Corona oder die Angst, kein Klopapier zu bekommen

Hamsterkäufe? Ich doch nicht. Niemals. Und plötzlich steh ich da: vor dem Regal. Kein Klopapier. Und ich kriege die Krise.

Hamsterkäufe wegen Coronavirus: Gibt es Grund zur Panik?

Konserven, Nüsse, Reis und Nudeln, Getränke, Toilettenpapier und Desinfektionsmittel – die Menschen in Deutschland horten haltbare Lebensmittel und andere wichtige Dinge. Die Verbreitung des Coronavirus treibt die Verbraucher zu Hamsterkäufen.

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Das Gefühl ist sofort da. Ich mache die Augen auf - und da ist es. Direkt nach dem Schlaf ist es da. Was ist das nur? Ist das etwa Angs t?

Es ist wie früher, als ich sofort wusste: Irgendetwas ist nicht in Ordnung. Eine Fünf in Mathe. Keine Hausaufgaben - mein Sohn war ein perfekter Angstmacher. Oder ich dachte, ob was mit Oma nicht stimmte? Oder dass sie zu Besuch kam, und wir immer noch nicht in der Rumpelecke aufgeräumt hatten.

Corona-Krise: Man hat mir das Klopapier gestohlen

Doch dieses Gefühl jetzt war anders. Hartnäckiger, grundsätzlicher. Ließ sich nicht so schnell wegwischen. Auf einmal fiel es mir ein: wegwischen. Genau! Ich hatte Angst, dass ich für den Fall der Fälle kein Klopapier hatte. Das ist verrückt.

Ich bin doch keine Hamsterkäuferin - mit diesen Worten im Kopf stürzte ich mich in die Rumpelecke, in die ich doch gestern noch rollenweise WC-Papier gelagert hatte. Doch wo ist das hin? Da stehen ein paar sozial vereinsamte Rollen, aber nicht dieses Riesenpaket. Einer muss mich bestohlen haben. Hamsterkäufe wegen Coronavirus: Gibt es Grund zur Panik?

Pioniergeist angesichts der Knappheit in der Vorratskammer

Ich öffne die Tür. Hab ich es draußen stehen lassen? Nein. Ich gehe rein. Für Kaffee ist keine Zeit, denn ich muss reagieren. Suche in sämtlichen Abstellecken. Wo könnte es nur sein? Das erschütternde Ergebnis: Es ist nicht auffindbar.

Mich ergreift ein nie gekanntes Gefühl. Ist das Pioniergeist? Ich spüre, wie ich trotz knurrendem Magen Energien aufbringe. Ich werde mich retten gehen. Und schon stehe ich draußen. Die Schlafanzughose noch unter der Jeans. Und draußen, da ist etwas, das ich seit Tagen, ach Wochen nicht mehr erlebt habe, etwas, das meine DNA schon fast aus ihrem Programm getilgt hat: Lebensfreude!

Ähnlich sehen es Psychologen, wir sollten unseren Alltag aufrecht erhalten.

Corona-Krise? Von wegen: Draußen, in der Sonne wird gelacht

Kinder lachen, es klingt komisch, aber ja, sie lachen. Vögel singen. Und Männer spielen mit ihren Kindern Fußball, Frauen mit ihren Hunden Frisbee. Sind die wahnsinnig, möchte ich im ersten Moment denken. Schiele zum Nahkauf. Da gehen Leute rein und raus. Da müsste ich hin. Doch ich gehe noch ein Stück dahin, wo gelacht wird.

Kaum zu fassen. Ich höre Worte wie „Papa, schieß endlich“ oder irgendetwas vom Wellensittich einer Tante Regina. Es sind Wortfetzen, die fast anachronistisch sind. Weil sie nicht die Corona-Vorsilbe tragen. In Zeiten kollektiver Aufmerksamkeit stürzt einen das in einen Zwiespalt: Darf man das schön finden? Oder ist das ein unverantwortliches Verhalten von Verdrängung? Ich gehe weiter.

Ein Café öffnet. Es trauen sich Leute hin. Sie sitzen ja draußen. Das darf man. Sie sehen glücklich aus. Darf man das auch? Ich frage mich, ob die nicht bald mit Schrecken aus ihren Tagträumen aufwachen, wenn sie feststellen, dass sie in ihrem naiven Treiben das Wesentliche aus dem Blick verloren haben: das Virus.

Das Leben ist lebensgefährlich

Mich hat es erfasst. Was ich nie gedacht hätte. Aber plötzlich spüre ich wieder die Angst. Wovor eigentlich. Rein faktisch kann ich mich doch beruhigen. Aber Fakten, damit kann ich mir doch nicht kommen. Ich spüre Angst. Nicht vor dem Tod, eher vor dem Leben. Alles scheint mir auf einmal gefährlich zu sein.

Ich beruhige mich. Draußen bin ich doch sicher. Und ich habe mir doch auch schon 17 Minuten nicht mehr ins Gesicht gefasst. Selbst die Tränen, die mir der Wind in die Augen treibt, lass ich rollen, obwohl es verflucht juckt. Ich weiche aus, wenn einer im hohen Bogen niest, ich bin halt doch gewappnet für den Überlebenskampf.

Anfassen verboten

Und dann kommt da der Mann auf dem Fahrrad, der seinen Sohn, der vorne in einem Holzanhänger sitzt (heißen Anhänger vorne auch Anhänger?), so laut anspricht, dass ich vor Schreck ins Stolpern gerate. Ich stolpere wie in Zeitlupe. Verheddere mich in den Schnüren meines Rucksacks, merke, wie ich drohe, ohne Halt und mit voller Wucht niederzuschlagen – bis eine Hand von hinten kommt und mich festhält.

Verbotenerweise packt mich einer an, um mich zu retten. Obwohl er mich anstecken könnte! Oder ich ihn! Und wir beide gemeinsam den alten Herrn, der sich gegenüber an den Rollator klammert. „Das Leben ist lebensgefährlich“, also doch. Immer wieder Erich Kästner, sagte ich mir und wäre fast von einer Radfahrerin umgefegt worden, denn verbotenerweise war ich nach dem Faststurz genau dort gelandet. Eigentlich sind gar nicht viele Leute unterwegs, aber die wenigen kommen sich stärker ins Gehege als die Tausende, die sonst herumlaufen. Die gewohnten Bahnen sind durchbrochen. Ach, rede nicht, sag ich zu mir. Geh endlich einkaufen.

In der Krise neigt der Mensch zum Selbstgespräch

Und da fiel mir noch etwas auf, was die Krise mit mir macht: Sie lässt mich mit mir selbst reden. Selbstgespräche. Ich duze mich, habe ich gemerkt. Also, du. Du gehst jetzt mal testweise in den Drogeriemarkt. Hilfe. Ich möchte sofort wieder raus. Aber da ist die Sache mit dem Klopapier. Es ist alle. Regale so leer, als wären sie gerade erst aufgebaut worden. Montag kommt neues. Ich überlege, ob ich Montag Zeit habe. Aber mein Pioniergeist sagt: nicht aufgeben.

Ich gehe raus und sehe Frauen und Männer mit riesigen Paketen von Klopapier unterm Arm. Ich starre drauf. Versuche, die Marke zu erkennen. Muss die Brille wechseln. Ah, jetzt sehe ich es. Rein zu Rewe. Ziel fixiert und zugeschlagen. Und vor Glück eine innere Faust gemacht. Ab mit den zwei Riesenpaketen zur Kasse. Wo ist die nur? Sie ist nicht sichtbar. Fünf Kassen sind irgendwo. Davor Schlangen, die an den Zigaretten, am Wodka, an Marmeladen bis zum Hundefutter reichen. Ich stell mich trotzdem an. Was ich nie, nie und niemals sonst getan hätte. Ich stehe sonst nie Schlange. Auch an keinem Buffet. Jetzt aber verharre ich.

6000 Rollen Klopapier in einer halben Stunde

Und wie ich da so stehe, schaue ich mich mal um. Und zähle. Vor jeder Kasse etwa 30 Leute. Fünf Mal 30 ergibt 150. Jeder hat mindestens zwei große Pakete Klopapier dabei. Das sind also 300 Pakete. In jedem Paket sind 20 Rollen. Ich komme im Kopf auf 6000 Rollen, die verkauft werden – und das nur, sagen wir mal, in einer halben Stunde. Ein junger Mann an der Kasse verdreht die Augen und ruft: „In Deutschland verhungert schon keiner.“ Er hat das Problem offenbar nicht erkannt.

Endlich glücklich – mit zwei Lagen Klopapier unterm Arm

Ich bin draußen. Schwinge die Klorollen durch die Lüfte. Die Vögel zwitschern, das Leben ist schön. Im Fenster liegt eine alte Dame auf einem Kissen. Sie sieht traurig aus. Ich schaue hoch. Und frage sie gegen meinen Willen, ob sie vielleicht ein Paket braucht? Sie lächelt, schüttelt den Kopf und zeigt auf den Lieferwagen vor der Tür. DHL – ein Wagen voll mit? Genau: Klopapier.

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