150 grafische Hochkaräter in Braunschweig zu entdecken

Braunschweig.  Das Städtische Museum zeigt Highlights aus seiner umfassenden Sammlung. Darunter sind auch Überraschungen wie ein unbekannter Kirchner-Abzug.

Rembrandt Harmenszoon van Rijn: „Abraham verstößt Hagar“ (1637,   Radierung mit Kaltnadel, Ausschnitt). Im Hintergrund frohlocken Sara und Isaak.

Rembrandt Harmenszoon van Rijn: „Abraham verstößt Hagar“ (1637, Radierung mit Kaltnadel, Ausschnitt). Im Hintergrund frohlocken Sara und Isaak.

Foto: Dirk Scherer / Städtisches Museum Braunschweig 

Sie fristen sonst eher ein Schattendasein in den Depots, schon aus konservatorischen Gründen: Druckgrafiken sind äußerst lichtempfindlich und dürfen jeweils nur für kurze Zeit gezeigt werden. Anschließend müssen sie sich im Dunkel der Archive ein paar Jahre erholen. Und so ist es gar nicht so bekannt, dass das Städtische Museum Braunschweig seit der Gründung 1861 eine stattliche Grafische Sammlung von über 50.000 Arbeiten aufgebaut hat. Rund 150 Hochkaräter daraus präsentiert es von Sonntag an in einer exklusiven Schau, einige erstmals: „Von Rembrandt bis Baselitz“.

Rembrandt (1606-1669) ist gleich eine ganze Abteilung gewidmet, mit einigen frühen und damit besonders hochwertigen Abzügen von Kaltnadelradierungen. Faszinierend die Kunst des niederländischen Meisters, mit haarfeinen Linien den psychologischen Hintergrund einer Szene anzudeuten. Auf dem Blatt „Abraham verstößt Hagar“ steht der biblische Stammvater etwas unsicher, ja schuldbewusst im Zentrum. Seine Magd Hagar und der gemeinsame Sohn Ismael wenden sich bedrückt zum Gehen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man im Schatten des Torbogens im Rücken Abrahams die zufriedenen, fast verschlagenen Gesichter seiner Frau Sara und ihres Sohns Isaak, die mit der Verbannung Hagars ihre Stellung gesichert haben.

Grafik – die Kunst der Abstraktion

„Während die Malerei mit ihren Farben die Sinnlichkeit der Welt widerspiegelt, werden Zeichnung und Druckgrafik seit jeher als die Kunst der Abstraktion, als Ausdrucksform des Intellekts angesehen“, sagt Museumsdirektor Peter Berg. „Ästhetische Reduktionen verweisen auf künstlerische Programme.“

In unmittelbarer Nachbarschaft Rembrandts stoßen wir auf Landschaftsdarstellungen aus dem 20. Jahrhundert: In seinem Holzschnitt „Wintermond“ etwa zeigt Gerhard Marcks 1954/55 nur das Wesentlichste: eine Gruppe karger Stämme und Äste im Vordergrund, ein angedeutetes schraffiertes Feld in der Bildmitte, eine Mondsichel. Klug austariert das lichte Geflecht von klaren vertikalen, horizontalen und diagonalen Linien. Trotz ihrer Kargheit wirkt die Komposition atmosphärisch dicht.

Roy Lichtensteins Sonne geht auf

Direkt daneben: Roy Lichtensteins Farblithografie „Sunrise“ (1965). Ein komplexes Naturphänomen reduziert auf eine plakative Ikonografie: weiße Sonne, gelbe Strahlen, pixelgepunktetes Himmelblau, rote, blau eingefasste Wellen. Farben nicht als Illusions-, sondern als Kontrastmittel.

Kurator Lars Berg hat die Ausstellung nicht chronologisch geordnet, sondern in sieben Themenfelder aufgeteilt, von „Bildnis, Selbstbildnis, Vision“ über „Gott und Götter“ bis hin zu „Mit wenigen Strichen – Abstraktion“. Das sorgt für Abwechslung. Auf engem Raum lässt sich der Wandel der Darstellungsweise eines Sujets konzentriert beobachten. Den repräsentativen, idealisierten Darstellungen von Patriziern, die barocke Meister aus leichter Untersicht mit großer Detailfülle in Kupfer stachen, steht das schlichte Porträt des Komponisten Frederick Delius aus dem Jahr 1922 gegenüber. In Max Beckmanns Lithografie erscheinen Delius’ Kopf und schlanke Hände im Vergleich zum schmalen Körper des Musikers übergroß. Der moderne Porträtist kehrt das Innere gleichsam nach Außen. „Beckmann zeigt den Komponisten als sehr vergeistigten Menschen“, meint Berg.

Egon Schieles provokante Pose

Bei der Sichtung der umfangreichen Sammlungsbestände habe es einige Entdeckungen gegeben, erzählt der Kurator. Dass das Städtische Museum eines von höchstens zehn Exemplaren des Holzschnitts „Mann und Frau am Strand bei aufgehendem Mond“ von Ernst Ludwig Kirchner besitzt, war der Kunstwelt bisher nicht bekannt. „Im Werkverzeichnis der Druckgrafiken Kirchners taucht es nicht auf“, sagt Berg. Das expressiv-kantige Bildnis einer Frau und eines Mannes in einer Dünenlandschaft unter wolkigem Nachthimmel zeigt wohl ihn und seine Gefährtin Erna Schilling im Jahr 1912 auf Fehmarn.

Ausdrucksstark auch der „Männliche Akt (Selbstbildnis) I“ von Egon Schiele (1890-1918). Der junge Künstler präsentiert seinen ausgemergelten Körper offensiv mit unverdecktem Geschlecht. Angedeutete schwarze Hintergründe verleihen der Lithografie bei aller Reduktion große Plastizität. Das Bild wirke auch deshalb provokant, weil die verletzliche, dem Betrachter zugewandte Pose an den leidenden Christus erinnere, meint Kurator Berg. Zugleich spiele Schiele auf ein „Selbstbildnis als Akt“ Albrecht Dürers an.

Es gibt viel zu entdecken in der weitgespannten, aber nicht überfrachteten Schau. Die enorme Spanne grafischer Darstellungsmöglichkeiten wird offenbar, vom filigranen Kupferstich bis hin zum plakativ farbsatten Siebdruck. Bemerkenswert auch die Vielzahl großer Namen, die hier vertreten sind, von Jacques Couché über Andreas Achenbach bis hin zu Fernand Léger, Picasso, Dalí und Gerhard Richter. Ein ansprechender Katalog und ein umfangreiches Rahmenprogramm runden die Ausstellung ab.

Eröffnung am 18. Oktober, 17 Uhr. Bis 10. Januar, Di.-So. 11-17, Do. 11-18.30 Uhr.

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