Sympathie für einen Griesgram

Braunschweig.  Drei Briten erwecken beim Braunschweiger Figurentheater-Festival gemeinsam einen zwiespältigen Charakterkopf zum Leben.

Szene aus dem Stück „The Table“ des Blind Summit Theatre im Figurentheater Fadenschein.

Szene aus dem Stück „The Table“ des Blind Summit Theatre im Figurentheater Fadenschein.

Foto: Klaus G. Kohn / Figurentheater Fadenschein

Ein Mann. Ein Tisch. Drei Spieler. Der Mann: eine Puppe, der Körper aus Stoff, weich, mit schlaksigen Armen und Beinen, der Kopf kantig, aus Karton. Missmutig sieht er aus, ein alter Grantler. Und so einer braucht drei Spieler?

Nun, nach der Tradition des japanischen Bunraku schon. Welches Wunder diese drei bewirken, das war am Wochenende beim Gastspiel des britischen Blind Summit Theatre beim „Weitblick“-Festival im Figurentheater Fadenschein zu erleben. Mark Down leiht der Puppe seine Stimme, bewegt ihren rechten Arm und den Kopf, Sean Garratt den linken Arm und das Hinterteil, Fiona Clift, über eine Stunde in gebückter Haltung, die Füße. Und der Alte beginnt zu leben...

Er stellt zuerst mal den Tisch vor. 40 Jahre wohnt er schon auf ihm. Mit großen Schritten und kleinen Hüpfern misst er ihn aus. Er zeigt seinen Garten. Zu sehen ist nichts, aber er beschreibt die Blumen, atmet hingebungsvoll ihren Duft ein. Später wird er unter anderem noch auf einer Phil-Collins-Platte rotieren und bei jeder Runde geschickt über den Arm des Plattenspielers hinwegsetzen.

Mit anzüglichen Hüftbewegungen baggert der Alte eine junge Frau in der ersten Reihe an. Seiner Aufforderung, ihn mal anzufassen, mag die aber nicht nachkommen. Nein, nett ist er nicht, dieser olle Kastenkopp mit Bart, Schlitzaugen und Hakennase. Aber ein Charakter mit einem sehr eigenen Schicksal ist er, und er steckt voller Witz. Er ist es leid, immer nur auf Kindergeburtstagen Märchen erzählen zu müssen, fühlt sich zu Höherem berufen.

Dieses naht schließlich in Gestalt des Auftrags einer jüdischen Gesellschaft, die letzten zwölf Lebensstunden des Moses in Echtzeit nachzuspielen. In Rückblenden teilt Moses das Rote Meer, spricht mit dem brennenden Dornbusch, führt das Volk Israel. Er bittet Gott, ihn ins gelobte Land zu lassen. Doch der verkündet dem 120-Jährigen mehrfach dräuend das Ende aller Tage. „Ist ja gut, Gott, Du hast es jetzt drei Mal gesagt, ich hab’s kapiert.“ Weiter weg vom pädagogisierenden Kindergeburtstagsmärchen geht’s nicht.

Doch immer wieder schweift der Alte ab. Phantastisch, wie er die drei Faktoren eines funktionierenden Puppenspiels – Fokus, Atmung, Fixpunkt – nein, nicht erklärt, sondern vormacht. Vor allem seine Demonstration all dessen, was schiefgeht, wenn man diese Regeln nicht beachtet, amüsiert das Publikum bestens. Und auch der kreative Fehler passiert: Eine Hand löst sich vom Arm der Puppe, was die drei Spieler zu einer hinreißenden Improvisation motiviert.

Ihre Koordination und Konzentration, die Feinheit ihrer genau dosierten und aufeinander abgestimmten Handbewegungen sind einfach unglaublich. Und: Sie leben und leiden mit ihrer Figur, reagieren auf ihre Worte und ihr Verhalten, so als sei sie gar nicht ihr Geschöpf, sondern ein selbständiges Lebewesen. Eine atemberaubende Darbietung, die dem „Blind Summit Theatre“ schon internationale Erfolge beschert hat. Auch in Braunschweig überschlug sich das Publikum vor Begeisterung.

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