Corona-Warn-App nimmt Formen an: So soll sie funktionieren

Berlin.  Mitte Juni soll die geplante Corona-App des Bundes verfügbar sein. Die Entwickler veröffentlichten nun Details, was sie genau leistet.

Das kann die Coronavirus-App des Robert Koch-Instituts

Datenspende nennt sich die erste App, mit der das Robert Koch-Institut das Coronavirus verfolgen will. Nutzer von Smartwatches und Fitness-Armbändern sollen Daten über ihre Gesundheit mit dem RKI teilen.

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Die für Deutschland geplante App zur Nachverfolgung von Infektionsketten in der Coronavirus-Pandemie nimmt Form an. Vor einigen Tagen veröffentlichten Europas größter Softwarekonzern SAP und die Deutsche Telekom auf der Plattform Github ein erstes Konzept. Mit der Warn-App soll über die Smartphones der einzelnen Nutzer verhindert werden, dass sich das Virus weiter ausbreitet.

Wir beantworten die wichtigsten Fragen zu der Corona-App:

Was ist die Corona-App der Bundesregierung?

Die Corona-Warn-App der Bundesregierung soll ermitteln, ob und wie lange Smartphone-Besitzer sich in nächster Nähe zueinander aufgehalten haben – vorausgesetzt, sie haben die App auf ihrem Handy installiert und aktiviert. Über Bluetooth-LE-Signale werden anonymisierte Identitätsnummern und Entfernungsdaten ausgetauscht.

Wie funktioniert die Corona-App?

Infiziert sich ein Nutzer oder eine Nutzerin mit dem Coronavirus, kann die Person diese Information freiwillig an die App weitergeben. Durch den Abgleich der verschiedenen Identitätsnummern können Personen benachrichtigt werden, die sich zuvor in der Nähe des Infizierten aufgehalten haben. Dies soll nach der Entscheidung der Bundesregierung über ein dezentrales Speichermodell passieren.

Dezentral bedeutet, dass Nutzer die Informationen über eine Infizierung von einem Server herunterladen. Die Prüfung der Identitätsnummern und Bewegungsdaten erfolgt dann auf dem eigenen Smartphone – und nicht auf dem Server.

Bei einem zentralisierten Speichermodell läge dort nämlich ein Datennetz mit sensiblen Informationen über die Bewegungen und Kontakte aller App-Nutzer. Rund 300 Experten hatten zuvor einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie vor der Gefahr von Überwachung und Missbrauch bei einer zentralisierten Speicherung von Daten warnen.

Was soll die Corona-App genau können?

Auf Github, der Plattform für die Entwicklung der Open-Source-Software, heißt es, dass Nutzer über die App auch das Ergebnis eines Tests erfahren können sollen. „Im Fall eines durchgeführten Tests auf eine SARS-CoV-2 Infektion kann der App-Nutzer über die App den digitalen Testinformationsprozess starten und damit über das ermittelte Testergebnis benachrichtigt werden“, heißt es. Man soll sich aber auch lediglich informieren lassen können, dass ein Ergebnis vorliegt.

Auf welcher Technologie basiert die Tracing-App?

Die beiden von der Bundesregierung beauftragten Firmen setzen auf das Wissen und die Programm-Codes drei bereits vorhandener Projekte auf. Als Grundlage dienen die Protokolle DP-3T, TCN sowie die Spezifikationen von Apple und Google für iPhones und Android-Smartphones. DP-3T wurde von Forschern der Hochschulen EPFL in Lausanne und ETH in Zürich entwickelt. Die TCN Coalition fand sich aus einem sogenannten Hackathon der Bundesregierung namens #WirVsVirus heraus zusammen.

Ersichtlich wird aus den Dokumenten auch, wie die Rollen zwischen SAP und Telekom verteilt sind. Demnach kümmert sich Europas größter Softwarekonzern um die Entwicklung der eigentlichen App. Die Telekom stellt Netzwerk und Mobiltechnologie zur Verfügung und soll zudem einen sicheren und stabilen Betrieb gewährleisten. Die eigentliche App für iOS und Android steht auf Github noch nicht bereit. Sie soll Mitte Juni zum allgemeinen Download veröffentlicht werden.

Die Konzerne versprachen, nur „notwendige Daten zu verarbeiten – ausschließlich zu dem Zweck, die Nutzer wissen zu lassen, ob sie in engem Kontakt mit anderen, bereits infizierten Nutzern standen – ohne die jeweilige Identität zu offenbaren“.

Wer entwickelt die Corona-App?

Nach dem holprigen Start und dem Umschwung der Bundesregierung zum dezentralen Speichermodell bei der Corona-App gab es auch einen Wechsel in der Projektleitung: Für die Entwicklung vorgesehen sind die Unternehmen SAP und Deutsche Telekom. Die Fraunhofer-Gesellschaft und das Helmholtz-Institut CISPA sollen dabei beraten.

Google und Apple sind für die Smartphone-Systeme Android und iOS verantwortlich. Die Unternehmen haben sich bereit erklärt, ihre Schnittstellen für Corona-Apps für je eine Software pro Land zur Verfügung zu stellen. Dadurch sollen die Apps von besonders vielen Nutzern installiert werden, ohne einen Flickenteppich verschiedener Programme entstehen zu lassen.

