Altmeisterlicher Rock, klasse Sound - BAP in Braunschweig

Braunschweig.   Frontmann Wolfgang Niedecken (68) und Band beschließen die Woltershof-Open-Airs mit schnoddriger Würde. Wie es war, lesen Sie hier.

Wolfgang Niedeckens BAP  spielte am 30. Juni im Wolters Hof in Braunschweig

Wolfgang Niedeckens BAP spielte am 30. Juni im Wolters Hof in Braunschweig

Foto: Rüdiger Knuth

Als BAP Ender der 70er loslegten, steckte Deutschrock noch in den Kinderschuhen. Außer Udo, ein bisschen Marius und Ton Steine Scherben gab es da nicht viel. Dann sangen BAP auch noch in diesem wirklich unverständlichen Kölschen Dialekt. Aber in der heißen Phase der Anti-AKW- und Friedensbewegung waren sie mit ihrem schnodderigen, lederjackigen, aber doch sensiblen Rock plötzlich auf der Höhe der Zeit.

Rund 40 Jahre ist das her, aber die Songs, die am Sonntagabend auf dem Wolters-Hof die größte Resonanz auslösen, sind immer noch die Nummern aus jener Zeit. Kein Wunder, die rund 2000 Fans dürften in ihrer großen Mehrzahl in diesen Jahren mit BAP vertraut geworden sein. Die Band ist ja auch schon damals öfter in Braunschweig aufgetreten.

Backstage mit BAP in Braunschweig
Backstage mit BAP in Braunschweig

Mittlerweile ist Frontmann und Gründer Wolfgang Niedecken 68, aber nach einem Schlaganfall vor acht Jahren offensichtlich wieder gut in Form. Er legt fast unmittelbar mit „Waschsalon“ los, einer fetzigen Rock’n’Roll-Liebeserklärung von 1981: „Weil du häss Ahnung vun dä Technik / Vun der ich nix verstonn“. Schon da fällt auf: guter Sound, kompakt, aber transparent, jedes Instrument klar und voll zu hören, insbesondere die Drei-Bläser-Fraktion um den fabulösen Saxophonisten Axel Müller, aber auch die Geige von Anne De Wolff. Da steht mit Achim Schnall ein Altmeister an den Reglern.

Altmeisterliche Musik

Ein bisschen altmeisterlich ist auch die Musik von BAP. Klar gebaute Rocksongs, die man im Kern auch mit einer Akustikgitarre am Lagerfeuer spielen könnte, gekonnt instrumentiert und souverän musiziert, durchaus mit Saft und Spaß daran. Oft auch mit Schalk im Nacken, wie beim Country-Talking-Blues „RWB“: Plötzlich roch et noh Dior / Wo vüürher Qualm un Bierdunst wohr / Unmettelbar wohr ich bejeistert.“ Oder dem lebensweisen kölschen Reggae „Et ess wie’t ess“.

So spielt sich die sechsköpfige Band, immer wieder blitzblank verstärkt vom Bläsertrio, in die Abenddämmerung. Von den neueren Liedern bleibt „Vision vun Europa“ (2016) hängen. Es erzählt von zwei Brüdern, die von irgendwo in Afrika nach Europa aufbrechen. „Opjewahße em Terror / enn ‘nem bankrotte Land / Dat sich do jet draan ändert / verjess et, kein Changs“. Sie trecken durch die Wüste und durch andere kaputte Staaten. Von Tanger in Marokko aus können sie Spanien sehen. „En Notiz enn der Zeidung vun ‘nem Flüchtlingsdrama / irjendwo enn dä Meerenge vun Gibraltar / E Boot wöör met ‘nem Tanker kollidiert / wat ahnscheinend he öfter passiert“ geht die bewusst unterspielt gesungene Ballade zuende.

BAP sc hieben den Klassiker „Kristalnaach“ hinterher, wie immer „gerade wieder bitternötig“. Musikalisch unterstreichen das die mächtig bedrohlich bohrenden Keyboardsounds von Michael Nass.

Viele Zugaben für die Fans

Mit der passenden Antwort „Arsch huh“ beenden sie das offizielle Programm. Die üppigen Zugaben sind noch einmal ein Nostalgieblock mit Nummern wie „Nemm mich mit“, „Stell dir vüür“, „Verdamp lang her“. In der Stadthalle war die Band vor zwei Jahren bestuhlt aufgetreten. An diesem Sommerabend feiert das zusammen einige Zehntausend Jahre alte Publikum den zweieinhalbstündigen Abend wie Teenies mit klatschenden Händen über den Köpfen.

Mit 70 kommt er wieder, sagt Niedecken.

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