Ermittlungen

Antisemitismus-Fall: Hotelmitarbeiter zeigt Gil Ofarim an

| Lesedauer: 6 Minuten
Musiker Gil Ofarim: Antisemitismus-Vorfall im Hotel

Musiker Gil Ofarim: Antisemitismus-Vorfall im Hotel

Der Musiker Gil Ofarim erhebt Antisimitismus-Vorwürfe gegen das Luxus-Hotel “Westin Hotel” in Leipzig. Er sei von Mitarbeitern aufgefordert worden, seine Davidstern-Kette abzulegen.

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Berlin/Leipzig  Gil Ofarim wurde in einem Leipziger Hotel offenbar Opfer eines antisemitischen Vorfalls. Jetzt wurde der Musiker selbst angezeigt.

  • Sänger Gil Ofarim erhebt schwere Antisemitismus-Vorwürfe
  • Der Sänger soll wegen seiner Davidstern-Kette in einem Leipziger Hotel diskriminiert worden sein
  • Ein beschuldigter Hotelmitarbeiter hat Ofarim wegen Verleumdung angezeigt
  • Bei Google gehen zahlreiche schlechte Bewertungen für das Hotel ein

Nach den Antisemitismus-Vorwürfen, die der Sänger Gil Ofarim gegen Mitarbeiter eines Leipziger Hotels erhebt, ist der 39-Jährige selbst wegen Verleumdung angezeigt worden. Der Hotelmitarbeiter habe Anzeige erstattet - auch weil er inzwischen bedroht werde, sagte ein Sprecher der Polizei Leipzig am Mittwoch.

Hintergrund sind Vorwürfe Ofarims, wonach er wegen seiner Kette mit Davidstern nicht habe einchecken dürfen. Andere Gäste seien in dieser Zeit vorgezogen worden. Der Vorfall sorgte für eine Welle von Solidarität mit dem Musiker und für viel Kritik am Management des Hotels.

Reaktionen auf Antisemitismus-Vorfall

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte unserer Redaktion, es sei gut und wichtig, dass der Musiker diesen "inakzeptablen Vorgang" öffentlich gemacht habe. Der Fall zeige aber auch, wie viel mehr Aufklärung in Deutschland nötig sei. Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus hob dabei die nachträgliche Solidaritätsbekundung der Hotelmitarbeiter des "Westin" in Leipzig hervor.

"So zeigt die Reaktion der Belegschaft des Hotels, ein Banner mit dem Logo des Hotels, eingerahmt von israelischen Flaggen sowie Halbmond und Stern hochzuhalten, gewiss eine wohlmeinende Absicht. Gleichzeitig zeugt sie von einem großen Nachholbedarf vieler, was Wissen über Jüdischsein und den Staat Israel betrifft", so Klein.

Antisemitismus-Fall: Empörung im Netz

Auch in den sozialen Medien gab es zahlreiche Reaktionen auf den Vorfall. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, schrieb dazu in einem Statement beim Kurznachrichtendienst Twitter, dass die Anfeindung erschreckend sei. Es sei zu hoffen, dass das Hotel personelle Konsequenzen ziehe. Er hoffe ebenso, "dass wir künftig auf Solidarität treffen, wenn wir angegriffen werden".

Der Pianist Igor Levit schrieb an das Hotel gerichtet: "Shame on you". Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sprach von einem "unfassbaren Fall von Antisemitismus" und einem Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). "Eine rasche Antwort des Hotels ist überfällig. Aus unserer Sicht kann das nicht folgenlos bleiben", schrieb die Bundesstelle auf Twitter.

Bei Google gehen derweil zahlreiche schlechte Bewertungen für das "Westin Leipzig" ein. Viele Personen nahmen Bezug auf die Vorwürfe. "Niemals darf Antisemitismus oder anderer Menschenhass unser Leben zerstören", schrieb ein Nutzer.

Antisemitismus-Vorwürfe: So reagiert das Hotel

Ein Sprecher des "Westin Leipzig" sagte, man sei sehr besorgt über den Bericht und nehme die Angelegenheit extrem ernst. Das Unternehmen versuche, Ofarim zu kontaktieren, um herauszufinden, was passiert sei.

Ziel sei es, alle Gäste und Mitarbeiter unabhängig von ihrer Religion einzubeziehen, zu respektieren und zu unterstützen. Ofarim selbst sagte gegenüber "Bild live", er habe bislang keine Entschuldigung von dem Hotel erhalten - lediglich das Angebot, miteinander zu sprechen. Wie die Zeitungen "Bild" und "Leipziger Volkszeitung" berichten, habe das Hotelmanagement "die betreffenden Mitarbeiter" mittlerweile beurlaubt. Mehr zum Thema: "Hart aber fair": Das Gefühl der Juden, am Pranger zu stehen

Gil Ofarim: So erlebte er den antisemitischen Vorfall in Leipzig

"Ich bin gerade sprachlos", sagt Ofarim in einem Video, das er kurz nach dem Vorfall aufgenommen hat. In dem großen Hotel im Zentrum der Stadt habe es einen Computerabsturz gegeben, erzählt er. Daher habe sich eine lange Schlange am Check-in gebildet. "Kann passieren, alles gut", so der Sänger. Aber: Während er gewartet habe, sei ihm aufgefallen, dass eine Person nach der anderen vorgelassen wurde. "50 Minuten später komme ich dran und frage: 'Entschuldigen Sie bitte, was ist los?'"

Der Hotelmitarbeiter, den Ofarim in dem Instagram-Beitrag als "Herrn W." vorstellt, habe geantwortet: "Um die Schlange zu entzerren." Dass Ofarim selbst in der Schlange stand, überging der Mitarbeiter demnach dabei. In diesem Moment, so schildert es der Sänger, habe "irgendeiner aus der Ecke" gerufen, Ofarim solle seinen Davidstern abnehmen, der auch im Video zu sehen ist. "Und da sagt der Herr W.: 'Packen Sie Ihren Stern ein.'"

Erst wenn er ihn abgenommen habe, dürfe er einchecken. Ofarim verlangte laut eigenen Angaben zunächst noch den Manager des Hotels. Als der Mitarbeiter meinte, dieser sei nicht da, verließ der Musiker aufgelöst das Hotel. Sekundenlang ringt der Sänger um Fassung, scheint mit den Tränen zu kämpfen. Dann sagt er: "Deutschland 2021." Lesen Sie auch: Böhmermann: "ZDF Magazin Royale" löscht Tweet nach Vorwürfen

Polizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet

Olaf Hoppe, Sprecher der Leipziger Polizei, sagte, dass die mutmaßliche Aussage des Hotelangestellten für ihn "klar antisemitisch" sei. Er bestätigte, dass eine Online-Anzeige eines unbeteiligten Dritten wegen Volksverhetzung eingegangen sei. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft hätten die Ermittlungen aufgenommen. Lesen Sie auch: Antisemitismus in Deutschland: Das sind die jüngsten Tatorte

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärte unterdessen, es lägen keine Erkenntnisse im Zusammenhang mit rechtsgerichteten und antisemitischen Straftaten gegen den beschuldigten Hotelmitarbeiter vor. Auch zu einer von dem Sänger Gil Ofarim in einem Video zu dem Vorfall erwähnten zweiten Person lägen bisher keine weiteren Erkenntnisse vor.

(bml/bef/mja/epd/dpa/afp)

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