Gesangswettbewerb

ESC 2022: Ukrainer fleht um Hilfe – So verlief der Contest

| Lesedauer: 6 Minuten
Ukrainischer ESC-Favorit macht sich Sorgen um seine Familie

Ukrainischer ESC-Favorit macht sich Sorgen um seine Familie

Der Sänger der ukrainischen Band Kalush Orchestra, Oleh Psiuk, macht sich vor dem Finale des Eurovision Song Contest (ESC) große Sorgen um seine Familie in der Ukraine. Es gebe "wirklich keinen sicheren Ort in der Ukraine", sagte der 27-Jährige in Turin.

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Turin.  Die Ukraine hat den Eurovision Song Contest gewonnen. Die wichtigsten Eindrücke aus der Show und warum die Platzierung kritisiert wird.

Klar und eindeutig gewann die Ukraine mit dem Kalush Orchestra und ihrem Song Stefania Samstagnacht den 66. Eurovision Song Contest in Turin mit 166 Punkten Vorsprung vor Großbritannien. Schweden wurde Dritter. Malik Harris belegte für Deutschland den 25. und letzten Platz.

Das Kalush Orchestra war nach dem Sieg überwältigt. Mit einem Hilferuf wies Sänger Oleh Psjuk noch in der Show auf die humanitäre Situation der Ukraine hin und rief ins Publikum: „Ich bitte Euch alle: Helft der Ukraine, Mariupol und den Menschen im Asow-Stahlwerk.“

ESC 2022: Ein vorhersehbarer und politisierter Sieg?

Sofort nach dem Ergebnis kamen Vorwürfe auf, der Sieg habe vor allem politische Ursachen und sei allein auf Solidarität und Mitleid zurückzuführen. Doch die Ukraine wurde bereits vor dem Angriff Russlands bei den Wettbüros unter den Top-5 geführt.

Aber natürlich hat auch die Solidarität eine Rolle gespielt. Der ESC war noch nie frei von Politik, vor allem aber noch nie frei von Gefühlen. Das Schicksal der jungen Männer aus der Ukraine, die vom Militärdienst befreit als Botschafter ihrer Kultur zum Wettbewerb geschickt wurden, und die Begeisterung, mit der sie ihren energiegeladenen Mix aus ukrainischer Folklore und harten Rap-Parts vorstellten, hat einfach überzeugt.

Ihr Sieg ist klar auf ein überragendes Abschneiden im Televoting zurückzuführen. Sie bekamen vom europäischen Publikum 439 von 468 möglichen Punkten, das sind 93,8 Prozent. Aus 28 Ländern erhielten sie zwölf Punkte (so auch aus Deutschland), von acht Ländern zehn und von zwei Ländern 8 Punkte. Lediglich aus Serbien waren es nur sieben Punkte.
Eindeutiger kann ein Votum nicht sein.

ESC 2022: Starke Diskrepanz zwischen Jurys und Publikum

Anders sah es bei den Jurys aus, die wie das Televoting die Hälfte der Punkte vergeben. Hier erhielt das Kalush Orchestra Punkte aus 26 Ländern, aus 13 Ländern jedoch keinen einzigen Punkt. Auffällig ist an den Jurywertungen, dass aus den Ländern, die für sich selbst große Siegchancen sahen, kein einziger Jurypunkt an die Ukraine ging: Italien, Spanien, Großbritannien, Schweden und Serbien.

ESC 2022: Alle Hintergründe

In vielen Beiträgen waren die Auswirkungen der Pandemie zu spüren: es gab überdurchschnittlich viele schwere und düstere Themen. In knapp zehn Beiträgen ging es um auseinander gebrochene und toxische Beziehungen. Bei den Jurys kam das an – für diese Titel gab es weitaus mehr Punkte als vom Publikum.

Die Televoter hingegen wollten nach zwei Pandemiejahren endlich wieder unbeschwert und fröhlich feiern: Mit der Ukraine an der Spitze, gefolgt von Folkore-Rock aus Moldawien, dem Latino-Pop aus Spanien und einer rhythmischen Inszenierung aus Serbien genossen energiegeladene Titel den Vorzug vor Solonummern oder Balladen.

Eurovision Song Contest: Der ukrainische Sieg und die Folgen

Die Ukraine wird alles versuchen, um der Wettbewerb im nächsten Jahr im eigenen Land auszutragen. Das wurde vom Rapper und Songwriter Oleh Psiuk (Markenzeichen: rosafarbener Hut) bereits in den letzten Tagen mehrfach betont. Dies dürfte den Verantwortlichen etliche schlaflose Nächte bereiten.

Eurovisionschef Martin Österdahl hat der ukrainischen Delegation traditionsgemäß nach der Show das „Welcome-Buch“ überreicht, das den Schlüssel zur Ausrichtung des ESC darstellt. Doch klar ist: Die EBU wird einen Plan B für einen Ersatz in einem anderen Land der Eurovision vorbereiten müssen.

ESC in Turin: Deutschland verharrt auf dem 25. Platz

Für Deutschland endete der Abend wie im letzten Jahr mit einem Fiasko. Von den Jurys bekam der deutsche Beitrag keinen einzigen Punkt. Mit je zwei Punkten der Televoter aus Österreich, der Schweiz und Estland wurde ein 20. Platz im Televoting vor Tschechien, Belgien, Aserbaidschan, Australien und der Schweiz erreicht. Doch mit sechs Punkten insgesamt blieb nur die rote Laterne in der Tabelle.

Malik Harris war durchaus enttäuscht. Er betonte in einem Statement nach der Show gegenüber der Presse, dass er sich aber über den Sieg der Ukraine riesig freue. „Das ist es, was Eurovision ausmacht: Gemeinsamkeit, Frieden, ganz Europa zusammenzubringen, Musik zu zelebrieren, das alles haben wir heute gemacht. Und dann zu sehen, dass die Ukraine gewinnt, das hat für mich einen großen Wert!“

Über die Rolle des NDR als federführender Sender bei dem erneuten Debakel wird nun zu diskutieren sein. Außer einem vierten Platz im Jahr 2018 gab es keine Erfolge für Deutschland mehr. Es wurden Konzepte entworfen, eingekauft und verworfen. Mit der Idee, in diesem Jahr „Radiotauglichkeit“ als Kriterium für die Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten heranzuziehen, beweist der Sender nach Einschätzung vieler Experten, dass er nach so vielen Jahren den Song Contest nicht verstanden habe.

Malik Harris' Radiostars wurde in deutschen Formatradio-Sendern viel gespielt und erreichte die Charts. Und der 24jährige Sänger hat in Turin perfekt abgeliefert und eine sehr professionelle Figur gemacht.

Für einen Erfolg beim Song Contest braucht es aber das Einzigartige, Auffallende und Herausstechende – das besondere Momentum, das die Jurys ebenso überzeugt wie die Zuschauer und Zuschauerinnen zum Telefon greifen lässt. Kalush Orchestra und etliche andere Beiträge hatten dies, der deutsche Beitrag nicht.

ESC 2022: Das sind die Finalisten

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de

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