Automobilwoche“ wurde aus China sogar eine offizielle Entschuldigung verlangt. Audi erklärte daraufhin, den „schwerwiegenden Fehler“ aufrichtig zu bedauern.

Der Umgang mit China bleibt eine Gratwanderung. Da kann schnell viel Porzellan zerschlagen werden. Behutsamkeit im Umgang und die Wahrung von Etiketten sind tief in der chinesischen Kultur verwurzelt. Einerseits.

Andererseits ist die chinesische Führung durchaus robust und vor allem geschickt im Taktieren, wenn es darum geht, ihre Interessen durchzusetzen. Vor 40 Jahren waren westliche Autobauer im wirtschaftlich abgehängten Reich der Mitte willkommen, denn Peking benötigte ihr Kapital und ihr Know-How. Allerdings war die Führung von Beginn an so klug, nur Joint Ventures mit einheimischen Firmen zuzulassen, um zumindest einen Teil der Wertschöpfung im Land zu halten.

Lange war das ein Erfolgsmodell für beide Seiten. Doch mittlerweile hat sich die Abhängigkeit gedreht. China ist für die Marke VW der wichtigste Absatzmarkt und auch für Audi enorm bedeutend. Darum wissen die Chinesen. Und sie sehen sich mittlerweile weit genug, eigenständig Autos zu bauen, insbesondere Elektromobile. Die Nadelstiche gegen westliche Autobauer nehmen zu.

Dabei setzt die Führung gerne auf den leicht entflammbaren Patriotismus vieler Chinesen. Volkszorn gegen Fremde im sonst streng gedeckelten Internet ist dabei ein probates Mittel. Im Zweifel wird er noch ein wenig angefacht.

Vor einigen Monaten erst entließ der Daimler-Konzern einen Manager, nachdem dieser im Streit um einen Parkplatz Chinesen rassistisch beleidigt haben soll. Staatsmedien griffen den Vorfall sofort auf, dann kochte er im Internet hoch, bis hin zu Boykottaufrufen.

Auch die Marke Volkswagen zog sich 2013 den Unwillen vieler Chinesen zu, und auch hier hatte Peking die Hand mit im Spiel. Damals gab es Probleme mit dem Doppelkupplungsgetriebe DSG, dessen Gehäuse vibrierte. Volkswagen bot die Reparatur auf freiwilliger Basis an. Damit schien das Problem aus der Welt geschafft – bis das chinesische Staatsfernsehen den Autohersteller in der populären Show „3.15“ an den Pranger stellte, einem Sendeformat, das öfter zur Abstrafung ausländischer Unternehmen genutzt wird. Auch das löste einen Shitstorm aus, auf den VW anfangs zu zögerlich reagierte.

Andererseits zeigt die Erfahrung: Es wird halb so heiß gegessen wie gekocht. Die Missstimmung von damals ist passé, Volkswagen macht weiter glänzende Geschäfte in China. Chinesen sind leicht erregbar – aber sie vergessen auch bald. Und es gibt ein Gespür dafür, ob Probleme politisch hochgekocht werden oder tatsächlich in der Missachtung chinesischer Kunden wurzeln. Dann wird es gefährlich. Denn westliche Produkte werden nicht zuletzt aus Statusgründen gekauft – also aufgrund gefühlter Vorzüge. Und Gefühle sind verletzlich.

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