Bauernprotest: 1500 Trecker sollen nach Hannover rollen

Hannover.  Die Landwirte protestieren gegen immer schärfere Vorschriften und sehen sich als Sündenböcke an den Pranger gestellt.

Ein grünes Holzkreuz steht als Mahnmal der Bauern auf einem Feld in Pattensen. Zahlreiche Landwirte haben als Zeichen des Protestes grüne Kreuze am Rande ihrer Felder aufgestellt. Hintergrund ist das beschlossene, jedoch umstrittene Agrarpaket.

Ein grünes Holzkreuz steht als Mahnmal der Bauern auf einem Feld in Pattensen. Zahlreiche Landwirte haben als Zeichen des Protestes grüne Kreuze am Rande ihrer Felder aufgestellt. Hintergrund ist das beschlossene, jedoch umstrittene Agrarpaket.

Foto: Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Der Landvolkpräsident konnte sich sicher sein, für seine Basis zu sprechen. „Unsere Bäuerinnen und Bauern haben massiven Gesprächsbedarf, dem kann sich die Politik nicht länger verschließen“, sagte Albert Schulte to Brinke. Das war Anfang Oktober. „Die Emotionen kochen hoch bei den Landwirten, denn wir sollen an allem schuld sein“, sagt Alexander Brendecke aus Alvesse am Montag, einen Tag vor der großen Demonstration. „Für mich ist die Demo ein Weckruf in Richtung Gesellschaft und Politik: Landwirte haben Ängste, weil von ihnen viel erwartet wird. Landwirtschaft wird sich verändern“, so Landesagrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) zu unserer Zeitung.

„Kritik oft nicht sachgerecht“

Von Klima- bis Grundwasserschutz fühlen sich die Bauern schon lange als Sünder an den Pranger gestellt, und das vor dem Hintergrund eines harten Wettbewerbs. „Bundesweit organisieren sich Landwirte, weil sie die Wirtschaftskraft und den sozialen Frieden im ländlichen Raum in Deutschland gefährdet sehen“, heißt es in einer Erklärung der Protestbewegung „Land schafft Verbindung“. Laut Sprecherin Henriette Struß werden allein in Hannover rund 1500 Trecker („Schlepper“) zum Demonstrieren erwartet, unter anderem auch aus den Kreisen Gifhorn und Wolfenbüttel.

Das Agrarpaket des Bundes gefährde landwirtschaftliche Betriebe, das Verschärfen der Düngeverordnung führe zu Unterdüngung. „In den sogenannten roten Gebieten schadet das dem Boden und dem Wasser mehr, als es nützt“, heißt es in einer Erklärung zur Demonstration. Geklagt wird darin außerdem über „Bauernbashing“ und Mobbing. Die Kritik sei oft weder fach- noch sachgerecht, der Beruf verliere seine Attraktivität.

Am Montag stellte sich die oppositionelle FDP-Landtagsfraktion hinter die Landwirte. „Wann werden die niedersächsischen Landwirte aus der Schusslinie genommen?“, heißt eine Dringliche Anfrage der Fraktion zur Landtagssitzung in dieser Woche. Das Agrarpaket des Bundes sehe unter anderem tiefe Einschnitte beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und ein Insektenschutzprogramm vor. Die besonders gefährdeten „roten Gebiete“ umfassten 39 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche, obwohl laut niedersächsischem Landwirtschaftsministerium nur 16 Prozent der Messstellen über dem Grenzwert lägen, so die FDP. Weiter beschäftigt viele Bauern die Diskussion um ein „Tierwohllabel“. Der Bund steht - etwa beim Grundwasserschutz - unter Druck der EU. Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) hatte Niedersachsen zum Handeln aufgefordert.

CDU fordert „Gesellschaftsvertrag“

Auch Niedersachsens CDU spürt den Druck. Der CDU-Landesvorsitzende und niedersächsische Wirtschaftsminister Bernd Althusmann hatte vor wenigen Tagen einen „Gesellschaftsvertrag mit unseren Landwirten“ gefordert. Gerade die bäuerliche Landwirtschaft und die gesamte Ernährungswirtschaft gerieten durch immer strengere Auflagen und der Forderung nach mehr Nachhaltigkeit stark unter Druck. „Wir alle wollen eine Landwirtschaft, die sich im Wesentlichen durch familiengeführte Betriebe, mit Verantwortung für den ländlichen Raum, mit Verankerung in den Dörfern, mehr Umweltschutz, mehr und besseres Tierwohl, sowie durch regionale Produkte auf der Basis von Nachhaltigkeit auszeichnet“, so der CDU-Politiker.

„Das Ziel ist ein Gesellschaftsvertrag“, sagte auch Ministerin Otte-Kinast unserer Zeitung. Sie kommt selbst aus der Landwirtschaft. „Viele Verbraucher haben keine Kenntnis mehr von der Landwirtschaft. Wir brauchen mehr Transparenz“, sagte sie im Juni bei einer „Tour de Flur“ in Braunschweig. Allerdings hat auch Otte-Kinast immer deutlich gemacht, dass Probleme beim Grundwasserschutz wie auch in der Tierhaltung angepackt werden müssen. Das betont auch FDP-Mann Birkner. Niedersachsens CDU will beim CDU-Bundesparteitag den „Gesellschaftsvertrag 2050 einbringen“ und Indikatoren für Gemeinwohlleistungen der Landwirte ermitteln. Konkretere Anträge soll es zu Nitrat-Messstellen und dem Insektenschutz in Schutzgebieten geben. „Von einem pauschalen Verbot von Herbiziden und Insektiziden in Schutzgebieten wird Abstand genommen“, heißt es in dem Antrag.

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