„Zerstörung der Presse“: Rezos konstruktive Medien-Kritik

Berlin.  Youtuber Rezo nimmt in seinem neuen Video „Die Zerstörung der Presse“ fehlerhafte Berichterstattung auseinander – und zwar konstruktiv.

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„Es ist wieder Zeit für so ein Video.“ Mit diesem lapidaren Satz leitet YouTuber Rezo einen 60 Minuten langen Monolog ein, in dem er mit den Medien ins Gericht geht. Der am Pfingstsonntag ins Netz gestellte Beitrag erzielte in weniger als 24 Stunden mehr als 700.000 Aufrufe und eine sechsstellige Zahl von positiven Nutzerreaktionen in Form eines „Daumen hoch“.

Der Titel „Die Zerstörung der Presse“ erinnert an Rezos vor einem Jahr veröffentlichte Abrechnung mit der Politik („Die Zerstörung der CDU“), die eine breite gesellschaftliche Debatte über die Moral der Parteien auslöste. An dessen Klasse kann der Rundumschlag gegen Falschberichte und Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte allerdings nicht anknüpfen. Dennoch zeigte das Video Wirkung: Der „Bild“-Chefredakteur reagierte bei Twitter angesäuert.

Rezo veröffentlicht neues YouTube-Video: Zeitpunkt klug gewählt

Der Zeitpunkt für das neue Rezo-Video war klug gewählt. Die in Folge der Pandemie auf Social-Web-Plattformen wie Facebook oder YouTube grassierenden Verschwörungsideologien haben sich in den vergangenen Monaten zu einer massiven Herausforderung für die professionellen Medien entwickelt, die in Zeiten abstruser Theorien Schwerstarbeit in der Aufklärung leisten müssen.

Das sieht auch der 28-Jährige YouTuber so, doch er bemängelt die „Missstände in der Presseszene selbst“. Im Zentrum seiner Kritik: die Axel-Springer-Medienmarken „Bild“ und „Welt“ sowie die „FAZ“, die durch Stimmungsmache und teilweise bewusste Verzerrungen für den Vertrauensverlust vieler Menschen in den seriösen Journalismus mit verantwortlich seien.

Markenzeichen des Mannes mit der blauen Haartolle über sonst kurz geschorenem Kopf, der nicht etwa im hippen Berlin, sondern in Aachen lebt, sind Wortsalven, gleichzeitig überlang und auf den Punkt – was durchaus eine Kunst ist. Zwischentöne sind seine Sache nicht, und die zuweilen denglische Wortwahl lässt Community-kompatibel wenig Deutungsspielraum.

Rezos Video soll „das Vertrauen in die Presse retten“

„Absoluter Bullshit“ werde von manchen Journalisten verbreitet, sie nutzten „hinterlistige Moves“, hätten „keine Skills“ und ihr „Shit“ unterscheide sich kaum von „Verschwörungs-Dudes“ und „Low-Bobs“ aus dem Internet. Was der YouTuber gut findet, ist „awesome“, was nicht „unfassbar wack“. Und vielen, vor allem jungen Leuten gefällt das: Mit 1,7 Millionen Abonnenten bei YouTube hat er deutlich mehr Fans als die gedruckte „Bild“-Zeitung Käufer.

In der Rezo-Welt ist Klartext angesagt, das war bei seinem Politik-Video innovativ und ist es mit Blick auf den etablierten Journalismus immer noch. Darin liegt einer der wesentlichen Gründe für die Aufmerksamkeit, die der studierte Informatiker mit dem Faible für Musik und Politik weit über die üblichen Zielgruppen von Influencern hinaus erzielt.

Ein weiterer: Rezo setzt auf Fakten und dokumentiert sowie verlinkt seine Quellen „ordentlich“ für sein Publikum – ganz wie er es von seriösen Medien erwartet. Mit seinem zu Pfingsten verbreiteten Video wolle er „das Vertrauen in die Presse retten“, indem er Missstände „aufzeigt und anprangert“. Zum Beispiel, dass Medienhäuser die „eigene Reichweite missbrauchen“, um Leser gezielt falsch zu informieren, was sich „in dieser Gesellschaft enorm lohnt“, aber zugleich dafür sorge, dass allgemein der „Respekt gegenüber Journalisten“ schwinde.

Rezo greift „Bild“-Kampagne gegen Christian Drosten auf

Konkret wird der YouTuber wenn er über die „Bild“-Kampagne über die von einigen Wissenschaftlern kritisierten Corona-Studie des Virologen Christian Drosten spricht. Die von dem Boulevardblatt zitierten Experten haben sich anschließend von der „Bild“-Berichterstattung distanziert und erklärt, von der Zeitung persönlich nicht im Vorfeld kontaktiert worden zu sein.

