„Nicht alle sind mündige Patienten“

Braunschweig  Rhinitis, Zystitis oder Appendizitis – wenn Ärzte eine Diagnose stellen oder Therapien erklären, verstehen viele Patienten erst einmal Bahnhof.

Blick in eine Hausarztpraxis.

Foto: Benjamin Ulmer/dpa

Blick in eine Hausarztpraxis. Foto: Benjamin Ulmer/dpa

Doch wer Gesundheitsinformationen nur schwer nachvollziehen, einschätzen oder nutzen kann, bekommt möglicherweise gesundheitliche Probleme. Auch deshalb hat es sich die Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) auf die Fahnen geschrieben, Medizin für Laien verständlich zu machen. Mit der Geschäftsführerin, Gabriele Seidel, sprach Katrin Schiebold.

Frau Seidel, der mündige Patient – ist das Wunschdenken oder gibt es ihn tatsächlich?

Ein wichtiges Ziel ist es, dass sich Ärzte und Patienten auf Augenhöhe begegnen und jeder seine Patientenrechte durchsetzen kann. Gerade in den vergangenen zehn Jahren ist man da schon einen erheblichen Schritt vorangekommen; die Menschen sind heute für Gesundheitsthemen sensibilisiert und in den Medien gibt es viele Gesundheitsinformationen. Vor allem diejenigen, die sich in Selbsthilfegruppen engagieren, haben oft ein profundes Wissen, was bestimmte Krankheitsfelder anbelangt und können ihre Interessen durchsetzen. Aber es sind noch längst nicht alle Menschen mündige Patienten.

Wie viele Menschen verstehen eine Diagnose nicht – gibt es da Erkenntnisse?

Ein Ergebnis der sogenannten „Gesundheitskompetenz-Studie“ der Universität Bielefeld, Fakultät für Gesundheitswissenschaften, etwa ist, dass beinahe jeder Zweite eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz hat. Vor allem Menschen mit niedrigem Sozialstatus (78 Prozent), mit chronischer Krankheit (73 Prozent), mit Migrationshintergrund (71 Prozent) und in höherem Alter (66 Prozent) weisen eine vergleichsweise eingeschränkte Gesundheitskompetenz auf.

Das sind alarmierende Ergebnisse...

Ja, die Ergebnisse machen aufmerksam. Wenn Menschen Mühe haben, sich in der ständig anwachsenden Fülle an Gesundheitsinformationen zurechtzufinden und Entscheidungen für die eigene Gesundheit zu treffen, hat das nicht nur für sie selbst Auswirkungen, sondern auch wirtschaftliche Folgen. Die Menschen werden immer älter, chronische Erkrankungen nehmen zu.

Eine Gruppe anerkannter Experten erarbeitet derzeit unter der Schirmherrschaft von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) einen Nationalen Aktionsplan zur Förderung der Gesundheitskompetenz. Da geht es auch um die Frage, wie ein nationales Gesundheitsportal entwickelt werden kann, auf dem man fokussiert nach Gesundheitsthemen suchen kann. Oder wie leicht die Bürger in ihrer Stadt an Beratungsangebote kommen.

Es geht also um mehr, als Wissenslücken zu stopfen. Was versteht man denn genau unter dem Begriff Gesundheitskompetenz?

Es gibt keine einheitliche Definition. Grundsätzlich geht es um das Wissen, die Motivation und die Fähigkeit, gesundheitsrelevante Informationen ausfindig zu machen, zu verstehen, zu beurteilen und zu nutzen. Das fängt schon damit an, dass man in der Lage sein muss, sich im Gesundheitssystem zu orientieren. An wen kann ich mich mit meinem Problem wenden?

Auch muss man einem Arzt erklären können, unter welchen Symptomen man leidet.

Es umfasst außerdem die Fähigkeit, seine Interessen durchzusetzen – also dem Arzt beispielsweise zu sagen, dass man bestimmte Medikamente nicht verträgt oder bei einer Krankenkasse gegen einen abgelehnten Antrag Widerspruch einzulegen. Und man muss auch in der Lage sein, erworbenes Wissen umzusetzen: Es reicht nicht zu wissen, dass Rauchen ungesund ist – man muss auch damit aufhören.

Wie erreichen Sie mit der Patientenuniversität die Menschen, die wenig gesundheitskompetent sind?

Wir bieten eine rollende Patienten-Uni an: Zum Beispiel gehen wir direkt in die Betriebe. Erwerbstätige leiden vor allem an Krankheiten des Bewegungsapparates, der Atemwege sowie zunehmend auch an psychischen Erkrankungen. Ein geringes Wissen über gesundheitliche Sachverhalte kann mittel- und langfristig mit einem hohen Krankenstand einhergehen. Wir sind aber auch in den Berufsbildenden Schulen unterwegs. Dort vermitteln Medizinstudenten den Schülern Grundlagenwissen; sie tun das sozusagen auf Augenhöhe, in verständlicher Sprache. Grundsätzlich wäre es wichtig, das Thema Gesundheitskompetenz schon fest in den Lehrplänen zu verankern; eigentlich sollte man mit der Vermittlung von Gesundheitsthemen schon im Kindergarten anfangen.

Viele Patienten holen sich Rat bei „Dr. Google“ – sehr zum Leidwesen vieler Ärzte. Wann wird es kritisch, wenn sich Bürger im Internet informieren?

Wenn der Patient nicht mit dem Arzt darüber spricht, wenn er sich selbst therapiert. Viele denken zum Beispiel, dass es nicht schlimm ist, frei erhältliche Präparate bei bestimmten Beschwerden einzunehmen – nach dem Motto: Ist ja nur pflanzlich. Aber auch das muss mit einem Arzt besprochen werden, weil die Einnahme zusätzlicher Mittel eine Therapie konterkarieren kann.

Wie kann ich im Internet erkennen, ob die Information verlässlich ist?

Die Seiten sollten ein Impressum haben, die Werbung muss getrennt von den Inhalten laufen oder der Autor eines Artikels erkennbar sein. Auch müssen Aktualisierungen angezeigt werden. Die Medizin ist sehr schnelllebig: Alles, was älter als fünf Jahre ist, gilt als nicht mehr aktuell. Die Internet-Seiten von Universitäten, Krankenkassen und Behörden sind seriös. Eine grobe Orientierung können auch die Qualitätssiegel der „Health on the Net“ Foundation (HON) und des Aktionsforums Gesundheitsinformationssystem (afgis) geben.

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