Gibt es verschiedene Corona-Apps?

Ja. Auch in anderen Ländern kamen bereits Corona-Warn-Apps zum Einsatz. Als Vorreiter gilt in Singapur etwa die App „Trace Together“, auch in Südkorea wird eine Corona-Warn-App genutzt. Mit Datenverarbeitungsmethoden, bei denen Nutzer zum Teil mit Handyfotos die Einhaltung der Quarantäne beweisen müssen, dürften diese Modelle auf dem deutschen Markt allerdings kaum eine Chance haben.

Die internationale Initiative PEPP-PT, die ursprünglich ein Konzept für die Corona-Warn-App ausgearbeitet hatte, will ihr Wissen nun auch den von der Bundesregierung beauftragen Unternehmen SAP und Deutsche Telekom bereitstellen. Man habe in den vergangenen Wochen eine europäische Software-Architektur für länderspezifische Corona-Contact-Tracing-Apps entwickelt. „Wir stellen unsere Erkenntnisse, Testergebnisse und technischen Komponenten weiterhin allen zur Verfügung.“

Nach der Fertigstellung der Corona-App der Bundesregierung soll diese schließlich vom Robert Koch-Institut (RKI) herausgegeben werden. Das Institut, das dem Bundesministerium für Gesundheit untergestellt ist, hatte am 7. April bereits eine eigene App gestartet.

Wie heißt die Corona-App vom RKI?

Die RKI-App „Corona-Datenspende“ funktioniert mit Smartwatches oder Fitnessarmbändern, die die Daten der Nutzenden an das Institut senden. Die App solle darüber informieren, wo und wie schnell sich SARS-CoV-2 in Deutschland ausbreitet, so das RKI.

Ein wissenschaftliches Projekt mit der Teilnahme von Bürgern in dieser Größenordnung sei weltweit einzigartig, schrieben die Forscher. Die vom RKI entwickelte „Corona-Datenspende“ zeichnet Vitaldaten wie Ruhepuls, Schlaf oder Aktivitätsniveau der User auf. So will das RKI erkennen, ob es Anzeichen für eine Infektion gibt.

Die Nutzer werden zudem nach ihrer Postleitzahl gefragt, um die regionale Verbreitung des Coronavirus nachzuvollziehen. Das RKI betont, dass es sich dabei um eine freiwillige App handelt.

Neben der Freiwilligkeit stellen Datenschützer noch andere Ansprüche an Tracking-Apps gegen Covid-19: „Es dürfen lediglich notwendige Daten erhoben und weitergegeben werden“, betonte etwa der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). Die Speicherung der gesammelten Daten müsse zeitlich begrenzt werden.

Wann kommt die Corona-App?

Ursprünglich sollte die Corona-App der Bundesregierung schon im April erscheinen. Nun soll sie Mitte Juni kommen. Besonders die Diskussion um das zentralisierte Speichermodell und den anschließenden Umschwung haben die Umsetzung der Corona-Warn-App stark verzögert.

Manuel Höferlin (FDP), der Vorsitzende des Ausschusses Digitale Agenda, hatte das Tempo der Bundesregierung bei der Entscheidung über eine Corona-Warn-App scharf kritisiert. „Der Regierung ist das Projekt Corona-App über den Kopf gewachsen“, schrieb Höferlin auf Twitter.

Wird die Corona-App Pflicht?

Die Installation und Nutzung der Corona-App soll auf freiwilliger Basis erfolgen. Auch deswegen wurde das vielfach kritisierte zentralisierte Datenspeicherungssystem umgestellt. Um die Bevölkerung zum Mitmachen zu motivieren, hatte Unionsfraktionsvize Thorsten Frei zudem eine besonders attraktive Idee: Er schlug einen Steuerbonus für Nutzer der Corona-Warn-App vor.

Er wolle „den Anreiz für einen wirklichen Gebrauch der App erhöhen“, sagte Frei gegenüber der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“. Dem CDU-Politiker zufolge müssten 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung die App benutzen, damit die Pandemie eingedämmt werden könne.

Wie schätzen Experten den Erfolg der Corona-App ein?

Abgeordnete des EU-Parlaments haben vor zu hohen Erwartungen an Handy-Apps gegen die Corona-Pandemie gewarnt. „Nationale Regierungen präsentieren die Apps als Wunderwaffe gegen die Pandemie“, so die liberale Abgeordnete Sophie In’t Veld. Aber das Dilemma, dass im Kampf gegen die Viruserkrankung der Schutz der Gesundheit und wirtschaftliche Interessen auf einen Nenner gebracht werden müssten, werde dadurch nicht gelöst.

Es gebe bislang keine Belege dafür, dass Apps zur Kontaktnachverfolgung die Krankheit eindämmen können, sagte auch die SPD-Politikerin Birgitt Sippel. „Dafür gibt es aber ernsthafte Bedenken“, etwa beim Datenschutz. Der CDU-Abgeordnete Andreas Schwab sprach sich zwar für eine möglichst schnelle Einführung von Corona-Apps aus, das Wichtigste sei aber dennoch zunächst „Abstandhalten und Händewaschen“.

(les/küp/reba/dpa/AFP/raer/phb)

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