Containern und weggeworfene Lebensmittel einsammeln – ein Risiko

Braunschweig.  Unternehmen wie Rewe warnen vor den Folgen des „Containerns“. Die Tafeln kämpfen seit Jahren gegen die Verschwendung.

An den Mülltonnen bei Lestra in Bremen kleben neuerdings Zettel mit Hinweisen für Lebensmittelretter.  Der Supermarkt erlaubt das „Containern“. Die Schilder sollen darüber aufklären, was voraussichtlich noch bedenkenlos gegessen werden kann und wovon man lieber die Finger lassen sollte.

An den Mülltonnen bei Lestra in Bremen kleben neuerdings Zettel mit Hinweisen für Lebensmittelretter. Der Supermarkt erlaubt das „Containern“. Die Schilder sollen darüber aufklären, was voraussichtlich noch bedenkenlos gegessen werden kann und wovon man lieber die Finger lassen sollte.

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Es ist ein Juniabend gegen halb elf, als sich Caro und Franzi am zugesperrten Müllcontainer eines Supermarkts in Olching zu schaffen machen. Sie knacken ihn mit einem Vierkantschlüssel, packen Gemüse, Säfte und Milchprodukte ein, wollen mitnehmen, was der Supermarkt nicht mehr verkaufen kann: noch genießbare Lebensmittel, knapp über dem Haltbarkeitsdatum, teils originalverpackt.

Gerade steigen sie mit voll bepackten Taschen auf ihr Fahrrad, als zwei Polizisten um die Ecke kommen. Sie fordern die Studentinnen auf, die Lebensmittel wegzuschmeißen und sagen, dass sie Strafanzeige stellen würden. Anfang des Jahres verurteilt das Amtsgericht Fürstenfeldbruck die jungen Frauen wegen Diebstahls zu einer Geldbuße von je 225 Euro auf Bewährung, außerdem zu je acht Stunden Arbeit bei der örtlichen Tafel. Es ist ein Urteil, das bundesweit für Aufsehen sorgt und eine Diskussion in Gang setzt, die bis heute anhält: Kann das sogenannte Containern, das „Mülltauchen“ auf Parkplätzen von Supermärkten wirklich strafbar sein?

Gegen die Verschwendung von Lebensmitteln

Caro und Franzi haben in einem Interview mit dem Spiegel geschildert, was an jenem Juniabend passierte und warum sie nun öffentlich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln eintreten wollen. Sie haben auch eine Petition gestartet, die mehr als 90.000 Menschen unterzeichnet haben und die sich unter anderem an Bundesjustizministerin Katharina Barley (SPD) richtet. Sie fordern, dass Supermärkte dazu verpflichtet werden, noch genießbare Lebensmittel weiter zu verteilen und das Containern nicht länger strafrechtlich zu verfolgen.

Anfang Juni ist der Kampf gegen die Lebensmittel-Verschwendung tatsächlich ein Thema beim Treffen der Justizminister in Lübeck. Hamburgs Justizsenator Till Steffen (Grüne) schlägt vor, das Einsammeln weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern von Supermärkten zu legalisieren. Doch die Minister winken mehrheitlich ab. Stattdessen fassen sie einen Alternativbeschluss: Der Bund soll es großen Anbietern einfacher machen, Lebensmittel freiwillig und ohne Nachteile an Dritte, etwa an Tafeln, abzugeben.

Bis zu 99 Prozent der Lebensmittel in Supermärkten werden verkauft

Das tun die meisten Supermärkte längst. Die Rewe-Group etwa, zu der auch der Discounter Penny gehört, setzt sich eigenen Angaben zufolge seit Jahrzehnten dafür ein, dass so wenig Lebensmittel wie möglich vernichtet werden müssen. Mittlerweile könnten im Jahresdurchschnitt bis zu 99 Prozent tatsächlich verkauft werden, teilt eine Unternehmens-Sprecherin auf Anfrage mit. Ein Gros des verbleibenden Prozents stelle Rewe den Tafeln zur Verfügung – Lebensmittel, die nicht mehr verkauft, aber trotzdem noch bedenkenlos verzehrt werden können: Joghurt etwa, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum zeitnah abläuft oder der Apfel mit einer Druckstelle. Grundsätzlich handele es sich um frische und/oder unverpackte Lebensmittel wie Milch, Joghurt sowie Obst und Gemüse.

Anders sieht es bei Lebensmitteln aus, die ein Verbrauchsdatum haben wie Frischfleisch oder -fisch. Diese dürften nicht an die Tafeln gegeben, sondern müssten entsprechend der gesetzlichen und hygienischen Vorgaben entsorgt werden. Das gilt auch für verdorbene Lebensmittel oder für solche, deren Kühlkette unterbrochen wurde.

Nicht alle Anbieter nehmen es offenbar so genau. Alfred Huge, Geschäftsführer der Braunschweiger Tafel, vermutet längst: „Für einige Lebensmittelspender sind wir mittlerweile die preiswerte Müllabfuhr.“

Wer zur Tafel geht, muss Bedürftigkeit nachweisen

Huge führt durch die Räume in der Goslarschen Straße. Morgens ab sieben Uhr herrscht hier Hochbetrieb. Lieferwagen fahren zum Hintereingang, Ehrenamtliche sortieren Gemüse, und prüfen den Inhalt von Lebensmittel-Kisten. Was nicht mehr genießbar aussieht, verschimmelte Äpfel, Bananen oder Gurken landen im Müll. Andere Helfer gehen auf Abhol-Tour, sie fahren zu Supermärkten, Bäckereien, sammeln Ware ein. Ab 10.30 Uhr werden die Lebensmittel verteilt. Wer etwas von der Tafel beziehen will, muss seine Bedürftigkeit nachweisen, braucht einen Berechtigungsschein.

Die Tafeln sind auf Spenden angewiesen – und dankbar für jedes Geschäft, das mit ihnen kooperiert. 90 Märkte und Bäckereien sind es allein in der Region Braunschweig. Bis zu 400 Menschen täglich können die Helfer somit versorgen.

„Bisher war es überwiegend gute Ware, die wir bekommen haben“, sagt Geschäftsführer Huge. Doch er beobachtet mit Sorge, dass einige Märkte zuletzt auch Lebensmittel abgeben haben, die nicht mehr in Ordnung waren: Kisten mit einige Tage alten Brötchen oder aussortierte Ware, die vor dem Geschäft in der Sonne gammelte. Offenbar sollte die Entsorgung auf die Tafel verlagert werden, um Kosten zu sparen, vermutet er.

„Wir werden kontrolliert, dass wir die Kühlkette einhalten.“ Doch die Anbieter müssten sich ebenfalls an die Vorschriften halten, andernfalls werde die Zusammenarbeit beendet.

Risiken beim Containern

Eine solche Qualitätskontrolle fällt beim „Containern“ weg. Wer in den Müllbehältern von Supermärkten nach verwertbaren Lebensmitteln sucht, macht sich nicht nur strafbar, sondern setzt sich auch Risiken aus. „Gerade Schimmel wird oft unterschätzt“, sagt Rewe-Sprecherin Kristina Schütz. „Bei Obst mit einem hohen Flüssigkeitsanteil bilden sich unter bestimmten Umständen bedenkliche Schimmelsporen auch schon, obwohl man von außen keine Schimmelbildung wahrnehmen kann.“ Auch aus diesem Grund seien die Marktverantwortlichen angehalten, die Müllcontainer vor dem Zugriff Dritter zu sichern. Grundsätzlich komme es bei den Märkten der Rewe-Gruppe eher selten zum „Containern“.

Eine verpflichtende Abgabe von Lebensmitteln an Tafeln als Alternative zum risikoreichen „Mülltauchen“ sieht das Unternehmen indes skeptisch. Als Vorbild nennen die Befürworter oft Frankreich: Seit 2016 müssen Supermärkte dort mit einer Ladenfläche von mehr als 400 Quadratmetern unverkaufte Lebensmittel an örtliche Tafeln oder gemeinnützige Organisationen spenden. In Deutschland ist das freiwillig. Doch kooperiere bereits nahezu die gesamte Lebensmittel-Einzelhandelsbranche mit entsprechenden Institutionen, entgegnet Schütz.

Dass auch in Frankreich weiterhin Croissants und Orangen in den Mülltonnen landen, konnte auch das neue Gesetz nicht verhindern. Eine Kontrollinstanz gibt es nicht.

Der Braunschweiger Huge fürchtet außerdem, dass eine verpflichtende Abgabe Abnehmer wie die Tafel noch häufiger vor das Problem stellen würde, unbrauchbare Lebensmittel selbst entsorgen zu müssen. „Das Problem der Lebensmittelverschwendung ist so nicht in den Griff zu bekommen.“ Er appelliert vielmehr an die Verbraucher, ihr Verhalten zu überdenken. „Brauchen wir zu jeder Jahreszeit frische Erdbeeren? Oder muss ein Bäcker auch abends noch das gesamte Angebot vorhalten?“

Er erzählt von einem Großbäcker aus der Region, der abends zuweilen bis zu 40 unverkaufte Blechkuchen für die Tafel in die Kühlung stellt. „Manchmal holen wir auch 80 bis 90 Bleche mit Kuchen ab.“ Das bedeutet selbst für die Tafel: Angebot im Überfluss.

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