Für die „Postillon Live“-Sprecher ist jede Show eine Überraschung

Braunschweig.  Thieß Neubert und Anne Rothäuser sprechen beim „Leser fragen“ in Braunschweig über die Webseite „Der Postillon“ und Bühnenversion des Netz-Erfolgs.

Unsere Leser Thea (von links) und Hans-Georg Schrader, Eva-Maria und Constantin Triebe, sowie Karin und Dietmar Decker fragen vor der Show in Braunschweig die Sprecher Anne Rothäuser (Vierte von rechts) und Thieß Neubert (Dritter von links).

Unsere Leser Thea (von links) und Hans-Georg Schrader, Eva-Maria und Constantin Triebe, sowie Karin und Dietmar Decker fragen vor der Show in Braunschweig die Sprecher Anne Rothäuser (Vierte von rechts) und Thieß Neubert (Dritter von links).

Foto: Bernward Comes

Im Braunschweiger Kulturzelt breitet sich mitfühlendes Raunen aus. Anne Rothäuser und Thieß Neubert berichten den etwa 500 Zuschauern von einem jungen Mann, der auf seinem Hometrainer abspecken will, aber zunimmt, weil er rückwärts statt vorwärts in die Pedale tritt. Die beiden tragen diese Meldung mit dem Charme seriöser Nachrichtensprecher vor. Allerdings stammt sie von Autoren des „Postillon“, Deutschlands derzeit erfolgreichster Satire-Webseite mit 2,8 Millionen Facebook-Fans. Kurz vor der Show hatten unsere Leser Karin und Dietmar Decker sowie Thea und Hans-Georg Schrader aus Schöningen genauso wie Eva-Maria und Constantin Triebe aus Salzgitter die Gelegenheit, mit Rothäuser und Neubert über die Bühnenversion des Internet-Erfolgs, Lieblingsmeldungen und Pannen bei der Show zu sprechen. Das Treffen fand in Kooperation mit der Agentur Salonkultur und „Kultur im Zelt“ statt.

Karin Decker: Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, den „Postillon“ auf die Bühne zu bringen?

Thieß Neubert Um das zu beantworten, muss ich etwas ausholen. Der Macher und Kopf des „Postillon“ heißt Stefan Sichermann. Er war früher in einer Werbeagentur tätig und hat dort angefangen, sich die ersten Themen auszudenken. Mit einem mittlerweile kleinen Autorenteam, das in ganz Deutschland verteilt lebt, schreibt er heute die Texte. Ich habe ihn 2011 mal angeschrieben, weil ich Lust hatte, ein paar Texte in kleinen zwei- bis dreiminütigen Clips zu verfilmen. Ich war früher Fernsehansager und habe auch ein bisschen Stand-Up-Comedy gemacht. Ich habe mal in Köln gelebt und kenne aus der Zeit ein paar Kollegen, die auch Spaß daran hatten, entweder hinter der Kamera oder als Schauspieler. Nach Stefans Zustimmung haben wir ein paar Filme produziert. Dafür erhielten wir 2013 sogar den Webvideopreis.

Dann wurde der NDR auf uns aufmerksam. 2014 liefen dort die ersten Folgen im Fernsehen und im Radio. Kollegen aus dem Comedybereich kamen auf mich zu und rieten mir daraufhin, doch für den „Postillon“ eine Bühnenversion zu versuchen. Diese Idee habe ich an Stefan weitergetragen, und nach einigen Gesprächen begannen wir, die Show zu konzipieren.

Anne Rothäuser Die Texte von Stefan und seinem Team sind ja geschriebenes Wort. Wir mussten die Texte für die Show alle noch mal umschreiben. Für „Der Postillon – Live“ gibt es auch wieder ein anderes Team, etwa kümmert sich darum die Agentur Salonkultur mit ihrem Chef Volker von Liliencron.

Thieß Neubert Anne, die auch aus der Moderation kommt, und ich kennen uns seit vielen Jahren. Wir haben uns als Moderatoren bei der Telekom kennengelernt. Irgendwann haben wir eine Testaufführung in Hamburg gemacht, wo wir uns alle überhaupt nicht sicher waren, wie das ankommt, wo man hinter den Kulissen denkt: Wenn ich jetzt sterben würde, wäre das auch okay.

Anne Rothäuser Diese Show ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Die Zuschauer bekommen keine Hilfestellungen. In satirischen TV-Formaten wie zum Beispiel der „Heute-Show“ wird ja zum Beispiel durch die Art der Präsentation kommentiert. Das machen wir nicht. Die Zuschauer bekommen von uns die Nachricht und können damit umgehen, wie sie wollen. Auch für uns war es ein Prozess, wenn man da steht und einfach nur die Nachricht vorliest, Feinheiten zu finden, die wir für das Spiel mit dem Publikum nutzen können. Das finde ich total spannend bei dieser Show im Gegensatz zu anderen Shows, die ich mache. So etwas kannst du zum Beispiel nicht mit Stand-Up vergleichen.

Thieß Neubert Im Herbst 2017 haben wir mit der Show angefangen. Aus Erfahrung wissen wir, dass von den 2,8 Millionen Facebook-Fans nur jeder Zehnte „Postillon24“ und somit auch die Show kennt.

Dietmar Decker: Wie läuft ein Dreh für „Postillon24“ ab, wie groß ist das Team für die Produktion, woran orientiert ihr euch?

Thieß Neubert Unsere Basis ist immer ein vorhandener Artikel, der für den Filmdreh umgeschrieben wird. Zwei bis drei Kollegen machen sich Gedanken, wie man das bildlich umsetzen kann. Wenn das Skript soweit steht, rufen wir die Schauspieler an, machen einen Termin aus und drehen.

