Pandemie

Corona-Desaster in Russland - Großes Impf-Misstrauen im Volk

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Sprühen gegen Corona: Mitarbeiter der Regierung desinfizieren Böden und Bänke in einem Moskauer Bahnhof.

Sprühen gegen Corona: Mitarbeiter der Regierung desinfizieren Böden und Bänke in einem Moskauer Bahnhof.

Foto: ALEXANDER NEMENOV / AFP

Moskau.  In Russland wütet die Pandemie heftig. Doch trotz 1000 Toten jeden Tag will sich ein Großteil der Bevölkerung nicht impfen lassen.

Pascha (der volle Name ist der Redaktion bekannt) will sich nicht impfen lassen. In einem Moskauer Café trifft er einen befreundeten Oberarzt und fragt, ob es nicht möglich wäre, ihm eine Impfung zu bescheinigen, ohne sie zu verabreichen. Der Mediziner lächelt ausweichend: „Das geht leider nicht.“

So wie Pascha lehnen die meisten Russen und Russinnen die Impfung gegen Covid-19 ab. Jelena Spiridonowa, eine Moskauer Medizinerin, erzählt, wie sie sich in ihrer Poliklinik mit Sputnik V impfen ließ. „Das Impfteam erzählte mir empört, viele Leute würden Geld anbieten, damit sie den Impfstoff ins Waschbecken spritzen.“

Covid-19 tobt in Russland wie nirgendwo sonst in Europa. Am 12. August stieg die tägliche Todesrate erstmals auf über 800 Opfer, vergangenen Freitag auf über 1000 – und täglich werden es mehr. Aber wie viele an und mit dem Coronavirus gestorben sind, weiß man nicht. Der operative Stab der russischen Regierung zählte bisher 224.310 Covid-19-Tote. Das staatliche Statistikamt aber meldete von Beginn 2020 bis August 2021 schon mehr als 417.000 Opfer.

Corona-Bekämpfung: Putin gibt frei, Moskau sperrt Senioren vier Monate ein

Laut dem unabhängigen Statistiker Aleksei Rakscha nähert sich die coronabedingte Übersterblichkeit der Marke von 800.000. Am Mittwoch wurden 34.073 Neuinfizierte gemeldet. Die Intensivstationen sind überfüllt, das medizinische Personal ist völlig überfordert.

Am Mittwoch reagierte der Kreml. Präsident Wladimir Putin rief für das ganze Land „arbeitsfreie Tage“ vom 30. Oktober bis zum 7. November aus. Impfwillige sollen zwei weitere Tage frei bekommen. Bei Bedarf können die Regionen die Menschen auch früher in den Urlaub schicken und den Zugang zum Arbeitsplatz auf Geimpfte und Genesene beschränken.

Wo es in Russland zu einem wirklichen Lockdown kommen wird, ist unklar. Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin hatte zuvor erklärt, dass Ungeimpfte über 60 Jahre und Moskauer mit chronischen Erkrankungen vom kommenden Montag an für vier Monate zu Hause bleiben müssen. In dieser Zeit müssen auch mindestens 30 Prozent der Angestellten ins Homeoffice wechseln.

Russland: Bevölkerung schert sich nicht um Masken oder Abstände

Die Regierung weist die Schuld für den Anstieg der Ansteckungszahlen der Bevölkerung zu. Gesundheitsminister Michail Muraschko führte die derzeitige Situation „in erster Linie auf das Verhalten der Bevölkerung und unzureichende Impfungen“ zurück.

Tatsächlich haben die Menschen in der Pandemie ihr Verhalten kaum geändert. In der Moskauer Metro tragen an diesem Vormittag Richtung Innenstadt von 26 Insassen 14 eine Maske, drei allerdings über dem Kinn. Eine Frau, die niesen muss, nimmt den Mund-Nasen-Schutz vorher ab, um ihn zu schonen.

Viele Russen halten nichts von Masken oder dem Abstandsgebot. Wie soll es auch gehen? Die Moskauer Metro befördert sieben Millionen Menschen täglich, die Rushhour verwandelt die Waggons in Sardinendosen mit bis zu 259 Fahrgästen – Corona-Hotspots.

Bevölkerung will sich aus Misstrauen gegen die Regierung nicht impfen lassen

Anfangs wurde die Pandemie in Russland noch rigoros bekämpft. Aber als nach den ersten Ausgangssperren im Frühjahr 2020 die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent anstieg, verzichtete der Kreml auf weitere harte Schutzmaßnahmen, kündigte stattdessen eine große Impfkampagne an. Die Staatsmedien priesen das russische Vakzin Sputnik V als den mit Abstand besten Impfstoff der Welt.

Anders als in Westeuropa wurden die Impfzentren nicht gestürmt, nirgendwo bildeten sich lange Schlagen. In zehn Monaten ließen sich bisher nur 35 Prozent der 154 Millionen Russen impfen – obwohl öffentlichen Angestellten und Belegschaften von Staats- oder Großbetrieben, die sich der Spritze verweigerten, mit Entlassung gedroht wurde.

„Die Leute beeilen sich nicht mit der Impfung“, sagt der Soziologe Lew Gudkow. Er begründet das mit einem großen Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Obrigkeit – und dem Sputnik-Impfstoff. Es sperrten sich vor allem gebildete junge Frauen, die sonst sehr auf ihre Gesundheit achteten.

„Wenn der Staat etwas laut propagiert, befürchten die Leute nur Schlechtes“, sagt Gudkow. „Seit 30 Jahren hat das Volk keinen Moment erlebt, in dem die Beamten etwas zu seinem Wohl getan hätten und nicht für die eigene Tasche“, meint der Publizist Maxim Schewt­schenko.

Corona oder das Schicksal

Aber es gibt auch Russen, die Covid-19 als die tödliche Gefahr sehen, die es ist. Roman Popow, Chefredakteur der Boulevardzeitung „Tajny Swjosd“, war 2020 mehrere Wochen lang krank, seine Frau kam mit Covid-19 ins Krankenhaus. Sie ließ sich danach zweimal mit Sputnik V impfen, er dreimal, beide kürzlich in Kroatien noch mal mit dem Vakzin von Johnson & Johnson.

Roman betrachtet das Virus als Zerstörer mit sehr messbarer Wucht. „Meine Frau ist Freitaucherin. Vor der Krankheit schaffte sie eine Tiefe von fast 28 Metern. Jetzt sind es noch 21 Meter.“

Doch viele Russen betrachten Corona mit einer gehörigen Portion Fatalismus. Das Virus ist dabei nur ein Bruchteil jener sich häufenden Widrigkeiten, die die Russen Schicksal nennen.

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