Erik und Erika: Die Ski-Weltmeisterin, die ein Mann war

Essen.  Das ARD-Drama „Einer wie Erika“ erzählt die Geschichte eines Österreichers, der in den 1960er-Jahren als „Mädchen“ zum Skistar wurde.

Ganz geheuer ist Erika (Markus Freistätter) der Auflauf nach dem WM-Sieg nicht.

Ganz geheuer ist Erika (Markus Freistätter) der Auflauf nach dem WM-Sieg nicht.

Foto: SWR/ORF/Lotus Film/Zeitsprung Pi

Die Mutter hat schon beim ersten Wickeln bemerkt, dass ihr Baby ein außergewöhnliches Kind ist. Bei der Geburt 1948 waren bei der kleinen Erika die männlichen Geschlechtsorgane sehr viel stärker ausgeprägt als die weiblichen. Weil diese bei ihr aber nach innen gewachsen waren, sahen die Ärzte anfangs keine Anomalie. Es brauchte schließlich 20 Jahre, bis aus Erika Schinegger endlich ein Erik werden durfte.

Ein menschliches Drama entfaltet sich hier, ganz authentisch und wie gemacht, auch heute noch, für Film und Fernsehen. Der österreichische Regisseur Reinhold Bilgeri („Landkrimi – Alles Fleisch ist Gras“) und sein Drehbuchautor Dirk Kämper haben denn auch mit „Einer wie Erika“ (Originaltitel: „Erik und Erika“) in ihrem Heimatland große Erfolge erzielt.

Das schmutzige Kapitel beginnt mit dem Sex-Test vor Olympia

Über weite Strecken vermag der ursprünglich fürs Kino produzierte Film zu fesseln, nicht zuletzt auch durch die Machart. Bilgeri packt die Geschichte der Erika/Erik nach kurzer Einleitung in einen großen Rückblick, der die Stationen der Hauptfigur an uns vorbeiziehen lässt.

Es beginnt mit der Rastlosigkeit von Erika, die in einem Kärntner Bauerndorf aufwächst. Das „kräftige Dirndl“ entdeckt seine Leidenschaft für den alpinen Skisport und räumt sehr schnell so ziemlich sämtliche Pokale im Lande ab. 1966 gewinnt sie sogar die Weltmeisterschaft im Abfahrtslauf. Erika (von jetzt an: Markus Freistätter ) spürt derweil sehr wohl, dass Veränderungen in ihrem Körper stattfinden, aber sie verdrängt es, weil Olympia in Grenoble wartet.

Das schmutzige Kapitel beginnt mit dem Sex-Test vor Olympia

Von hier an wird aus der Geschichte der Erika ein wahres Drama, das der Regisseur breit auszuspielen versteht. Es ist ein schmutziges Kapitel, das mit dem Sex-Test vor Olympia beginnt, bei dem Erika erstmals als Mann klassifiziert wird. Eigentlich kein Drama, zumal Erika (ab jetzt: Erik) schon länger den Mann in sich verspürt. Aber da ist noch der mächtige Österreichische Skiverband , der seinen bisher weiblichen Star nicht einfach aufgeben will.

Bilgeri lässt in den Bildern seines Films keinen dieser Funktionäre ungeschoren davonkommen. Sie erscheinen hier, allesamt besetzt mit bekannten österreichischen Schauspielern, als bloße Unmenschen. Man verfrachtet Erik zunächst in ein Kloster , um ihn aus der Schusslinie zu bringen. Später, so hofft man tatsächlich, soll dann „mit ein paar harmlosen Eingriffen“ wieder ein fesches Mädel am Start sein.

Der Film gibt den Gefühlen von Erika/Erik kaum Raum

Den Zuschauer erwartet ein Film, der im Grunde nichts auslässt vom Schicksal der Hauptfigur, die Kamera von Carsten Thiele ist immer dabei. Man hätte sich jedoch ein wenig mehr Gefühle von Erika/Erik gewünscht, die uns sicher viel zu erzählen gehabt hätte.

Zum Beispiel von ihrer ersten sexuellen Begegnung als Teenager mit einer Schulfreundin. Oder von den verzweifelten Tagen im Kloster, wo sich dieser nach Bewegung lechzende Mensch schier eingekerkert fühlen musste.

Mag sein, dass die um 20 Minuten längere Kino-Version des Films etwas mehr in dieser Richtung geleistet hat. So ist es letztendlich ein eher braves Biopic .

  • „Einer wie Erika“ , Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD
Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder