Göbel: Wenn nicht diese Region die Krise bewältigt, wer dann?

Braunschweig.  Wendelin Göbel, lange Top-Manager bei VW, leitet nun die Allianz für die Region. Er sagt: Der Raum zwischen Harz und Heide ist stark.

Wendelin Göbel ist neuer Chef der Allianz für die Region und der Wolfsburg AG.

Wendelin Göbel ist neuer Chef der Allianz für die Region und der Wolfsburg AG.

Foto: Matthias Leitzke / Privat

Mitten in der Corona-Pandemie gibt es einen Führungswechsel bei der Allianz für die Region und der Wolfsburg AG. An die Stelle von Frank Fabian ist Wendelin Göbel getreten. Die beiden sprechen über die Krise, Stärken und Schwächen der Region.

Die Allianz für die Region und die Wolfsburg AG wollen unsere Region voranbringen. Wie schätzen Sie die Verfassung der Region in der Corona-Krise ein?

Frank Fabian: Das Potenzial ist weiterhin stark. Natürlich sind wir mit VW grundsätzlich monostrukturell aufgestellt. Wir haben aber eine Bandbreite in der Forschung und Wissenschaft sowie im Mittelstand zu bieten. Es gibt weitere große Unternehmen. Der Einschnitt durch Corona ist groß, aber wir werden die Krise besser überstehen als viele andere Regionen.

Wendelin Göbel: Die Menschen in dieser Region kennen Schlagworte wie Digitalisierung und E-Mobilität. Das beschäftigt uns neben der Corona-Krise ja auch noch. Transformation bedeutet Veränderung, das kann zu Ängsten führen. VW und viele Unternehmen der Region werden aber die Stärke besitzen, die Transformation erfolgreich zu meistern. Unser großer Vorteil ist auch, dass wir unter anderem mit der Allianz für die Region, dem Regionalverband und dem Amt für regionale Landesentwicklung Braunschweig ein großes Netzwerk und starke Entscheider haben, eine starke regionale Klammer.

Was können die Allianz für die Region und die Wolfsburg AG denn in dieser Pandemie konkret leisten?

Göbel: Ich sehe, wie perfekt auch bei uns trotz der Pandemie die Kommunikation läuft. Ob nun per Zoom – wie mit Ihnen bei diesem Interview – oder mit anderen digitalen Hilfsmitteln, wir kommunizieren und arbeiten reibungslos. Wenn wir das in die Schulen übertragen, auf Messen, auf Jobbörsen, dann können wir mit positivem Beispiel vorangehen und zeigen, dass die Zusammenarbeit trotz der Pandemie funktioniert.

Fabian: Wir können auch dabei helfen, große Beträge an Fördermitteln von Land, Bund und EU in die Region zu holen. Das ist Wirtschaftsförderung, die brauchen wir gerade jetzt. Wir gehören zum Verbund, der den Wasserstoff-Campus in Salzgitter vorantreibt. Wasserstoff ist einer der Energieträger der Zukunft. Des Weiteren bilden Braunschweig, Wolfsburg und andere eine von bundesweit wenigen 5G-Modellregionen. Beim Mobilfunkstandard wollen wir Gas geben.

Die Allianz für die Region hat für die Fördermittel-Einholung das Projektbüro Südostniedersachsen gegründet. Sind Sie trotz der Pandemie vorangekommen?

Fabian: Im gemeinsam mit dem Amt für regionale Landesentwicklung eröffneten Büro arbeiten die Kolleginnen und Kollegen bereits an konkreten Themen. Sie beteiligen sich am Wasserstoff-Campus in Salzgitter und am Thema 5G. Es geht darum, weitere Fördermittel für die Leuchtturm-Projekte einzuholen. Wir sind zuversichtlich, dass das klappt. Mit der Landesbeauftragten Ulrike Witt und Staatssekretär Matthias Wunderling-Weilbier stimmen wir uns eng ab. Wir haben weitere gute Ideen im Köcher.

Welche Ideen sind das?

Göbel: Wir reden unter anderem über das Thema E-Mobilität. In Kürze werden der ID.3, der ID.4 und andere E-Fahrzeuge von VW in dieser Region sichtbar sein. Das ist nicht nur ein Projekt für Wolfsburg, wo wir gerade den zweiten Schnellladepark eröffnet haben. Wir brauchen in der ganzen Region flächendeckend öffentliche sowie Home- und Firmen-Ladestationen.

Fabian: Die Ministerien signalisieren uns, dass wir mit unserer Einigkeit und den ausgereiften Projekten in der Pole-Position stehen, was Fördergelder betrifft.

Gerade für junge Leute ist es durch die Pandemie schwer, Fuß auf dem Arbeitsmarkt zu fassen. Ihre Ausbildungs-Börsen dürften zum Teil ausfallen. Wie kann die Allianz für die Region dennoch helfen?

Göbel: Unsere Jobbörsen sollen nicht ausfallen. Mitte November findet zum Beispiel eine siebentägige Berufsorientierung online statt. Wir arbeiten digital mit Schulen, Firmen und Jobcentern zusammen. Wir nutzen unser Netzwerk und die digitalen Möglichkeiten gerade in dieser schwierigen Zeit.

Ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit ist die Gewinnung von Fachkräften. Wo stehen wir da?

Göbel: In vielen Branchen ist die Situation sehr angespannt: Erzieherinnen, Handwerker, Ärzte, Software-Spezialisten und Ingenieure werden händeringend gesucht. Gleichzeitig haben wir eine Sockelarbeitslosigkeit. Wir müssen stärker als bisher in den Vordergrund stellen, dass wir nicht nur attraktive Arbeitgeber in der Region haben, sondern die Region insgesamt attraktiv ist. Damit punkten wir im Wettbewerb.

Ende 2017 haben Sie eine Kampagne mit dem Slogan „Alles da“ gestartet, haben das Portal „Die Region“ gegründet. Wie läuft die Kampagne denn?

Fabian: Wir haben die Gruppe der IT-Fachkräfte sehr stark digital angesprochen. Über 100.000 ITler haben auf unsere Werbung reagiert, 5000 haben dann über unsere Portale nach Jobs in der Region gesucht. Es kommt also an. Was wir aufgrund des Datenschutzes leider nicht messen können, ist die Zahl derer, die tatsächlich einen Job in der Region angenommen haben. Wir machen das nun auch mit den so wichtigen Pflegekräften. Die Influencerin Louisa Dellert hat uns dabei geholfen. Wir haben unter anderem Werbung in NRW, Sachsen-Anhalt und Thüringen gemacht.

Göbel: Es wollen eben nicht alle nur nach Berlin, München und Hamburg. Auch die Regionen zwischen den Metropolen sind interessant. Und es gibt kaum eine Region in Deutschland, die so viel bietet wie unsere. Das ist leider nur nicht überall bekannt.

Stecken Sie deshalb weiter einen niedrigen Millionenbetrag pro Jahr in das Regionalmarketing? Den genauen Betrag wollen Sie ja nicht nennen.

Fabian: Der Betrag hat sich nicht groß verändert, die Sponsoren sind uns treu geblieben. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit in diesen Krisen-Zeiten. Wir vergleichen uns auch mit anderen Regionen, die ein Regionalmarketing betreiben, wie zum Beispiel dem Münsterland.

Müssten Sie für die Zielgruppen nicht auch den Harz, den Elm, die Autostadt, die alte Stadt Goslar oder die Verbindung zum Sport mit Eintracht Braunschweig und dem VfL Wolfsburg noch bekannter machen? Diese Region hat ja mehr zu bieten als VW und andere.

Fabian: Das stimmt, die Arbeitgeber werben richtigerweise für sich selbst. Die große Entscheidung für einen Standort folgt aber dann, wenn man sich fragt, was einen sonst erwartet. Da können wir gar nicht genug machen. Deshalb spielen wir über unsere Kanäle die angesprochenen Vorzüge der Region.

Die Allianz für die Region wird von Konzernen in der Region getragen. Gesellschafter sind aber auch die Städte und Landkreise. Ist es bei dieser bunten Mischung immer einfach, sich zu einigen?

Fabian: Das hat sich in den letzten drei Jahren gebessert. Das lag auch am Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Markurth, Braunschweigs Oberbürgermeister, der das hervorragend moderiert hat. Wir treten geschlossen auf.

Diese Geschlossenheit gab es nicht immer. Vor drei Jahren gab es von kommunalen Gesellschaftern Kritik. Von aufgeblähtem Personal, „wachsweichen Themen“ und einer insgesamt zu teuren Organisation war die Rede. Welche Schlüsse haben Sie gezogen?

Fabian: Wir haben die Kritik ernst genommen, haben unsere Themen fokussiert – gemeinsam mit dem Aufsichtsrat. Wir bewegen uns jetzt auf vier Themenfeldern: Fachkräfte gewinnen, die Region vermarkten, Mobilität, Wirtschaftsförderung und Ansiedlung von Gewerbe. Regelmäßig gehen wir mit dem Aufsichtsrat Kennzahlen durch und machen unsere Arbeit messbar.

Göbel: Uns kommt es nicht auf die Anzahl der Projekte an, sondern auf deren Qualität. Die Oberbürgermeister und Landräte müssen sich damit identifizieren können.

Sie verfügen über ein Budget von etwa acht Millionen Euro, ein Teil davon ist Steuergeld, somit arbeiten Sie im öffentlichen Raum. Ist das nun Segen oder Fluch?

Fabian: Das ist eindeutig ein Segen. Wir sorgen dafür, dass Mittel zusammengebracht werden, um diese Region entscheidend voranzubringen. Ein Drittel unseres Budgets kommt von der kommunalen Seite, wir holen über die Wirtschaft, Verbände und Gewerkschaften noch einmal zwei Drittel ein. Jede Kommune könnte mit ihrem kleinen Anteil nicht die Dinge bewirken, die wir mit acht Kommunen inklusive Wirtschaft in Bewegung setzen.

Göbel: Jede Kommune hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, den Einsatz des Steuergelds zu hinterfragen. Unsere Mitarbeiter wissen das und gehen verantwortungsvoll mit dem Geld um. Jeder Euro für die Steigerung der Attraktivität ist gut angelegt, auch wenn diese nicht einfach zu messen ist.

Herr Göbel, Sie kommen aus der Autobranche. Viele Zulieferer stehen vor Problemen. Welche Rolle können die Allianz für die Region und die Wolfsburg AG spielen?

Göbel: Weltweit gibt es nur vier Regionen, die eine ähnliche Abhängigkeit von der Automobilindustrie haben: Detroit in den USA mit den US-Herstellern, die Region Ingolstadt mit Audi, diese Region mit VW und das chinesische Changchun mit FAW-Volkswagen. Es geht immer um das gleiche Thema: das Zusammenwirken von Politik und Wirtschaft für die Menschen. Wir dürfen die Zulieferer in keinster Weise vergessen. Große Hersteller haben große Verantwortung für die Zulieferer. Da können die Allianz für die Region und die Wolfsburg AG ein wichtiges Sprachrohr sein.

Fabian: Wir hatten erst kürzlich über das neue Projektbüro eine Konferenz mit 90 Teilnehmern aus dieser Branche. Da ging es darum, wie diese Unternehmen möglichst unbürokratisch an Fördermittel des Landes kommen. Und die Wolfsburg AG hat mit der IZB die größte Zulieferer-Messe Europas als wichtige Austauschplattform etabliert.

Herr Göbel, in einer langen Karriere im VW-Konzern waren Sie unter anderem Generalbevollmächtigter der Volkswagen AG und Personalvorstand bei Audi. Warum engagieren Sie sich bei der Allianz für die Region und der Wolfsburg AG?

Göbel: Anfang der 90er Jahre war ich in der Beschaffung im Konzern tätig. Da waren Sie auf der A2 zwischen Wolfsburg und Hannover oft noch stundenlang unterwegs. Seither habe ich weltweit fast alle Konzernstandorte kennengelernt und ein Netzwerk aufgebaut. Vor allem aber habe ich diese Region kennen und schätzen gelernt. Schon früh durfte ich auch die Entwicklung der Allianz für die Region und der Wolfsburg AG verfolgen. Viele Freundschaften, Bekanntschaften sind entstanden. Ich möchte die Erfahrungen, die ich gemacht habe, zurückgeben – gerade in dieser verdammt schwierigen Zeit.

Wie schwer sind die Zeiten denn?

Göbel: Die Herausforderungen für uns alle sind groß, aber ich bin zuversichtlich. Wenn nicht Wolfsburg, wenn nicht diese Region, wenn nicht VW diese Herausforderungen in der Corona-Krise und in der Automobilbranche bewältigen kann, wer soll es dann schaffen? Hier in der Region ist alles da. Vor allem der Wille, es gemeinsam zu packen.

Herr Fabian, Sie wollen sich wieder als Anwalt und sozial engagieren.

Fabian: Die Allianz für die Region gewinnt mit Wendelin Göbel einen extrem vernetzten und extrem guten Top-Manager. Ich wechsle ganz bewusst in einen neuen Lebensabschnitt und freue mich auf neue Themen. Ich lasse mich in Nordsteimke als Fachanwalt für Arbeitsrecht nieder. Der Fokus liegt darauf, soziale Organisationen oder Projekte zu begleiten. Die möchte ich bei Themen wie Recht, Netzwerke, Fördermittel und Finanzierung unterstützen. Das wird eine Pro-Bono-Beratung, das heißt, sie ist kostenfrei. Dafür möchte ich weitere Fachleute gewinnen, um ein Pro-Bono-Netzwerk für die Region zu etablieren.

Das ist die Allianz für die Region und ihr neuer Chef

Das Unternehmen mit Sitz in Braunschweig wurde 2013 gegründet. Es entstand aus einer Initiative der VW-nahen Wolfsburg AG, Konzernen wie der Salzgitter AG und den acht Landkreisen und kreisfreien Städten zwischen Harz und Heide.

Ziel der Allianz für die Region ist es, Jobs zu schaffen und die Lebensqualität der 1,1 Millionen Menschen in der Region zu steigern. Der Ansatz war und ist: Der demografische Wandel, der Fachkräftemangel oder die Ressourcenknappheit machen nicht an Stadt- und Gemeindegrenzen halt. Gemeinsame Lösungen sind unbedingt notwendig.

Die Instrumente dafür sind das Portal www.die-region.de, Jobbörsen, Kampagnen und Events. Das Projektbüro Südostniedersachsen hilft Firmen und Kommunen dabei, Fördermittel von Land, Bund und EU einzuwerben. Die Allianz hat etwa 50 Mitarbeiter, verfügt über ein Budget von 8 Millionen Euro. Die Wolfsburg AG und die Allianz sind eng miteinander verknüpft. Sie haben dieselben Geschäftsführer bzw. Vorstände. Die Wolfsburg AG beschränkt sich räumlich auf die Stadt Wolfsburg.

Wendelin Göbel steht an der Spitze von beiden Organisationen. Er ist seit 1987 für den VW- Konzern tätig. Nach Stationen bei Audi wurde er 2010 Generalbevollmächtigter der Volkswagen AG. Seit 2017 war Göbel Mitglied im Vorstand bei Audi für die Bereiche Personal und Organisation.

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