Das Springer-Blatt propagiere so in der Pandemie Wissenschaftsfeindlichkeit, die Praktiken seien gegenüber dem Forscher menschenverachtend gewesen. Dass „Bild“ Drosten für eine Stellungnahme lediglich eine Stunde Zeit eingeräumt habe, sei ein „Kack-Move“. Das kann man, unabhängig von der Wortwahl, so sehen. Diese Kritik ist aber nicht neu, und Rezo fügt der bereits vielfach geäußerten Kritik keinen wirklich neuen Aspekt hinzu.

Dafür verortet er bei der Zeitung mit den vier Großbuchstaben einen weiteren gefährlichen Trend: „Doxing“, das Veröffentlichen personenbezogener Daten von Prominenten. So sei es „hochgradig menschenverachtend“, wenn der „Bild“-Chefredakteur schon die Nennung seines Jahresgehalts als Gefahr für die Sicherheit seiner Familie zu unterbinden versuche, seine Mitarbeiter zugleich aber einen Gewerkschaftsführer, Capital Bra oder Sido regelrecht „stalken“ würden, um private Informationen und Wohnorte in die Öffentlichkeit zu tragen. O-Ton Rezo: „Ich frage diese Journalisten: Seid ihr, so als Menschen, beschissen?“

Via Twitter meldete sich „Bild“-Chef Julian Reichelt offensichtlich von der Kritik angefasst zu Wort, um wiederum den YouTuber zu kritisieren.

In einer siebenteiligen Twitter-Tirade giftet Reichelt: „Du machst Dein Geld und Deinen Ruhm auf einer Plattform, YouTube, die mit verantwortlich ist für die Verbreitung übelster Verschwörungstheorien. Dein mediales Zuhause ist auch die Heimat der Verschwörungstheoretiker, Rassisten, Hetzer.“

Und geradezu drohend: „Hör auf mit dem Zerstörungsquatsch, egal wie viele billige, schnelle Likes Du dafür bekommst. Du weißt nicht, was ‚Zerstörung‘ ist, Du solltest nicht damit anfangen, auch wenn Du Preise dafür bekommst.“

Offenbar ist man bei Axel Springer keineswegs glücklich damit, dass Rezo von renommierten Medien umgarnt wird. Der Verlag Gruner + Jahr hat den YouTuber vor kurzem mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet, eine Trophäe, die vormals fast ausschließlich an Vollblutjournalisten der Leitmedien ging.

Rezo weist zahlreiche Faktenfehler in Artikeln über ihn nach

Bei „Zeit Online“ hat er eine eigene Kolumne. Rezo ist trotz oder wegen seiner Art und Ausdrucksweise längst auch in der klassischen Medienindustrie ein Player. Schon deshalb hätten die von ihm Kritisierten gute Gründe, sich inhaltlich mit den Argumenten auseinandersetzen, statt den Quereinsteiger auszugrenzen.

So wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, der nach kritischen und offenbar schlampig recherchierten Artikeln über Rezo und sein Polit-Video reihenweise Falschbehauptungen nachgewiesen wurden, wie der YouTuber in seinem Video eindrucksvoll dokumentiert: In zwei Dritteln der „FAZ“-Texte über ihn habe er Faktenfehler identifiziert, eine miserable Quote für ein Alpha-Medium.

Auch die „Süddeutsche“ und der „Focus“ sehen im Fact-Checking bezüglich ihrer Rezo-Beiträge nicht vorteilhaft aus. Rezos Appell an die Betroffenen ist dabei durchaus konstruktiv und könnte auch aus dem Lehrbuch einer Journalistenschule stammen: besser machen, Belege für Behauptungen vorlegen und Quellen transparent machen.

Das Fazit des YouYubers fällt einigermaßen pastoral aus

Sicher: Wenn Rezo etwa bilanziert, dass „viele YouTuber einen deutlich höheren Anspruch an Quellen haben“ als einige Vertreter der „etablierten Presse“, dann werden das Medienmacher nicht gern hören. Dass er sich im gleichen Zug bei den Medien-Kritikern von Übermedien, BildBlog und „taz“ bedankt, die sein Video inspiriert hätten, verdeutlicht aber auch das Problem von Rezos Abrechnung mit den Zeitungshäusern: Sie gerät ausschnitthaft und ohne prägnante neue Erkenntnisse.

Und so fällt sein Fazit auch einigermaßen pastoral aus. Journalisten sollten fair und ehrlich mit ihren Lesern umgehen und menschenfeindliche Auswüchse von Kollegen gegen diese Regel durch aktive Abgrenzung ächten. Alles richtig, aber auch alles Allgemeinplätze. Sein Fazit über Mängel und Faktenfehler erscheint da symptomatisch: „Come on, Guys, hier ist wirklich Luft nach oben.“ Kein Profi würde dem widersprechen, egal in welcher Branche.

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