Hannovers neue Compagnie tanzt auf Tempo

Hannover.  Marco Goecke stellt seine neue Compagnie an der Staatsoper Hannover mit drei rasanten Stücken vor.

Szene aus „Kosmos“ von Andonis_Foniadakis.

Szene aus „Kosmos“ von Andonis_Foniadakis.

Foto: Andreas J. Etter / Staatsoper Hannover

In der Region ist Marco Goecke schon verschiedentlich kreativ gewesen. In Henning Paars Zeit als Tanzdirektor am Braunschweiger Staatstheater zeigte der frisch gehypte Jung-Choreograph 2005 ein kribbel-krabbel-nervöses Stück zu Texten von Ingeborg Bachmann. Und der als Stuttgarter Hauschoreograph arrivierte Gast an vielen großen Compagnien war 2013 mit der São Paulo Companhia de Dança auch bei Movimentos in Wolfsburg zu erleben.

Nun ist er an der Staatsoper Hannover erstmals sein eigener Compagnie-Chef. Seinen ersten Abend nennt er „Beginning“, und es ist stilistisch ein deutlicher Neuanfang, was er und zwei Kollegen in den drei Stücken mit der fabelhaften neuen Compagnie präsentieren.

Goecke lässt den Gästen den Vortritt, und so startet die athletische Tänzerschar in hautengen Trikots mit Medhi Walerskis „Prélude“, das der junge Pariser auf die existentialistisch knappen Préludes für Violine und/oder Klavier von Lera Auerbach entworfen hat. Am Anfang steht ein langsames, von den Armen untermaltes Atemholen, das sich sofort in fließenden Drehungen und unheimlich geschmeidig reagierenden Körpern entlädt, die zusehends Geschwindigkeit aufnehmen. Walerskis Bewegungen wirken sehr natürlich, weich, biegsam, erfahren Verlangsamung und Beschleunigung und gruppieren sich jeweils zu mehreren Tänzern synchron. Die Diagonale stellt sich auch mal einem Solisten entgegen, es gibt mit Adam Russel-Jones und Verónica Segovia Torres ein (hervorragend tanzendes) nacktes Ur-Paar, das sich im Gewimmel der anderen behaupten muss. Doch die Konstellationen bleiben abstrakt, man nimmt vor allem den Eindruck von Energie und einer sehr musikalischen, angenehm körpergerechten Bewegungssprache mit. So ließe sich zusammenleben.

Dagegen zieht der Kreter Andonis Foniadakis das Tempo ganz schön an. Zu oft trommeliger Musik von Julien Tarride, die aber auch dissonant-glissierende Momente kennt, absolvieren die Tänzer in seinem Stück „Kosmos“ ein Feuerwerk hart und kraftvoll getakteter Bewegungen. Dabei sind sie sowohl selbst ständig mit allen Gliedern in Aktion als auch in ständiger Begegnung mit den anderen Tänzern, die sie anrennen, bei den Händen greifen oder mit Scherenarmen umfassen. Keine liebevolle Umarmung, kein Genuss des Augenblicks. Der Rhythmus reißt sofort wieder zurück in die synchrone Bewegung der Masse, maschinell, kampfsportlich, durchschüttelt.

Als Mann und Frau sich mal still die Hand geben, durchzuckt es sie wie ein Stromstoß, aber ihr weicheres Duett mündet in schon wieder eher mechanischer Paarung.

Foniadakis macht aber noch den Gegen-Kosmos auf: Da werden die Tänzer von Flimmerlicht wie beim Beamen in der Enterprise überblendet, mutieren so zu Astralleibern, die sich zu weicher Musik heben und umarmen: die Idee des Menschlichen, die in der Wirklichkeit so oft pervertiert ist.

Mit Goeckes „Thin Skin“ von 2015 vervielfachen sich die Bewegungen pro Einheit noch einmal. Zur punkig angerauten Musik von Patti Smith schnellen und zappeln die Glieder, jede Bewegung wird nachgefedert, als entstehe sie erst aus vielfacher Wiederholung. Die isolierten Tänzer im Tattoo-Trikot, selten mehr als zwei aufs Mal, gehen sich an den Hals, strecken die Zunge raus, dürfen ungebärdig alles rauslassen, was sie ärgert und beengt wie Patti. Das dauert vielleicht etwas lang. Aber irgendwann bleibt der perpetuelle Hampelmann stehen, als hätte man ihm die Fäden durchgeschnitten. Durchgescheuert, die dünne Haut.

Der Abend ist eine gute Visitenkarte. Eine Uraufführung bleibt Goecke allerdings schuldig. Kommt erst am 25. April: „Der Liebhaber“.

Wieder 13., 15., 19. Oktober, 1., 11., 22. November. Karten: (0511) 99991111.

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