Torso-Mordprozess – Anwalt soll bei Intrige geholfen haben

Braunschweig  Vor fünf Jahren hatte der Jurist einen wegen Mordes angeklagten Fleischermeister verteidigt. Nun sitzt der Anwalt selbst auf der Anklagebank

Dieses nachgestellte Foto sollte den Täter zeigen, wurde jedoch schnell als Fälschung enttarnt.

Dieses nachgestellte Foto sollte den Täter zeigen, wurde jedoch schnell als Fälschung enttarnt.

Der Schlachter aus Vienenburg kommt in Handschellen, er streift den Angeklagten mit einem kurzen Blick und geht gezielt auf den Zeugentisch zu. Der 50-Jährige kennt sich aus im Saal: Das erste Mal war er 2007 hier gewesen, wegen Mordes hatte ihn das Landgericht zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sah es damals als erwiesen an, dass er mit seinem Sohn einen türkischen Sexclub-Besitzer tötete, dessen Leiche in seinem Fleischerei-Betrieb zerstückelte und in die Okertalsperre warf.

Nun soll er gegen seinen eigenen Anwalt aussagen – und das hat mit einem zweiten Verfahren zu tun, das die Justiz beschäftigt: Aus dem Gefängnis heraus startete er ein Komplott, um den Mord im Nachhinein dem Bruder des Opfers anzuhängen – dafür wurde der Schlachter 2011 zu sechs Monaten Haft verurteilt.

Erstmals räumt er nun ein, dass er andere Helfer überzeugte, die Tat nachzustellen, mit einer Handykamera aufzunehmen und die Bilder mitsamt fingierten Bekennerschreiben an die Polizei weiterzuleiten. Ziel sei es gewesen, eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Auch sein Anwalt habe von den Fotos gewusst. Ein Fall, der ebenso langwierig wie ungewöhnlich ist.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Verteidiger Beihilfe zur versuchten Vollstreckungsvereitelung, Beihilfe zur falschen Verdächtigung und Betrug vor. Er soll einem der Helfer für die Umsetzung des Plans insgesamt 13.000 Euro übergeben haben, sei in die Planung eingeweiht gewesen. Außerdem soll er als Mittler zur Verfügung gestanden und Briefe aus dem Gefängnis weitergeleitet haben. Zusätzlich zu seinem Honorar für seine Leistungen als Pflichtverteidiger habe er von der Ehefrau des Schlachters Geld für seine Dienste bekommen – diese Zahlungen habe er nicht ordnungsgemäß angegeben.

„Warum macht man so etwas als Verteidiger?“, fragt der Vorsitzende Richter Pedro Serra de Oliveira. Der Angeklagte überlegt kurz. „Ich habe mich verleiten lassen“, räumt er dann ein. „Aber ich war nicht Ideengeber, ich war nicht der Strippenzieher, wie es in der Zeitung stand.“

Er sagt, dass es immer schwerer werde, den Anwaltsberuf auszuüben. Die Situation auf dem Markt sei schwierig, weil immer mehr Verteidiger zugelassen würden. Er sagt auch, wie belastend das Verfahren für ihn sei, beruflich wie auch privat.

Eigentlich sollte der Fall ohne großes Aufheben abgehandelt werden. Der Anwalt hatte die Vorwürfe schriftlich eingeräumt, deswegen hatte die Staatsanwaltschaft im August letzten Jahres beantragt, einen Strafbefehl zu erlassen. Der Angeklagte hätte eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung und eine Geldstrafe bekommen, dafür wäre ihm eine öffentliche Verhandlung und eine „rufschädigende Berichterstattung“ erspart geblieben.

Dass er sich nun doch im Saal 141 des Landgerichts wiederfindet – wie die anderen Beteiligten des Komplotts zuvor – liegt an einem Versäumnis: Der Anwalt des Juristen hatte Einspruch gegen diesen Strafbefehl eingelegt. Als der 57-Jährige noch einmal die Möglichkeit bekam, diesen Einspruch zurückzunehmen, ließ er die gesetzte Frist verstreichen. Daraufhin habe die Staatsanwaltschaft signalisiert, eine Verständigung nicht mehr mittragen zu wollen, erläutert der Vorsitzende Richter. Für den Fall eines Geständnisses könne sich das Gericht aber vorstellen, bei der Strafe von sechs Monaten auf Bewährung zu bleiben.

Ursprünglich hatte auch ein Berufsverbot für den Verteidiger im Raum gestanden. Doch dafür seien die Hürden sehr hoch, sagt Serra de Oliveira. Das Urteil soll am kommenden Dienstag verkündet werden.

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