M’era Luna in Hildesheim: Da brodelt brutal das schwarze Blut

Hildesheim.  Beim M’era Luna Festival in Hildesheim trafen sich Bands und Fans der Gothic-Szene zu harter Musik und einem Schaulaufen der Kostüme.

Die Frankfurter Goth-Rocker ASP spielten Samstag-Abend eine fulminante Headliner-Show.

Die Frankfurter Goth-Rocker ASP spielten Samstag-Abend eine fulminante Headliner-Show.

Foto: Frank Schildener

Epischer Goth-Rock, ausgefallene Mode und ein umfangreiches Nebenprogramm locken am Wochenende über 25000 Besucher auf das M‘era-Luna-Festival. Die Gothic-Szene zeigt sich musikalisch und auch sonst extrem vielschichtig.

Nun ist es also Geschichte, das M‘era Luna 2019. Es bleibt zunächst festzuhalten, dass die vielen Bilder von Fans in bunter, fantasievoller, barocker oder fetischlastiger Bekleidung darüber hinweg täuschen, dass das große Schaulaufen der Szene längst nicht mehr in Hildesheim stattfindet. Der Großteil des Publikums zieht dezentes festivalpraktisches Schwarz vor, in dem sich vor den Bühnen lässig bis ekstatisch tanzen lässt. Gelegenheit dazu gibt es vor zwei Bühnen reichlich.

Über 40 Bands spielen beim M‘era Luna. Neue-Deutsche-Welle-Altmeister Joachim Witt gibt mit überbordender Spiellust den düsterrockigen Rübezahl, der mit dem „goldenen Reiter“ auch Partyausflüge in seine Glanzzeit zulässt.

Eine blutrünstige Aggrotechparty feiert „Agonoize“ im Hangar. Sänger Chris L. schlitzt sich mit klauenbewehrter Hand die Pulsader der anderen auf und lässt die erste Publikumsreihe in Kunstblut baden. Düstermelancholisch wird es mit „Diary of Dreams“ auf der Main Stage. Die Band um Sänger Adrian Hates webt schwermütige Klangteppiche aus stampfenden Rhythmen und massiven Gitarrenwänden, die in dieser brutal mitreißenden Intensität ihresgleichen suchen.

Bemerkenswert der Auftritt des Samstagabend-Headliners „ASP“. Seit einigen Jahren schon ist die Band immer wieder als Band-Speerspitze auf dem Festival anzutreffen. Kaum eine andere schafft eine solche „magische Verbindung“ zwischen ihrer Musik und dem Publikum. Hymnen wie „Schwarzes Blut“ werden auch nach vielen Jahren noch von den Besuchern gefeiert und lauthals mitgesungen. Sein epischer Goth-Rock mit wunderbar wortgewaltigen literarischen Texten wird von den Fans geliebt. Im November kommt ein neues Album. Das daraus gespielte „Kosmonautilus“ ist ein typischer ASP-Song voller Poesie.

M'era Luna Festival in Hildesheim

Musikalische kommen ziemlich viele Geschmäcker auf ihre Kosten. „Subway to Sally“ und „Oomph“ sorgen für ordentlich Partystimmung. „Combichrist“ erweisen sich am Sonntagnachmittag als heimlicher Headliner. Die knackharten von zwei explosiven Drummern angetriebenen Rhythmen jagen das Publikum vor sich her und reißen erbarmungslos mit.

„VNV Nation“ auf der Hauptbühne und „Suicide Commando“ im Hangar sorgen Sonntagabend mit Future Pop und mit ihrem harten Elektro-Industrial-Sound für einen gelungenen Festivalabschluss. Dagegen blieben „Within Temptation“ und „The Fields of Nephilim“ hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Neben der Musik hat das Hildesheimer Festival zusätzlich eine Menge zu bieten. Das Angebot wächst seit einigen Jahren kontinuierlich. Das ist gut so und ein echter Mehrwert für die feierfreudigen Gäste. Die Gothic Fashion Show mit ihren mutigen und ausgefallenen Kreationen, der Mittelaltermarkt, Lesungen, die Academy mit ihren Vorträgen und neuerdings auch die „Styling Area“ mit ihren Schmink- und Friseurangeboten sorgen dafür, dass sich das Publikum in Hildesheim immer wieder wohl fühlt und gerne wieder kommt.

Wie heißt es in der ASP‘schen Hymne „schwarzes Blut“ doch so schön? „Ich trag die Liebe unter meiner Haut“. Vielleicht ist das sogar das schönste Kompliment, das man einem zutiefst harmonischen Festival ohne erkennbare Ecken und Kanten machen kann. Für das nächste Jahr sind unter anderem „Coma Alliance“, „The Cassandra Complex“ und die EBM-Legenden „Nitzer Ebb“ angekündigt, die Legenden der auf Wiederholungen beruhenden Electronic Body Music.

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