Merkel in Goslar: "Wir müssen mehr gegen Klimawandel kämpfen"

Goslar.  Die Kanzlerin gibt sich beim Besuch in Goslar selbstkritisch. Bei einer Diskussion mit Schülern hat sie Tipps für AKK auf Lager.

Angela Merkel besichtigte während ihres Besuchs in Goslar auch den Rammelsberg.

Angela Merkel besichtigte während ihres Besuchs in Goslar auch den Rammelsberg.

Foto: Sven Pförtner / DPA

Warum hat die CDU so schlecht auf die Kritik des Youtubers Rezo reagiert? Nur sehr wenige Schüler und junge Leute werden sich die elfseitige Antwort der CDU durchgelesen haben.

Das fragt eine Schülerin aus Goslar bei der Diskussion mit der Kanzlerin in der Kaiserpfalz.

Zum Thema recherchierte Andre Dolle.

Besorgt sind sie um die Kanzlerin. „Wie geht es Ihnen?“ ist die häufigste Frage, die Angela Merkel am Mittwoch bei ihrem mehrstündigen Besuch in Goslar beantworten muss. Es ist wieder ein sehr heißer Tag. Doch nach ihrem Zitteranfall in Berlin am Vortag hat sie in Goslar absolut keine Probleme. Fit, gelöst und interessiert wirkt die 64-Jährige. „Wunderbar“, antwortet sie einmal. Dann: „Mir geht es sehr gut.“ Man dürfe halt nur nicht so viel Kaffee trinken, lieber mehr Wasser. Aha.

Der Tag hat es in sich. Die Kanzlerin landet per Hubschrauber auf einem Goslarer Sportplatz, dann rast sie mit ihrem Tross um Regierungssprecher Steffen Seibert weiter zum Rammelsberg, lässt sich das alte Bergwerk samt Museum zeigen. Goslars Ehrenbürger, Ex-Außenminister Sigmar Gabriel, wartet schon vor dem Bergwerk. Seine Tochter Marie ist auch dabei. Pünktlich um 14 Uhr ist die Kanzlerin da, Goslars Oberbürgermeister Oliver Junk und Gabriel begrüßen sie.

Zeit für etwas Smalltalk ist noch. „Sind wir hier eigentlich schon im Harz?“, fragt die Kanzlerin. Gabriel lächelt, sagt etwas vom Harzrand, genau ist das nicht zu verstehen.

Doch die Kanzlerin ist nicht nur auf Besichtigungstour durch Goslar und plaudert bei bestem Wetter nett. In der Kaiserpfalz diskutiert sie eine halbe Stunde später mit fünf kritischen Schülern auf dem Podium. 200 weitere Schüler sitzen im Publikum. Jörg Kleine, Chefredakteur der Goslarschen Zeitung, moderiert.

Die Fragen der Schüler drehen sich um das Video des Youtubers Rezo, das so hohe Wellen geschlagen hat. Es geht um den Klimawandel, die schleppende Digitalisierung an den Schulen.

Bisher hat sich die Kanzlerin beim Rezo-Video zurückgehalten, wohl auch aus Rücksicht auf ihre Wunschnachfolgerin als Parteivorsitzende, Annegret Kramp-Karrenbauer. Doch das scheint jetzt vorbei zu sein. Sie nennt zwar keinen Namen, doch sie macht keinen Hehl daraus, dass ihr der Umgang mit dem Rezo-Video nicht gefallen hat. Sie hat Tipps auf Lager. Diese gehen klar an die Adresse von AKK. Es sei schlecht gewesen, mit einem elfseitigen PDF auf das Video zu antworten. „Wir wurden überrascht. Wir waren zu abwehrend. Daraus müssen wir lernen, lockerer werden.“

Merkel nach Mordfall Lübcke: Respektvoll mit Sprache umgehen

Dann macht die Kanzlerin Werbung für ihren wöchentlichen Podcast. Drei Minuten sei der jeweils lang. „Schaut doch mal bei Youtube rein.“ Die Kanzlerin merkt anhand der reservierten Reaktion der Schüler, dass das etwas zu ranschmeißerisch war. „Gebt mir doch mal eine Rückmeldung. Grottenlangweilig, oder?“, sagt sie und lächelt.

Die Welt ändere sich rasend schnell, so die Kanzlerin. Die neuen Medien seien wichtig. Und zur Debatte um Meinungsfreiheit, die Kramp-Karrenbauer nach dem Rezo-Video ausgelöst hat, sagt die Kanzlerin: „Wir sind stolz auf unsere Meinungsfreiheit. Die werden wir auch nicht einschränken.“

Doch nicht alles, was die neuen Medien so mit sich bringen, gefalle ihr, sagt die Kanzlerin. Sie spricht über den Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU), der Anfang Juni durch einen Kopfschuss getötet worden war. In den sozialen Medien ergoss sich nach der schrecklichen Tat Häme über das Mordopfer – aus der rechtsextremen Ecke. „Unvorstellbar“, sagt Merkel. Die Kanzlerin warnt davor, mit einem aggressiven Tonfall in Diskussionen Gewalt zu fördern. Sie habe die Sorge, dass aus Worten irgendwann auch Taten würden, wenn man mit Sprache Barrieren niederreiße. Man könne zwar hart in der Sache diskutieren, appellierte sie an die Schüler in der Kaiserpfalz: „Doch man muss respektvoll in der Sprache sein.“

Sie selbst habe als Spitzenpolitikerin jedoch gelernt, mit Beleidigungen umzugehen. Nüchtern sagt sie: „Das Leben geht weiter.“

Viele Schülerfragen drehen sich um den Klimawandel. Draußen vor der Kaiserpfalz demonstrieren derweil weitere Schüler und Jüngere. Sie sind Teil der „Fridays for Future“-Bewegung. Drinnen äußert Merkel selbstkritische Töne.

