Daniel Küblböcks Gespenster im Braunschweiger Lindenhof

Braunschweig.  Das Braunschweiger Theater Grand Guignol erforscht im neuen Stück „Die obere Koje“ die Tragik des Startums.

Luis Lüps als Kasper (Mitte) mit Marcus Hering und Annegret Taube.

Luis Lüps als Kasper (Mitte) mit Marcus Hering und Annegret Taube.

Foto: Theo Voerste / Grand Guignol

Barfuß im Abendkleid singend vor der Bühne schlendernd, wirkt der Schauspieler Luis Lüps ein wenig wie der Travestiekünstler Georgette Dee. Im neu gegründeten Theater Grand Guignol im Lindenhof ist er wieder als Kasper gestartet, nur vom Nabel ab sichtbar wie eine Handpuppe. Und nach der Pause tritt er dann als ganzer Mensch unter uns, rückt den Zuschauern als Realität zu Leibe mit seiner ganzen biografischen Last, die hier aus der schillernden Persönlichkeit des Popstars Daniel Küblböck gewonnen wurde, ohne dass der Name explizit fällt.

„Die obere Koje“ heißt das neue Stück von Simon Paul Schneider. Das klingt nach einer bekannten Gruselschocker-Folge, und tatsächlich haben sich auf Kasper (Küblböcks) letzter Fahrt allerlei Gespenster mit eingenistet in seiner Kabine. Am Ende geht er über die Reling.

Nach dem Schockstart der neuen Theatergruppe mit dem Kirmesmörder Jürgen Bartsch ist das zwar wiederum eine tragisch-skurrile, von mancher Psychose überschattete Biografie, wie es im alten Pariser Gruseltheater Grand Guignol üblich war. Aber wenigstens fehlt diesmal der kriminelle Aspekt.

Küblböck war Opfer, nicht zugleich Täter wie Bartsch. Ein Opfer gar, das stets gute Miene zu machen versuchte: Als Kind, wenn ihn die Mutter als Loser vertrimmte. Als Heranwachsender, wenn ihn die Medien als schräge Nummer vorführten, als schnellen Star missbrauchten und dann fallen ließen. 2003 war er als 17-Jähriger in der ersten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ dabei, 2004 schon saß er im „Dschungelcamp“ – holt mich hier raus!

Seine Auftritte kann man auch als Hilferufe deuten. Ein Schauspielstudium sollte wohl Grund reinbringen, doch verschärfte die ungeklärte Rollenfindung nur. Erst vorsichtig bi-, dann homosexuell, zuletzt vielleicht transsexuell, der Tod in Frauenkleidern auf dem Kreuzfahrtschiff, ins Meer gestürzt, ins ganz Bodenlose: Daniel Küblböcks Leben war auch eine fortgesetzte unterlassene Hilfeleistung seiner Mitmenschen.

Das Stück meidet natürlich die allzu klare Identifikation. Kasper ist der zu wenig Geliebte, gemartert und infiziert von der mütterlichen Selbstdarstellung, die sich durch rasch wechselnde Männer Bestätigung sucht. Der Autor macht sie zudem zu einer Showsängerin.

In allem wird Kasper sie beerben, wird das züchtige Heim, das ihm der leibliche Vater mit seiner neuen Frau bietet, ebenso schnell fliehen wie das Idyll mit der Ersatz-Omi. Und zuletzt als abgewrackte Chansonette über das Schiff torkeln wie Mama. Ein starkes Ende.

Aber Lüps hat viele lange Monologe zu bewältigen, gut gesprochen und doch zuweilen zu lange Selbsterörterungen im gleichen Tagebuchton. Regisseurin Katharina Binder und Schneider hätten hier mehr über Dialoge charakterisieren sollen. Die Erfolge Küblböcks fehlen auf der Skala, selbst wenn man nur die Einsamkeit dahinter hätte zeigen wollen.

Kaspers wichtigster Vertrauter aus dem ersten Stück, das grüne Spielzeugkrokodil Kroki (Marcus Hering), ist diesmal nur Nebenfigur, darf als Maschinist etwas aus der dunklen Männerwelt im Schiffsrumpf raunen. Annegret Taube als Puppe Prinzessin Klaus wird vor allem als Bruder Uwe gebraucht, der ihn erst mobbt und sich ihm später im Kuss vereint. Nur eine Vision? Der echte Bruder starb den Drogentod. Bei der Mutter blieb einfach nicht viel Raum für Beifang.

Nina El Karsheh spielt sie lustvoll, derb, direkt. Während Nikolaij Janocha ihre in verschiedenen Dialekten gefärbten Männer vom Postboten bis zum Kapitän gekonnt zuspitzt und so für heitere Farben sorgt. Etwas kompakter käme die zerstörerische Stimmung noch besser zum Tragen. Gut gemacht ist es auch diesmal.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder