Vertreibung aus dem Paradies namens DDR

Braunschweig.  Der ostdeutsche Regisseur Andreas Goldstein stellte in Braunschweig seinen Film „Adam und Evelyn“ vor.

Paradiesisch: Florian Teichtmeister und Anne Kanis in einer Szene des Films „Adam und Evelyn".

Paradiesisch: Florian Teichtmeister und Anne Kanis in einer Szene des Films „Adam und Evelyn".

Foto: jasper- / picture alliance/dpa

Du lieber Himmel, schon wieder ein Film vom Ende der DDR. Man hat ja die pochende, peitschende, wummernde Musik noch im Ohr, mit der Bully Herbig seine reißerische Fluchtgeschichte „Ballon“ bis zum Zerreißen der Nervenstränge dramatisiert.

Und nun das: Leise, langsam, sommerlich verhauchen sich hier die letzten Atemzüge dieses Staates. Es ist, als ob er gar nicht da wäre. Keine Partei, keine Stasi stören das Idyll. Es ist, was es dort eben auch gab: das stille Glück in der Nische.

Den Unterschied machte der aus Ostdeutschland gebürtige Regisseur Andreas Goldstein deutlich, als er seinen Film „Adam und Evelyn“ im Universum-Kino vorstellte. Der derzeitige Boom des DDR-Films speise sich aus zwei Quellen, meinte er. Die eine Bewegung sei, dass die Ostdeutschen auch ihre Geschichten der DDR erzählen und wiederfinden wollten, damit ihre damaligen Wünsche und Utopien nicht ganz und gar in Vergessenheit gerieten.

Die andere: Nach 30 Jahren sei das versunkene Land ein Themenfeld wie andere auch geworden, eine „Fundgrube für tolle Geschichten“, derer man sich mit amerikanischer Dramaturgie bemächtigen könne – wie etwa auch die Nazizeit. „Da geht es immer um den Konflikt zwischen Freiheitswillen und staatlicher Repression, und am Ende ist man froh, dass alles vorbei ist. Das ist ein kolonialistisches Verhältnis zur Geschichte.“

Im Vergleich zum „Ballon“ des Westdeutschen Herbig kommt der Liebesfilm „Adam und Evelyn“ nach einem Roman des ebenfalls ostdeutschen Schriftstellers Ingo Schulze geradezu spektakulär unspektakulär daher. Adam ist ein Damenschneider, seine Freundin Evelyn Kellnerin. Ihr ist das Land zu eng, sie will Kunstgeschichte studieren oder ein eigenes Café aufmachen, beides ist dort nicht möglich.

Er hingegen ist glücklich mit seinem wilden Garten, mit seiner Arbeit, ja, auch mit den Kundinnen. Das erbost Evelyn, so dass sie statt mit Adam mit einer Freundin und deren West-Bekanntschaft zum Urlaub an den Balaton fährt. Adam muss nun also seinen Garten Eden verlassen und tuckert im himmelblauen Wartburg hinterher.

Auch in Ungarn ist bei Wein und Früchten Idylle angesagt, während in der Ferne die DDR ausblutet. Den jungen Leuten kommt nach einigen Verwicklungen ihr Staat eher abhanden, als dass sie abhauen.

Das wirkt zunächst betont unpolitisch. Damenschneider Adam sucht immer rasch nach Musik, wenn im Radio dramatische politische Meldungen kommen. Und als Evelyn im Westen befragt wird, sagt sie dem Beamten freundlich lächelnd: „Es war eine Männer-Frauen-Geschichte, mehr nicht.“

Mehr nicht? Nun das angenehm Ehrliche an dieser lakonischen, streckenweise aber arg spröden Erzählung ist eben, dass den Menschen, gerade den jungen, oft in entscheidenden Momenten die Beziehung doch wichtiger ist als die Weltgeschichte. Dass sie private Emotionen und Irritationen intensiver erleben als politische Dramatik.

Doch Regisseur Goldstein wehrt sich im Universum-Kino dagegen, dass sein Film unpolitisch sei. Er verklärt die DDR nicht. Nicht nur, weil eine Figur auftaucht, die auf der Flucht durch die Donau geschwommen ist und dabei alles verloren hat. Gerade die Nische sei ja ein Symptom für die Krise der DDR gewesen. Viele jener Menschen, die der Staat gebraucht hätte, hätten sich auf diese Weise von ihm zurückgezogen. Deren Wünsche und Sehnsüchte hätten sich im System der DDR nicht realisieren lassen. „Aber ihr Ziel war auch nicht eine kapitalistische Gesellschaft.“

Adam, gespielt mit einer feinen Mischung aus Melancholie und Fatalismus vom Österreicher Florian Teichtmeister, ist die ambivalente Bezugsfigur für die wegbrechenden Gewissheiten der Protagonisten. In einem Gespräch mit dem Westler, der von Rio und New York schwärmt, hält er diesem entgegen: „Ist es nicht egal, wo man lebt?“

In einem westlichen Hotelzimmer entdeckt er eine Bibel, liest ungläubig staunend den Bericht von der Vertreibung aus dem Paradies und sagt: „Dass das hier einfach so rumliegt...“

Für Filmemacher Goldstein führt Adam mit seinem Kunst und Handwerk in sich vereinenden Beruf (für den es im Westen dann keine Verwendung mehr gibt) ein sehr selbstbestimmtes Leben. „Ich sage gern überspitzt, dass Adam im Westen seine Freiheit verliert.“

Das erinnert stark an einen anderen Film über das Ende der DDR: „Kruso“ von Thomas Stuber. Auch dies ein Werk eines ostdeutschen Regisseurs nach dem Roman eines ostdeutschen Autors: Lutz Seiler. Paradox? Mag sein. Aber trotzdem.

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