Anne Rothäuser Das Team ist viel kleiner, als man denkt. Ich bin bei den Clip-Drehs nicht dabei, nur bei den Produktionen im Nachrichtenstudio. Thieß ist aber in beiden Fällen involviert. Weil das Bühnenprojekt ganz andere Regeln hat, arbeiten wir mit Stefan Sichermann und Volker von Liliencron zusammen.

Thea Schrader: Wie lange braucht Ihr, bis alles in den Clips und in der Bühnenshow sitzt?

Thieß Neubert Natürlich gibt es wie bei jeder anderen Aufnahme auch den Fall, dass jemand sich verspricht oder jemand einen Lachanfall bekommt. Auf der anderen Seite liegt unser bisheriger Rekord bei drei abgedrehten Berichten an einem Tag. Trotzdem ist die Stimmung unter uns entspannt und locker, weil wir ja alles Freunde sind. Bei den Produktionen haben uns auch schon einmal Markus Krebs und Johannes Schröder, die ja aktuell selbst als Comedians sehr erfolgreich sind, unterstützt. Was die Bühnenshow angeht, passen wir unser Programm den aktuellen „Postillon“-Nachrichten an, berichten zum Beispiel über ein Burkdl, das strenggläubigen Musliminnen den Oktoberfestbesuch ermöglichen soll, und auch Uli Hoeneß’ Aussagen in der Torwart-Diskussion haben wir verarbeitet. In solchen Fällen lesen wir uns ein in die Meldung und versuchen, sie zu lernen, damit sie locker rüber kommt.

Hans-Georg Schrader: Kommt es vor, dass Ihr euer Programm spontan ändert?

Anne Rothäuser Was die Meldungen angeht, ist das oft schwer, weil sie so knapp und gut geschrieben sind. Je nachdem könnte aber irgendwas zwischen uns beiden passieren.

Thieß Neubert Oder im Publikum, auf das wir reagieren. Ich bekomme bei einer bestimmten Meldung gerne mal einen Lachanfall, wenn das Publikum richtig abgeht. Dann kriege ich mich einfach nicht mehr ein, was aber schön ist, wie ein Rausch.

Constantin Triebe: Habt Ihr einen Lieblingsartikel?

Thieß Neubert Ich mag den Artikel über den mittlerweile verstorbenen BER-Schläfer, weil er so verschiedene Ebenen hat. Darin geht es um einen IS-Terroristen, der bereits 1995, als der Flughafenbau feststand, nach Deutschland reiste, um einen Anschlag auf den bekanntlich immer noch nicht eröffneten Flughafen in Berlin zu planen.

Anne Rothäuser Das ist auch der Artikel, der symptomatisch zeigt, wie abhängig wir vom Publikum sind. Manchmal sind die Leute von Anfang an dabei, manchmal ist das Publikum irritiert und weiß nicht, wo die Reise hingeht. Das ist total spannend, um zu sehen, was haben wir jetzt für eine Situation? Wisst ihr, was wir wollen? Kriegen wir euch? Das ist bei der Show sehr speziell. Wenn es Abende gibt, wo es sich so schön aufbaut, dann geht es gegen Ende, wenn die Nummer kommt, hoch her. Für uns ist jeder Abend eine Überraschung.

Eva-Maria Triebe: Wie wird die Verbindung zum eigentlichen „Postillon“ gehalten?

Thieß Neubert Der Kontakt ist immer da, tagtäglich sogar. Wenn ich den Beitrag bei N-Joy einspreche, schaue ich natürlich, was gibt es für Meldungen und habe dadurch auch einen regen Austausch.

Triebe: Kommen viele Anregungen von Leuten außerhalb des Teams, die einen Einfall haben?

Thieß Neubert Eines meiner Hobbys ist es mittlerweile, Kommentare der Fans bei Instagram zu lesen. Oft sind da so tolle Sachen dabei, die den Artikel einfach weiterspinnen. Richtig lustig. Im „Kommentargold“, eine neue Rubrik bei Instagram, sind die besten Leserbriefe veröffentlicht.

Eva-Maria Triebe: Und manchmal werden die Geschichten für bare Münze verkauft. Das ist doch das Tollste, wenn jemand die „Postillon“-Nachrichten als wahr abnimmt, oder?

Anne Rothäuser Stimmt. Und es hört nicht auf. Es passiert seit Jahren. Man denkt ja irgendwann, jetzt hat es einen Grad erreicht, da hat jeder mal mitbekommen, dass der „Postillon“ Satire betreibt. Wir wundern uns immer wieder, dass uns Leute glauben.

Thieß Neubert Der vielleicht extremste Beitrag in dieser Hinsicht ist das Stück über den Mofabrüchigen, der mit seinem Gefährt auf einer einsamen Verkehrsinsel landete und dort viele Jahre lebte. Da fragen ganz ehrlich Leute bei Youtube, warum der nicht nach Hause gelaufen ist.

Dietmar Decker: Gab es auch mal rechtliche Probleme?

Thieß Neubert Als wir beim NDR on air waren, da haben wir unser Logo an das von N24 angelehnt, wir haben uns ja P24 genannt und hatten auch ein oranges Quadrat. Gegen uns wurde eine einstweilige Verfügung erwirkt. Das hat uns dann eine kleine Strafe gekostet, aber es war natürlich eine super PR. Das haben wir uns dann mal gegönnt. Inhaltlich ist Satire ja ein weites Feld und viel möglich. Daher kann kaum was passieren.

Stefan Lienert notierte das Gespräch.

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