Die Kanzlerin kündigt stärkere Anstrengungen der Bundesregierung im Kampf gegen den Klimawandel an. „Wir müssen schneller werden“, sagt sie. Dies gelte vor allem für den Verkehrsbereich. Zwar habe es Erfolge gegeben. „Doch dann haben die Menschen immer größere Autos gekauft.“

Kanzlerin Merkel besuchte die Stadt Goslar

Die Kanzlerin nennt es ein großes Problem, dass Bahnfahren teurer als das Fliegen sei. „Das kann nicht richtig sein“, sagt sie. Der öffentliche Nahverkehr müsse deutlich attraktiver werden. Auf die Frage einer Schülerin, ob es nicht deutlich besser sei, den Nahverkehr kostenlos zu machen, antwortet die Kanzlerin leider sehr ausweichend.

Sie versprach aber, dass bis 2035 viele Kohlekraftwerke abgeschaltet sein würden. Auf den Einwand eines Schülers, dass das noch eine ganze Weile hin sei, sagt Merkel, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien in den nächsten Jahren parallel laufe. Zudem der Ausstieg aus der Kernenergie. Kurz geht Merkel noch einmal auf Rezo ein. „Wir werden beim Klimaschutz bis 2020 unsere Ziele nicht einhalten. Das hat er zu Recht kritisiert. Bis 2030 wollen wir unsere Ziele aber wieder einhalten.“

Die CDU hielt 1950 in Goslar ihren Gründungsparteitag ab

Zur Maut wird sie von einem Schüler auch gefragt. Die Absage des Europäischen Gerichtshofs an die geplante Pkw-Maut kommt Deutschland teuer zu stehen, sagt sie. Der Schüler bemerkt, dass die Bundesregierung bereits 170 Millionen Euro in die nun gescheiterte Maut gesteckt habe. Was viel schlimmer sei, sagt Merkel, ist, dass nun pro Jahr 350 bis 500 Millionen Euro an Einnahmen fehlten. „Das Geld wollten wir in die Verkehrsinfrastruktur stecken“, so die Kanzlerin.

Die Schüler applaudieren nach etwa 70 Minuten Diskussion mit der Kanzlerin artig. Draußen resümiert sie die Diskussion mit Gabriel und OB Junk. „Das war ganz gut, ne“, sagt sie und ist sichtlich zufrieden.

Ein Spaziergang durch Goslars Altstadt schließt sich an. Auf dem Marktplatz bildet sich schnell eine Menschentraube. „Sie hat mir zugewunken“, ruft ein Jugendlicher seinem Kumpel zu. Merkel genießt das Bad in der Menge, lässt die Menschen nah an sie herankommen. Sie erfüllt hier und da einen Foto-Wunsch. Gabriel und Junk laufen neben ihr her. Ihre Leibwächter haben alles im Griff.

Ein junger Mann ruft: „Neuwahlen lösen alle Probleme.“ Er taucht auf wenigen Hundert Metern immer wieder ganz nah bei der Kanzlerin auf, ruft in die Menge hinein. Dann haben zwei Sicherheitskräfte genug: Sie schirmen ihn ab.

Merkel lässt sich nicht stören. Die meisten Goslarer wollen sie nur fotografieren. Einige lassen sich jedoch auch von Merkel nicht stören, bleiben in Cafés und Restaurants sitzen, als die Kanzlerin samt Gabriel und Junk an ihr vorbeischlendern. „Genießen Sie den Nachmittag“, ruft Merkel ihnen zu. Manche nicken, schlürfen weiter ihren Kaffee.

Einer Kellnerin in einer Kneipe ruft Merkel zu: „Brauen Sie Ihr Bier selbst?“ Die Antwort bekommt die Kanzlerin gar nicht mehr mit, zu viel Trubel ist um sie herum. Alleine etwa 60 Journalisten aus ganz Deutschland sind nach Goslar gekommen.

Den Abschluss bildet am späten Nachmittag im Gebäude Großes Heiliges Kreuz der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. OB Junk hält eine kurze Ansprache, weist darauf hin, dass die CDU in Goslar 1950 ihren Gründungsparteitag hatte. Das Odeon-Theater, die Gründungsstätte, sei derzeit nur leider nicht vorzeigbar. Junk war es, der Merkel nach Goslar einlud, Gabriel ließ seine Kontakte zum Kanzleramt spielen. Junk hat noch ein paar warme Worte für die Kanzlerin übrig. „Sie ist eine Ausnahmepersönlichkeit in der deutschen Politik und eine große deutsche Kanzlerin“, sagt er. Der Kanzlerin rinnt der Schweiß von der Stirn. Es ist wieder ein sehr heißer Tag. Doch dieses Mal hat Angela Merkel genug getrunken

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