Pandemie

Sechste Corona-Welle rollt: Wer sich impfen lassen sollte

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Omikron: Erste Symptome schon früher

Omikron- Erste Symptome schon früher

Von der Infektion bis zu den ersten Symptome kann es eine Tage dauern. Bei Omikron soll die Inkubationszeit kürzer sein als bei anderen Corona-Varianten.

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Berlin.  BA.2 treibt die Zahl der Neuinfektionen auf Höchstwerte. Vor allem Alte und Kranke sind bedroht. Robert-Koch-Institut wirbt für vierte Impfung.

Ein Subtyp der Omikron-Variante des Coronavirus, BA.2, hat in Kombination mit einer kontaktfreudigeren und mobileren Bevölkerung die Infektionszahlen wieder stark ansteigen lassen. Die Sieben-Tage-Inzidenz hat die 1700er-Marke geknackt. BA.2 dürfte dabei bereits für mehr als 80 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich sein. Wen trifft die sechste Corona-Welle besonders? Ein Überblick.

Welche Unterschiede zur Omikron-Variante BA.1 weist BA.2 auf?

Der Subtyp hat 27 eigene Mutationen im Erbgut. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten, dass beide BA-Varianten auf gemeinsame Vorgänger zurückgehen, sich aber grundlegend vom Urtyp sowie den Varianten Alpha, Beta, Gamma und Delta unterscheiden. BA.2 wiederum, so erklärte es der Berliner Virologe Christian Drosten im Podcast „Coronavirus-Update“, habe sich serologisch in eine andere Richtung entwickelt als BA.1. Bereits seit Wochen diskutieren Wissenschaftler deshalb darüber, ob BA.2 eine eigene Bezeichnung aus dem griechischen Alphabet bekommen sollte.

Ist BA.2 ansteckender als BA.1?

Der Expertinnenrat der Bundesregierung schrieb in einer Stellungnahme: „BA.2 hat gegenüber BA.1 einen Fitnessvorteil“, sei also noch leichter übertragbar. Grundlage dieser Aussage sind Daten aus Dänemark und England zur Virusübertragung in Haushalten. Diese zeigen, dass man sich bei einem Kontakt mit BA.2 – egal, ob ungeimpft, geimpft oder geboostert – schneller ansteckt als bei einem Kontakt mit BA.1. Forschende aus Japan haben berechnet, dass BA.2 um 40 Prozent ansteckender ist als BA.1. Lesen Sie auch:Neue Corona-Regeln: Bundesländer fürchten bald Chaos

Wie schwer krank macht BA.2?

Ergebnisse von Tierversuchen in Japan hatten vor Wochen für Unruhe gesorgt: Dort war BA.2 im Labor an Hamstern untersucht und bei den Tieren eine erhöhte Krankheitsschwere im Vergleich zu BA.1 festgestellt worden. Einschränkend hatten die Forschenden ergänzt, dass sich die Ergebnisse nicht zwangsläufig auf Menschen übertragen ließen.

Daten aus dem realen Leben – aus Südafrika, England oder Dänemark – zeigen nun, dass sich BA.1 und BA.2 kaum in der Pathogenität – also darin, wie krankmachend sie sind – unterscheiden. Das Robert-Koch-Institut (RKI) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) folgern daraus, dass es für Geimpfte und Genesene keinen Unterschied bei der Schwere der Erkrankung gebe.

Wie gut hilft die Impfung gegen BA.2?

BA.2 infiziert oft Geimpfte und Genesene, weil das Virus der Immunantwort auf die bisher entwickelten Vakzine oder „alten“ Virusvarianten entgehen kann. Dennoch kommt die britische Gesundheitsbehörde UKHSA zu der Einschätzung: „Die Effektivität der Impfungen gegen symptomatische Erkrankungen ist für BA.1 und BA.2 gleich.“ Eine Dreifachimpfung schützt meist in hohem Maß vor schweren Verläufen.

Wen trifft BA.2 besonders?

Daten aus Dänemark, wo sich BA.2 ex­trem schnell durchgesetzt hatte, hatten es bereits angedeutet – jetzt gibt es weitere Hinweise aus Hongkong und Deutschland: BA.2 ist zwar deutlich ungefährlicher als die Delta-Variante, kann aber bei Menschen ohne oder mit eingeschränktem Immunschutz schwere Verläufe verursachen. Vor allem in der Gruppe der Menschen über 70 und über 80 Jahre, so die Zahlen des RKI, gibt es bereits seit Mitte Februar wieder viele mit Corona verbundene Todesfälle.

95 Prozent der etwa 2500 Verstorbenen in den Kalenderwochen sieben und acht im Zeitraum Mitte bis Ende Februar waren über 60, fast 70 Prozent über 80 Jahre alt. Der Sieben-Tage-Schnitt bei den Todeszahlen verharrt seit Tagen bei etwa 200. „Bei annähernd neun von zehn ist Covid ursächlich für den Tod“, sagt Oliver Keppler, Virologe an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Damit bestätigt sich bei den BA-Varianten, dass das Alter wegen der nachlassenden Immunantwort oder altersbedingter Vorerkrankungen der Hauptrisikofaktor für schwere Corona-Verläufe ist. „Uns war klar, dass bei anhaltend hohen Infektionszahlen und dem Erreichen von BA.1 und BA.2 in der Gruppe der Hochaltrigen mit einer Zunahme der schweren Verläufe und sogar Todesfälle gerechnet werden muss“, sagt die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Christine Falk. Auch interessant:Israel droht Corona-Welle durch Deltakron und neue Mutation

Wie ist die Situation in den Kliniken?

Der aktuelle Wochenbericht des RKI zeigt, dass die Inzidenz in der Gruppe der über 60-Jährigen seit Jahresbeginn stetig gestiegen ist. Und selbst in jener Phase, in der die erste Omikron-Welle leicht zurückging, setzte sich dort das Wachstum fort. Die Sieben-Tage-Inzidenz hat in dieser Altersgruppe einen Wert von mehr als 750 erreicht. Gleichzeitig gibt es dort laut RKI noch immer etwa 2,2 Millionen Ungeimpfte.

Auch deshalb steigt die Zahl der Krankenhauseinweisungen in Deutschland wieder an. Aktuell sind es etwa 1550 pro Tag, die mit oder wegen Corona eingeliefert werden. Konstant 0,13 Prozent aller Infizierten würden intensivpflichtig, so der Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis. Seit Ende Januar schwanke die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen zwischen 2100 und 2450. Derzeit müssten dort viele Ältere und Patienten mit unterdrücktem Immunsystem behandelt werden. Zum Vergleich: Der Höhepunkt der Belastung auf den Intensivstationen war während der dritten Welle Ende ­April 2021 erreicht worden – mit damals mehr als 5000 Covid-19-Patienten.

RKI ruft zur vierten Impfung auf

Eine flächendeckende Überlastung des Gesundheitssystems erwartet das RKI derzeit nicht. Regional könne es aber mancherorts eng werden. Christine Falk findet die Entwicklung vor allem mit Blick auf die Alten und Kranken sowie das Ende vieler Schutzmaßnahmen besorgniserregend: „Ich finde, dass es auch eine Bürgerpflicht ist, auf vulnerable Gruppen Rücksicht zu nehmen.“

Das RKI rief die Menschen über 70 und Risikopersonen am Donnerstag einmal mehr dazu auf, sich mit der empfohlenen vierten Impfung selbst bestmöglich vor einer schweren Covid-19-Erkrankung zu schützen.

Dieser Text erschien zuerst auf www.morgenpost.de

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