Für Udo Lindenberg ist Corona „‘ne scheißharte Erfahrung“

Hamburg.  Im Interview spricht Udo Lindenberg über Visionen für die Welt nach der Pandemie, seinen Biografiefilm und Schwachmaten-Präsidenten.

Corona-Krise: Udo Lindenberg zieht aus Hotel Atlantic aus

Der Sänger muss sein Hamburger Zuhause verlassen. Er befinde sich an einem "geheimen Ort", ließ sein Management verlauten.

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Auch ein durch viele Krisen gestählter Künstler wie Udo Lindenberg (74) ist durch Corona erschüttert. Immerhin schafft er es sich im Gespräch wieder an positiven Themen emotional hochzuziehen, angefangen von der DVD-Veröffentlichung seines Biografiefilms bis hin zu den Perspektiven für das nächste Jahr, inklusive Tour und rundem Geburtstag.

Die letzten Monate waren für Sie eine harte Erfahrung. Sie mussten deshalb auch Ihre komplette Tournee absagen. Wie ist die Stimmung bei Ihnen und Ihrem Team?

Udo Lindenberg: Wir alle, die ganze große Panikfamilie, die Band, die Kreativcrew und die Techniker haben durch die grausame Pandemie ‘nen schweren Blues abgekriegt. Das betrifft an die 200 Leute, die da auf uns‘ren Tourneen unterwegs sind. Da fällste erst mal in die tiefsten Abgründe und schiebst ‘ne dicke Depresse. Der Dealer kommt ohne Udopium, zuckt nur mit den Schultern und sagt, wir müssen jetzt stärker sein als die Zeit. Klingt ja literarisch wertvoll, ist aber ‘ne scheißharte Erfahrung.

Aber Sie waren schon mit den Maßnahmen einverstanden?

Lindenberg: Allgemein das Krisenmanagement gegen Corona? Ja, wir können schon froh sein, dass wir in Deutschland leben, wo der Virus relativ gut unter Kontrolle geblieben ist. Schau doch mal nach USA oder Brasilien. Da haben sich so Schwachmaten-Präsidenten beim Pandemie-Management als zynische und hochbeschränkte Loser erwiesen. Aber was unsere Branche angeht, ist es schon ‘ne Katastrophe, wie nachlässig und schlapp mit dem riesensystemrelevanten Bereich Veranstaltungs- und moderne Live-Kultur in Deutschland umgegangen wird.

Zumindest eine frohe Erfahrung in diesem Jahr 2020 gab es aber: Ihre Biografieverfilmung „Lindenberg! mach dein Ding“, die jetzt auf DVD herauskommt, erreichte fast eine Million Zuschauer. Welche positive Botschaft hat sie für diese düsteren Zeiten zu bieten?

Lindenberg: Ja, am 21. August, dem Release-Tag der DVD, geht die Sonne wieder auf. Der Film ist für alle, die keinen Bock auf ein Leben von der Stange haben, sondern große, rasante Abenteuer erleben wollen. Die Botschaft ist: Mach Dein Ding! Klar hast du manchmal noch einen Meister oder Lehrer über dir, der dir irgendwas Saures reindrückt. Aber dann soll ja irgendwann doch der Tag kommen, an dem du über dir nur noch den blauen Himmel hast.

Was aber in dem Film noch fehlt, sind Ihre Erlebnisse nach 1973...

Lindenberg: Richtig. Der gesamte wahnwitzige Karrierestreifen von den tiefsten Abstürzen bis zu den schwindelerregendsten Höchstflügen wurde noch nicht gezeigt, weder die beinah tödliche Liaison mit Lady Whiskey noch der Überlebenswonderman namens Phönix aus der Flasche. Und der geneigte Sympathisant der Paniknachtigall ist natürlich messerscharf drauf, das zu sehen. Übrigens: Ich auch. Aber alles zu seiner Zeit.

Erhoffen Sie sich eigentlich, dass sich nach Corona in unserer Gesellschaft etwas ändert?

Lindenberg: Klar, wenn so was Krasses passiert, fragst du dich: Okay Planet Erde, okay Menschheit, quo vadis? Und jetzt ist doch die beste Zeit für ‘nen Neustart, für ganz neue Wege.

Welche Visionen haben Sie da?

Lindenberg: Weltweiter Waffenstopp, Fuck den Rüstungswahn und dann die ganze Kohle nutzen, um endlich Hunger und Elend zu stoppen. Nahrung und Ressourcen sind ja für alle genug da. Du musst es nur fair verteilen. Und wir brauchen gleiche Chancen für alle im Sozial- und Bildungssystem. Soziale Berufe wie Pflegekräfte kriegen viel zu wenig Wertschätzung und nicht die angemessene Bezahlung. Und wie wäre es, wenn wir vielleicht mal weniger produzieren? Nur das, was echt gebraucht wird. Um es zusammenzufassen: Mehr Solidarität und Schluss mit dem ewigen Ego und der mörderischen Konkurrenz.

Solche Prozesse können Sie dann alle wieder als Künstler befeuern. Aber wie haben Sie sich denn in letzter Zeit kreativ ausgetobt?

Lindenberg: Ich bin in mein Atelier rein und wieder mal meiner zweiten großen Leidenschaft, der Malerei, erlegen. Ja, da legt er wieder los, der schnelle Stricher von St. Pauli. „Frohe Kunde“, sprach Kunigunde. Denn nun gibt’s wieder neuen Stoff für die Freunde der Panik- Malerei.

Inwieweit ist für Sie die Malerei eine Kompensation für die Musik?

Lindenberg: Die Malerei ist ‘n grooooßes Ding für mich. Wenn ich so richtig dabei bin, dann überkommt mich absolute Besessenheit ähnlich wie bei der Musik. Natürlich hat es auch was Entspannendes, das hoch unterm Dach des Atlantic-Hotels zu machen. Das ist gaaanz relaxed im Vergleich zu den großen Abhebeshows, wo 50.000 Experten im Stadion rocken.

Und wann rocken die wieder?

Lindenberg: Na ja, nun geh’n wir mal davon aus, dass wir nächstes Jahr die großen Shows spielen und ich da mit brandneuen Fluggeräten wieder angezischt komme, zusammen mit der Weltmeister-Panikband und unserer gesamten Mega-Showtruppe. Da geht es dann wieder ab wie ein Zäpfchen.

Es gibt noch einen anderen Grund zur Vorfreude: Nächstes Jahr feiern Sie Ihren 75. Geburtstag...

Lindenberg: Genau. Wenn die Welt danach dann untergeht, können wir sagen: „Wir waren nochmal da zum Grande Finale.“ – Quatsch. The Show must go on. Und zwar noch seeehr lange.

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