Nahrungsmittelknappheit

19 Millionen Flaschen Speiseöl landen täglich in Autotanks

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Leere Supermarktregale: Fünf Alternativen zu Speiseöl

Leere Supermarktregale: Fünf Alternativen zu Speiseöl

Derzeit ist Sonnenblumen und Rapsöl eine Mangelware. Das Video zeigt Alternativen zum Kochen.

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Berlin.  Pflanzenöl ist ein teures Gut geworden. Trotzdem werden fast 19 Millionen Flaschen Speiseöl täglich als Sprit in Autotanks verbrannt.

Seitdem Russlands Machthaber Wladimir PutinKrieg in der Ukraine führt, steigen die Preise für viele Waren auch in Deutschland stark an. Davon betroffen ist auch Raps- und Sonnenblumenöl. Von allen Lebensmitteln haben sich die Preise für Pflanzenöl in den letzten zwei Jahren global am stärksten verteuert, wie eine am Mittwoch veröffentlichte Studie des Umweltverbands Transport & Environment (T&E) zeigt.

Trotz der Rekordpreise landen große Mengen der Pflanzenöl-Sorten nicht in Pfannen, Töpfen oder Woks, sondern werden zu Biodiesel verarbeitet und in Autotanks verbrannt. Die T&E-Studie einen Wert von 17.000 Tonnen Speiseöl, die auf diese Art pro Tag in Europa verschwendet werden – etwa 19 Millionen Flaschen.

Speiseöl-Verschwendung ist besonders in Europa drastisch

18 Prozent der Pflanzenöle weltweit werden dem Bericht zufolge zu Biosprit verarbeitet. Besonders in Europa sei der Verbrauch extrem hoch: 58 Prozent des Raps- und neun Prozent des Sonnenblumenöls finde seinen Weg nicht auf die Teller, sondern in die Tanks. Auch andere Ölsorten werden lieber verfeuert als zum Kochen benutzt: 50 Prozent des importierten Palmöls und 32 des Sojaöls. In anderen Regionen sind die Ölsorten wichtige Grundnahrungsmittel.

Die Verschwendung des Öls kommt zeitgleich mit einer Nahrungsmittelkrise, die vor allem ärmere Länder hart trifft. Schon vor Monaten warnte etwa die Uno-Welternährungsorganisation FAO, besonders die "am wenigsten entwickelten" Länder seien betroffen. Bei "moderaten" Folgen des Ukrainekriegs auf den Weltmarkt für Nahrung würde die Anzahl der unterernährten Menschen weltweit um 7,6 Millionen ansteigen. Bei einem längeren Konflikt könnte die Unterernährung sogar 11,2 Millionen Menschen betreffen.

Bundesregierung diskutiert über Ende der Biosprit-Subventionen

Auch deshalb diskutiert die Bundesregierung deshalb, die Verarbeitung von Agrarprodukten zu Kraftstoffen einzuschränken. Wie der "Spiegel" berichtet, arbeitet Umweltministerin Steffi Lemke zusammen mit dem Landwirtschaftsministerium von Cem Özdemir (beide Grüne) bereits an einer Neuauslegung der Treibhausgasminderungsquote (THG). So wollen die Ministerin und der Minister den Einsatz sogenannter Biokraftstoffe aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen reduzieren.

Bislang kompensieren Mineralölkonzerne in Deutschland über die THG die CO₂-Emissionen ihrer Kraftstoffe. Ein beliebter Weg dazu waren bisher Biokraftstoffen, mit der die Unternehmen bis zu 4,4 Prozent der THG-Quote erfüllten.

Speiseöl als Kraftstoff: Deutsche Umwelthilfe fordert Verbot von Bundesregierung

Die Nutzung von Biokraftstoffen wurde bislang durch dessen Anrechnung auf die Treibhausgasminderungsquote im Verkehr von der Bundesregierung gefördert – damit soll jetzt Schluss sein, wenn es nach Lemke und Özdemir geht. "Die akuten globalen Versorgungslücken bei Speiseöl zeigen erbarmungslos, wie falsch die Prioritäten derzeit gesetzt sind", sagt Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), "news aktuell".

Die NGO fordert von der Bundesregierung ein Verbot der Nutzung von Speiseöl für Kraftstoffe. "Während Verbraucherinnen und Verbraucher hierzulande vor ausgedünnten Supermarktregalen und Menschen im globalen Süden vor dem Absturz in Armut und Unterernährung stehen, füttern wir in Europa munter weiter jeden Tag 19 Millionen Flaschen Raps- und Sonnenblumenöl und Weizen für 15 Millionen Laibe Brot an Verbrenner-Autos", so Müller-Kraenner.

FDP ist gegen Anpassung der Treibhausgasminderungsquote

Ursprünglich sollte der Einsatz von Biosprit dabei helfen, die Treibhausgasemissionen im Verkehr zu reduzieren. Inzwischen ist jedoch längst bekannt: Der mit dem Anbau von Raps, Getreide und Co. einhergehende hohe Flächenverbrauch macht Biosprit in der Realität noch klimaschädlicher als fossilen Kraftstoff und belastet durch die zusätzliche intensive Landwirtschaft Ökosysteme und Biodiversität. Das Umweltbundesamt stuft die staatliche Förderung von Biokraftstoff deshalb seit jeher als klima- und umweltschädliche Subvention ein.

Widerstand gegen die Einstellung der Subventionen kommt allerdings vom Koalitionspartner der Grünen, der FDP. Insbesondere Verkehrsminister Volker Wissing setzt auf Biokraftstoffe als "einfache Maßnahme zur Reduzierung von CO₂", berichtet der "Spiegel". Auch die Union kritisiere die Pläne von Lemke und Özdemir demnach. Deswegen steht noch in den Sternen, ob die Verschwendung von Speiseöl trotz der Nahrungsmittelknappheit zumindest in Deutschland bald ein Ende hat.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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