Viele Städte sind für Hausärzte nicht mehr attraktiv genug

Braunschweig.  Der Medizinernachwuchs hat hohe Ansprüche an die Arbeitsstelle. Frei werdende Praxen zu besetzen wird immer schwerer.

Viele ältere Mediziner finden keine Nachfolger für ihre Praxis (Symbolbild).

Viele ältere Mediziner finden keine Nachfolger für ihre Praxis (Symbolbild).

Foto: Oliver Berg / dpa

Bei meinem Hausarzt wartet man trotz Termin zwei bis drei Stunden. Wenn man keinen Termin hat, aber spontan um 8 Uhr dort ist, wartet man länger als vier Stunden.

Das schreibt uns Michelle Kammerer bei Facebook.

Dazu recherchierte Lara Hann.

Die Anzahl der niedergelassenen Hausärzte in Wolfsburg und Salzgitter ist in den vergangenen Jahren gesunken. Dennoch sagt Jörg Berling, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung: „In keiner niedersächsischen Großstadt ist aktuell ein Ärztemangel zu verzeichnen. Die Versorgungslage ist gut“.

Viele Patienten, wie unsere Leserin, nehmen das jedoch auch heute schon häufig anders wahr. In Zukunft könnte sich die Lage noch verschärfen – denn dann droht die Anzahl der Ärzte in Städten noch weiter zu sinken.

Acht Stunden Arbeit am Tag, eine gute Work-Life-Balance und eine schöne Umgebung: Junge Hausärzte haben an ihren Job inzwischen weitaus höhere Ansprüche als ihre Vorgänger. Diese werden auch in Großstädten – wie Salzgitter und Wolfsburg – inzwischen häufig nicht mehr erfüllt. Die Bereitschaft sich niederzulassen sinkt daher.

„Junge Ärzte sind heute außerdem weniger risikobereit als früher“, sagt Thorsten Kleinschmidt, Vorsitzender des Bezirksausschusses Braunschweig der Kassenärztliche Vereinigung. Eine eigene Praxis zu gründen, sei daher für viele keine Option mehr. Auch weil sie lieber in einer Gemeinschaft mit anderen Ärzten und nicht als Einzelkämpfer arbeiten wollten.

Ärzte, die in Rente gehen wollen, finden daher häufig keine Nachfolger mehr für ihre Praxis. Betrachtet man den Altersdurchschnitt der Ärzte in Großstädten könnte das gravierende Folgen haben. Schon jetzt sind Hausärzte in Salzgitter im Schnitt 58 Jahre alt, in Wolfsburg 57 Jahre. „Nur etwa 25 Prozent der Ärzte sind unter 50“, sagt Kleinschmidt.

Das Problem potenziert sich laut Berling noch dadurch, dass die Art zu arbeiten sich verändert hat. „Um seine Stelle nachzubesetzen, muss ein älterer Arzt inzwischen eigentlich zwei Nachfolger finden“, sagt Berling. Viele Ärzte würden inzwischen auf Halbtagsbasis arbeiten wollen. Viele Überstunden und wenig Freizeit passten nicht in ihre Lebensentwürfe.

Außerdem würden viele junge Ärzte ihre Praxis anders konzipieren wollen, als es die meisten älteren Praxen hergeben. Behindertengerechter, zugänglicher, moderner, das sind die Stichworte.

Aber welche Lösungsansätze gibt es für den Ärztemangel in Städten? „Einen sehr wichtigen Anteil haben hier die Kommunen“, sagt Berling. Diese müssten dafür sorgen, dass ihre Infrastruktur für junge Ärzte attraktiver wird. Das sei ein Unterfangen, das Zeit benötige und schnell in Angriff genommen werden müsse.

Außerdem sei es sinnvoll dafür zu sorgen, dass mehr niedergelassene Hausärzte zusätzliche Ärzte in ihrer Praxis anzustellen. „Eine Praxis zu übernehmen, in der man bereits arbeitet, ist leichter, als sich auf eine komplett neue einzustellen“, sagt Kleinschmidt. Gerade in Salzgitter sei dies ein Problem. Nur rund 15 Prozent der Ärzte arbeiten dort als Angestellte. Zum Vergleich: In Braunschweig sind es 28,7 Prozent.

Um den alteingesessenen Ärzten das zu erleichtern, könnten Kommunen zum Beispiel einen Bau für eine neue Praxis fördern, in dem mehrere Ärzte arbeiten könnten. Und den Ärzten hier niedrige Mieten anbieten. „Dann müssten die Ärzte nur noch ihre Kartons packen und könnten mit den neuen Kollegen zusammenziehen“, sagt Kleinschmidt.

Fest steht für Kleinschmidt und Berling: Es muss bald etwas geschehen. Schon in fünf bis zehn Jahren könnte der Mangel ernst werden. Hochrechnungen gibt es für die Städte noch nicht. Im Braunschweiger Umland soll die Versorgung mit Ärzten jedoch schon 2030 auf 75 Prozent sinken.

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