Leben mit „Gesichtsgewitter“ und „ostpreußischer Flirtkunde“

Gadenstedt  Zusätzliche Stühle mussten herangeschafft werden ins Peiner Kreismuseum bei der Lesung von Peter Schmidt: Mit so viel Andrang hatte keiner gerechnet.

Bewegend: der Autist Peter Schmidt bei seiner Lesung in Peine.

Bewegend: der Autist Peter Schmidt bei seiner Lesung in Peine.

Foto: Lisa Bertram

Gespannt schaut der Gadenstedter in die erwartungsvollen Gesichter der Zuhörer. Dabei meiden Autisten wie er doch den Augenkontakt. „Ich habe Nasenwurzelblickkontakt“, verrät Schmidt schmunzelnd bei der Vorstellung seiner Autobiografie „Ein Kaktus zum Valentinstag – Ein Autist und die Liebe.“

Der Gegenüber denkt, Schmidt schaue ihm in die Augen, doch der 46-Jährige konzentriert sich auf die Nasenwurzel. Im Kreismuseum trägt er ein schwarzes Hemd und eine Jeans, sein Buch hält er fest in der Hand. Dann steht er auf. „Sonst komme ich nicht aus mir raus“, erklärt er. Und so liest er aus seiner Autobiografie stehend – oder eher tänzelnd. Von einem Bein auf das andere wippt der Autist, steht mal vor einem, dann vor einem anderen Gemälde im Kreismuseum.

Wie fühlt es sich an – das Leben als Autist? Schmidt liefert tiefe Einblicke in seine Gedanken- und Gefühlswelt und findet dafür kreative Wortschöpfungen. Er benutzt Bilder, um für ihn abstrakte Dinge zu verstehen. Manchmal mit irrwitzigen oder fatalen Folgen. So biss er früher Mitschüler, wenn die den stillen Jungen ärgerten, weil man ihm beigebracht hat: „In der Schule musst Du dich durchbeißen.“

Nie hat er sich eine „Bravo“ gekauft, nie eine Zigarette geraucht, er ist nie in einer Disco gewesen: Pubertät fand praktisch nicht statt. Es hat ihn nicht interessiert. Warum, das konnte ihm niemand erklären. Doch irgendwann brach ein „Gesichtsgewitter“ über ihn herein: Schmidt hatte zum ersten Mal Liebeskummer, zum ersten Mal fühlte er etwas für einen anderen Menschen. Gesa hieß die Angebetete, war seine Tanzpartnerin, doch sie war vergeben.

Überhaupt tanzen. Für Schmidt – promovierter Geowissenschaftler und IT-Experte – war es zunächst völlig unverständlich, sich im Rhythmus zu bewegen oder gar Körperkontakt zum Tanzpartner zu ertragen, später wurde es zu seinem Ritual. Die lautesten Lacher erntete Schmidt für seine Geschichten über Frau Voges, seine ehemalige Vermieterin, die ihm Lektionen in „ostpreußischer Flirtkunde“ vermittelte und ihn unter allen Umständen unter die Haube bringen wollte.

Ein folgenreicher Besuch beim „Gebiss-TÜV“, beim Zahnarzt, versetzte Peter Schmidt wieder in seltsame Schwingungen. Die Liebe hatte ihn erneut erwischt. Ob es dieses Mal geklappt hat? Das Ende blieb an diesem Abend offen, doch die begeisterten Zuhörer bekamen einen kurzweiligen und amüsanten Einblick in ein Leben mit der Liebe eines Autisten. Peter Schmidt – verheiratet und Vater von zwei Kindern – steht mit seiner Autobiografie in der Bestsellerliste.

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