Die Impf-Drückeberger

„Verschläft die Regierung die große Impfchance? Nein, aber etwas zu erklären hat sie schon.“

Das war ein heftiger Dämpfer von der Kanzlerin: Erst verkündet Angela Merkel die Verlängerung des Lockdowns – dann bremst sie auch noch die Hoffnung auf rasche Corona-Impfungen. Dabei haben sich die Pharmakonzerne zuletzt mit Erfolgsmeldungen überschlagen, die Briten beginnen jetzt mit der Impfung. Und wir? Verschläft die Regierung die große Impfchance? Nein, aber etwas zu erklären hat sie schon.

Dass die zuständige EU-Behörde auf Nummer sicher geht und das erfolgreiche Biontech-Vakzin anders als die Briten erst nach gründlicher Prüfung in drei, vier Wochen freigeben wird, ist nicht zu beanstanden. Aber die Frage ist, warum weder Deutschland noch ein anderer EU-Staat von der Möglichkeit Gebrauch machen, vorab mit einer befristeten nationalen Notfallzulassung erste Impfungen an freiwilligen Kandidaten zu starten – und so wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Stattdessen übertreffen sich Politiker mit Mahnungen, die EU-Wissenschaftler sollten sich nach dem Briten-Coup nun aber sputen. Nein! Lasst sie ihren Job machen – und übernehmt wie die britische Regierung so lange selbst Verantwortung! Allerdings: Der Schaden der Drückebergerei in Berlin ist überschaubar.

Die Zulassung ist ja nicht das zentrale Pro­blem, sondern die Verfügbarkeit des längst vertraglich streng zugeteilten Impfstoffs. In Großbritannien können vorerst nur 400.000 Menschen geimpft werden. Die EU hat sich ihren fairen Anteil – auch für Deutschland – gesichert, auch wenn er erst ab Januar verteilt wird. Und insgesamt hat sich die Union bei sechs Herstellern viel mehr Impfstoff reserviert, als jemals eingesetzt werden kann. Grund zur Sorge besteht also nicht. Wenn die Pharmafirmen erst mal richtig liefern können, werden Deutschland und Europa so gut versorgt sein wie kaum eine andere Region der Welt.

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