Rasiermesserscharfe Rachetaten finden Beifall

Braunschweig  Stephen Sondheims makabres Musical "Sweeney Todd" wird im Staatstheater Braunschweig als skurrile Gesellschaftssatire umjubelt.

Maricel als Mrs. Lovett und Markus Schneider als Sweeney Todd schmieden Pläne.

Maricel als Mrs. Lovett und Markus Schneider als Sweeney Todd schmieden Pläne.

Foto: Volker Beinhorn

Na dann guten Appetit. Die zunächst faden Pasteten der Mrs. Lovett bekommen durch Menschenfleisch erst den rechten Biss. Die Dame sieht‘s praktisch: Fleisch ist rar im England des 19. Jahrhunderts und Katzen wenig teilsam. Da ihr Freund, der Barbier Sweeney Todd, zudem die Ware frei Haus liefert, braucht’s nur noch eines neuen Fleischwolfs, und das Geschäft floriert.

Stephen Sondheims Musical „Sweeney Todd“ ist nichts für Feinschmecker, sondern eine nur vordergründig munter aufgemachte Gesellschaftssatire, die auch musikalisch vielfach schräg, mit extremen Stimmführungen und perkussivem Expressionismus daherkommt. Da könnte man gleich Hindemith oder Strawinsky spielen. Aber ob da das Publikum nachher auch zu Ovationen von den Sitzen spränge? Den Sweeney-Fans seien „Hexenjagd“, „Rigoletto“ und „Tosca“ ans Herz gelegt, wo sich teils ähnliche Optik, teils ähnliche Rhythmik in ernsthafter Analyse ähnlichen gesellschaftlichen Unrechts erleben ließen.

Denn Sweeney nimmt sich das nicht unproblematische und hier grotesk überspitzte Recht zur Rache an einem korrupten Richter und seiner Klasse. Der hier musicalmäßig als pervers überzeichnete Richter Turpin hatte Sweeney verbannt, dessen Frau geschändet und beider Tochter Johanna zu sich genommen. Die Herangewachsene beginnt er jetzt zu begehren und zu bedrängen. Randy Diamond spielt ihn als juwelenbehangenen Schmierlapp von vornherein abstoßend und ohne bürgerliche Verbrämung. Die Perversion ist gleich sichtbar und in seinem differenziert modulierenden Stimmeinsatz auch spürbar.

Regisseur Philipp Kochheim guckt quasi mit den verzerrenden Augen Sweeneys auf die Gesellschaft und bedient die Figuren dadurch so plakativ, wie ein Musical oft ist. Die Abgründe liegen immer schon offen. Das ist besonders schade bei der klischeehaft in Zottelfetzen gekleideten Hure. Milda Tubelyte wechselt zwischen zwei Stimmlagen, kratzig-rabiat und opernhaft entschwebend, aber das geht alles so schnell, dabei wäre es so wichtig, dass man ihre schönere Vergangenheit, ihre menschliche Würde entdeckte, zu ahnen begänne. Einmal müsste sie uns (und Sweeney) still, nicht verhuscht, ins Gesicht gucken dürfen als die, deren Identität wir erst am Ende erfahren. Aber sie darf nur als Verbrechen witterndes Wrack durch die Szenen stürzen.

In Sweeney ist die durch Leid und Wut ausgelöste Schizophrenie auch musikalisch deutlicher angelegt, und Markus Schneider gestaltet sie hervorragend. Passagen eines gefühlvollen Gesanges voller weicher Erinnerungen wechseln mit jenen Mordszenen, in denen er plötzlich wie besessen, fast belfernd aufdreht. Sogar Mrs. Lovett wird in solchem Anfall sein Opfer. Maricel gestaltet sie mit auch mal derbem Ton und sarkastischen Pointen herrlich als handfeste Geschäftsfrau, die sich auch in der Misere eine kleine Liebe (für Swenney) bewahrt hat.

Auf den wartet nun das Irrenhaus. Kochheim hat dessen Insassen schon am Beginn des Stücks auf dem Rand des Orchestergrabens und unter dem Vorhang hindurch effektvoll auftreten lassen. Matthias Stier mimt hier als verrückter Toby so eine Art Moritatensänger für die grausige Handlung, und er tut es, einmal auch zu einer herrlich tenoral aufblühenden Arie berechtigt, mit der schönsten Stimme des Abends.

Bleibt noch das jugendliche Liebespaar. Mirella Hagen liegt als Johanna in einer Gruft aus schwarzen Plüschtieren begraben, aus der sie sich kraft ihres feinen Soprans mit dem hübsch kolorierten Singvogel-Lied zu erheben sucht. Und Philipp Georgopoulos ist mit schön schwellender Musical-Stimme der brave Anthony, der sie letztlich befreit. Die Zukunft sei ihnen gegönnt, sie werden als Sweeneys Tochter und Freund viel irre Vergangenheit zu verdrängen haben.

Gut ergänzen Andreas Mulik und Mike Garling das Typenpersonal, der Chor setzt kraftvolle Szenenschlüsse.

Die durchaus komplizierte Musik wird vom Staatsorchester unter Burkhard Bauches gewitztem Dirigat plastisch ausgebreitet. Das beginnt mit Orgeldröhnen und wechselt von rasiermesserfunkelndem Harfenklingeln zu weichen Streicherkantilenen, bevor es mit harten Xylophonschlägen endet. Da geht nicht alles gleich ins Ohr wie bei „Hair“, hat aber Skurrilität und Drive. Das Publikum im voll besetzten Großen Haus feierte Szene und Musik begeistert.

Wieder am 13. und 18. November, 9., 18. und 31. Dezember. Karten: (0531) 123 45 67.

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