Lehrer greifen bei Gewalt öfter ein

Braunschweig  Eine Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts zeigt, wie oft niedersächsische Jugendliche gewalttätig wurden. Es gibt positive Anzeichen.

Das Symbolfoto zeigt eine körperliche Auseinandersetzung unter Schülern.

Foto: Oliver Berg/dpa

Das Symbolfoto zeigt eine körperliche Auseinandersetzung unter Schülern. Foto: Oliver Berg/dpa

Vervollständigen Sie diesen Satz: „Die Jugend von heute ist...“. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) würde aufgrund seiner neuesten Studie den Satz womöglich so enden lassen: „...besser als ihr Ruf.“

Das Institut aus Hannover hatte im Jahr 2015 mehr als 10 000 Neuntklässler in Niedersachsen befragt, welche Erfahrungen diese im Alltag mit Gewalt gemacht haben. Sind sie in den vergangenen zwölf Monaten Opfer eines Gewaltdelikts gewesen? Oder waren sie Täter? Welches Vertrauen haben die jungen Menschen in staatliche Behörden wie die Polizei? Oder konsumieren sie Drogen? Nur einige von rund 100 Fragen, die die Jugendlichen in einer anonymen Befragung während des Unterrichts beantworten sollten. Das Ergebnis lässt durchaus positive Rückschlüsse zu, vergleicht man die Angaben der 15-Jährigen mit den Angaben Gleichaltriger zwei Jahre zuvor. „Wir verzeichnen einen erkennbaren Rückgang der Jugendkriminalität“, sagt Marie Christine Bergmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am KFN und eine der Verfasserinnen der Studie. So sank der Gewalttäteranteil von 7,9 auf 6,1 Prozent. „Somit gaben 2015 ein Fünftel weniger Jugendliche an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine Gewalttat ausgeführt zu haben.“ Auch bei den Mehrfachtätern zeigte sich laut Studie ein Rückgang. Bei den Gewaltdelikten orientierten sich die Verfasser der Studie an der polizeilichen Kriminalitätsstatistik und den dort aufgeführten strafrechtlich relevanten Vergehen.

Gründe für den Rückgang seien laut Bergmann unter anderem ein geringerer Alkoholkonsum, eine größere Bereitschaft von Lehrern zu intervenieren sowie eine stärker den Kindern zugewandte Erziehung durch die Eltern. Bessere Noten und weniger Sitzenbleiber würden dazu führen, dass der Frustrationsgrad sinke.

Bedeutend sei beim Blick auf die Täterstrukturen der Grad der Schulbildung. Generell sei festzustellen, dass schulischer Qualifikationsgrad und „Höherbelastung“ in einer Korrelation stehen würden. „Mit Höherbelastung ist gemeint, dass weniger gut gebildete Jugendliche öfter Täter, aber auch öfter Opfer von Gewalt sind“, erklärt die Wissenschaftlerin. Eine gute Bildung schütze vor vielem, so Bergmann. Auch erlebten Kinder, die aus Familien mit einem sogenannten Migrationshintergrund stammen würden, öfter häusliche Gewalt. So wurden die Jugendlichen auch befragt, an welchen Orten sie mit Gewalt konfrontiert worden sind.

Bergmann warnt die politisch Verantwortlichen davor, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Warnschüsse oder härtere Strafen würden kaum Wirkung zeigen. Sie verweist auf die Gruppe der Jugendlichen aus dem ehemaligen Jugoslawien. „In dieser Gruppe gibt es offensichtlich weiter ein Gewaltpotenzial, das ansteigend ist.“ Hier seien bei der Integration Fehler gemacht worden, die bei einer Gruppe künftig nicht erneut gemacht werden dürften. „Es wird interessant zu beobachten sein, welche Relevanz Gewalt unter minderjährigen Flüchtlingen hat. Das wird in der laufenden Befragung, die den Zeitraum 2016 und 2017 umfasst, untersucht“, sagt sie. Was Bergmann heute schon sagen kann: „Rechtsextreme Einstellungen haben keinen Zulauf erhalten.“ Aber auch hier könnten sich Einstellungen unter den Neuntklässlern zuletzt verändert haben. Schließlich sei die Debatte um Einwanderung nach Deutschland erst in den letzten beiden Jahren zum dominanten politischen Thema geworden.

Timo Le Plat, Landesschülersprecher in Niedersachsen, empfindet die Zahlen, die die Studie präsentiert, immer noch als erschreckend hoch. So hätte ein Viertel aller Befragten angegeben, im bisherigen Leben physische Gewalt erlebt zu haben. „Ich habe persönlich verbale Gewalt erlebt, aber eher unbewusst“, sagt er.

Für den Braunschweiger Le Plat sind die Probleme, die es mit jungen Migranten in der Schule gibt, hausgemacht. Aus seiner Sicht müssten sich die Bedingungen ändern. „Wenn man ausgegrenzt wird, reagiert man auch anders.“ Um diese Jugendliche besser zu integrieren, müsse der Zusammenhalt unter den Schülern gestärkt werden, beispielsweise mit Hilfe von Arbeitsgemeinschaften, die auf gemeinsames Sporttreiben oder Kochen setzen.

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