Massaker

Erfurt: 20 Jahre nach Amoklauf – So sicher ist Schule heute

| Lesedauer: 4 Minuten
Amokläufer tötet in Heidelberg Studentin und begeht Suizid

Amokläufer tötet in Heidelberg Studentin und begeht Suizid

Bei einem Amoklauf während einer laufenden Vorlesung an der Universität Heidelberg hat ein Mann eine Studentin erschossen. Drei weitere Menschen verletzte der Amokläufer durch Schüsse zum Teil schwer. Auch der Angreifer ist tot, er beging Sicherheitskreisen zufolge Suizid.

Beschreibung anzeigen

Erfurt.  Vor 20 Jahren tötete ein Ex-Schüler am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen. Heute sind Schulen besser vor Amokläufern geschützt.

Marcel Laskus war damals zwölf Jahre alt und ging in die Klasse 6 b. Er weiß noch, wie er am 26. April 2002 in Raum 308 des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums stand und gerade seine Jacke vom Garderobenständer nahm. Der Mathe-Unterricht war fast vorbei, als ein 19-jähriger zur Tür hineinschaute. Marcel Laskus hatte großes Glück – der ehemalige Schüler schloss die Tür wieder.

Er war gekommen, um zu töten, hatte es aber auf andere Opfer abgesehen. „Ich wollte mich lange Zeit nicht damit beschäftigen“, sagt Laskus, mittlerweile 32 Jahre alt, über die traumatische Begegnung mit dem Massenmörder. Doch zwei Jahrzehnte nach dem Amoklauf von Erfurt kommen seine Erinnerungen wieder hoch.

An jenem Tag starben im Gutenberg-Gymasium 16 unschuldige Menschen. Der Täter war ein halbes Jahr zuvor von der Schule geflogen, jetzt rächte er sich. Er schlich sich ins Gebäude, schoss Lehrern auf den Gängen und in den Klassenzimmern in Kopf, Rücken oder Brust.

Als er durch eine abgeschlossene Tür feuerte, traf er zwei Schüler tödlich. Auch ein Polizist, der ihn stellen wollte, starb durch seine Schüsse. Am Ende erschoss sich der 19-Jährige selbst.

Amoklauf von Erfurt: Waffenrecht verschärft

Das Massaker hat Deutschland nachhaltig verändert. Bis zu diesem Tag waren Amokläufe mit Schusswaffen ein Phänomen, das man nur aus den USA kannte. Erfurt war der Auftakt zu einer Reihe ähnlicher Verbrechen: 2006 verletzte ein 18-Jähriger an seiner ehemaligen Realschule im münsterländischen Emsdetten mehrere Menschen und nahm sich anschließend das Leben. 2009 tötete ein 17-Jähriger an seiner Realschule im schwäbischen Winnenden 15 Personen und sich selbst.

„Es hat Wiederholungen gegeben“, stellt Christiane Alt fest, damals wie heute Leiterin des Gutenberg-Gymnasiums. „Und wir können auch nicht ausschließen, dass sich das erneut wiederholt.“ Doch nach Erfurt wurden Konsequenzen gezogen. Amokläufe sind heute unwahrscheinlicher geworden.

An vielen Schulen wurden Türschlösser ausgewechselt und Notfallpläne erarbeitet. Das Waffenrecht wurde verschärft – der Thüringer Täter hatte als Mitglied eines Schützenvereins legal Waffen besessen. Noch im Jahr des Amoklaufs wurde ein verpflichtendes ärztliches Zeugnis über die „geistige Eignung“ angehender Schützen unter 25 Jahren eingeführt, die Altersgrenzen für den Kauf und Besitz von Schusswaffen bei Sportschützen und Jägern wurden heraufgesetzt. Behörden können heute einfacher kontrollieren, ob Waffen sicher verwahrt werden.

Nicht nur für Sportschützen, auch für Streifenpolizisten hat sich viel verändert. Bis Erfurt galt die Vorschrift, bei Amoksituationen auf das Spezialeinsatzkommando (SEK) zu warten. Am Gutenberg-Gymnasium führte das dazu, dass der Täter im Schulgebäude zunächst unbehelligt weitermorden konnte. Heute gilt die Devise: Eingreifen statt abwarten. Die Streifenbesatzung, die am schnellsten am Tatort ist, muss also versuchen, den Amokläufer zu stoppen.

Amokläufe an Schulen ereignen sich immer wieder

Eine weitere Konsequenz besteht darin, dass Schulen für solche Taten sensibilisiert wurden. Als vor wenigen Jahren ein Jugendlicher scherzhaft mit einem Amoklauf an seinem Gymnasium in Neu-Ulm drohte, informierte der Leiter sofort die Polizei – solche Warnungen nimmt niemand mehr mehr auf die leichte Schulter.

In vielen Gebäuden wurden zudem Warnsysteme eingebaut. Allerdings seien die technischen Voraussetzungen immer noch verbesserungswürdig, mahnt Direktorin Alt. „Wir alle kennen ja die desolate Finanzsituation im Bildungssektor.“ Dass all diese Neuerungen Amokläufe nicht verhindern können, hat sich zuletzt im Januar gezeigt, als ein 18-Jähriger, laut Polizei ein „Einzelgänger ohne soziale Bindungen“, an der Uni Heidelberg eine Studentin erschoss. Mehr zum Thema:Amoklauf in Heidelberg: „Studenten hatten Todesangst“

Marcel Laskus ahnt derweil, dass er jenen Tag vor 20 Jahren nie wird vergessen können. Ein Großteil seines Lebens verlaufe zwar unbeschwert. „Dennoch hat man es irgendwie stets bei sich.“

Dieser Artikel ist zuerst auf morgenpost.de erschienen

Fragen zum Artikel? Mailen Sie uns: redaktion.online-bzv@funkemedien.de

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder