A2-Sperrung bei Braunschweig aufgehoben: Alle Spuren frei

Peine.  Der Verkehr auf der A2 fließt wieder - aufgrund der Sperrung gab es in der gesamten Region Verkehrsbehinderungen. Wo es klemmte, lesen Sie hier.

Auf der A2 zwischen Peine-Ost und Braunschweig-Watenbüttel sind am Dienstagmorgen vier Lkw zusammengestoßen und haben sich verkeilt - zwei Menschen wurden dabei schwer verletzt. Dies sorgte seitdem zu schweren Verkehrsbehinderungen in der Region.

Zwei Spuren der Autobahn wieder frei

Zwei einhalb Tage war die A2 in Fahrtrichtung Magdeburg gesperrt - nun sind laut der Autobahnpolizei alle Spuren wieder freigegeben. Die rechte Hauptspur, auf der die Salpetersäure auslief, blieb wegen Arbeiten an der Fahrbahndecke am Donnerstagabend bis 20.30 Uhr gesperrt.

Das war passiert

Bei dem Unfall am Dienstag lief unter anderem Salpetersäure aus einem Gefahrenguttransporter aus. Nach Informationen unserer Zeitung vermischten sich drei verschiedene Gefahrenstoffe und reagierten miteinander. Es entwickelte sich in der Folge eine weiße Schadstoffwolke, die sich aus Salpetersäure, Ammoniak und dem hochgiftigen Stoff Tetramethylammoniumhydroxid (TMAH) zusammensetzte. Es handelt sich dabei um eine Art Kontaktgift, das bei Berührung mit der Haut tödlich sein kann. 39 Einsatzkräfte wurden kontaminiert und mussten ins Krankenhaus - mittlerweile sind alle entlassen worden, so die Feuerwehr Peine.

Der schwer beschädigte Auflieger des Lkw war laut Feuerwehr „voll mit Fässern“, die Abnehmer für die Chemikalien kämen aus Berlin, Kronach und Neustadt an der Orla.

Während die A2 Richtung Hannover am Mittwochnachmittag wieder freigegeben wurde, blieb die Fahrtrichtung Berlin gesperrt. Grund: Nachdem verunreinigter Boden am Fahrbahnrand ausgehoben wurde, entschied sich die Einsatzleitung in Absprache mit Polizei und der zuständigen Straßenmeisterei dazu, auch die Fahrbahndecke in östlicher Richtung zu erneuern. Das teilte ein Sprecher der Einsatzleitung unserer Zeitung auf Nachfrage mit.

Das Gefahrgut selbst und dessen aufwendige Entsorgung seien der Grund dafür, warum sich die Aufräumarbeiten so sehr in die Länge zogen. „Wir fegen hier keine Scherben zusammen und entsorgen kein Öl oder Hydraulikflüssigkeit. Die Stoffe müssen isoliert, bestreut, aufgesaugt und umweltgerecht entsorgt werden“, teilte die Einsatzleitung der Peiner Feuerwehr mit.

Stau in der gesamten Region um Braunschweig

Wegen der Sperrungen auf der Autobahn staute es sich am Mittwoch und am Donnerstag in der gesamten Region. Am Donnerstag war es vor allem hier eng: Auf der B1 staute es sich auf zwei Kilometern zwischen Denstorf und Braunschweig. Auf der B214 von Celle aus kommend gab es auf vier Kilometern zwischen Ohof und dem Übergang zur A2 Stau. Auf der B188 staute es sich auf zwei Kilometern zwischen Abbeile und Kreuzkrug aus Burgdorf kommend in Fahrtrichtung Wolfsburg.

Außerdem in Richtung Braunschweig: vier Kilometer Stau auf der A39 zwischen Salzgitter-Watenstedt und Dreieck Braunschweig-Südwest. Hier ist die A39 nur einspurig wegen einer Baustelle.

Es staute sich in Salzgitter ebenfalls von der Industriestraße Nord auf der Eisenhüttenstraße in Richtung Salzgitter-Thiede.

Einsatzkräfte durch Schadstoffwolke kontaminiert

Laut der Autobahnpolizei sind nur geringe Mengen des Gefahrenguts ausgelaufen, so dass die entstandene Schadstoffwolke nicht schädlich für die Bevölkerung war. Dennoch sollten Autofahrer am Dienstagmorgen nichts Brennendes aus dem Fahrzeug werfen, und Anwohner wurden gebeten, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Für einige Einsatzkräfte war das Gemisch allerdings dramatischer: Sie liefen durch die Schadstoffwolke und wurden kontaminiert. Andere konnten durch den ABC-Zug der Feuerwehr Braunschweig gereinigt werden. Drei Polizeibeamte haben die Schadstoffe eingeatmet und wurden mit Atembeschwerden medizinisch behandelt.

Es musste auch eine „Dekontaminationsstraße“ aufgebaut werden. In Zelten mussten Einsatzkräfte abgeduscht und ihre Kleidung gereinigt werden. 39 Helfer mussten medizinisch behandelt werden. Sie seien aber nicht mit den giftigen Stoffen in Berührung gekommen und nun aus den Krankenhäusern entlassen worden, erklärte die Einsatzleitung am Mittwochnachmittag.

Lkw-Fahrer übersieht Stauende

Das Unglück geschah, als sich der Verkehr gegen 8.09 Uhr auf Höhe der Raststätte Zweidorfer Holz staute. Ein 48-jähriger Lkw-Fahrer bemerkte den Stau zu spät – und krachte in einen stehenden Gefahrenguttransporter. „Durch die Wucht des Aufpralles wurden auch die nächsten beiden Lastwagen davor in den Unfall verwickelt“, teilt die Polizei am Dienstagnachmittag mit. Sowohl der Unfallverursacher als auch der 62-jährige Fahrer des Gefahrenguttransporters waren in ihren Fahrerhäuschen eingeklemmt. Die Feuerwehr befreite die Lkw-Fahrer. Sie verletzten sich schwer. Auch die anderen beiden Lkw-Fahrer im Alter von 29 und 49 Jahren wurden zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus gebracht.

Im Einsatz waren rund 150 Einsatzkräfte. Darunter: Die Freiwilligen Feuerwehr Wendeburg, die Fachgruppe Gefahrstoffe der Gemeinden Wendeburg, Edemissen, Vechelde und Lengede der Umweltschutzeinheit Landkreis Peine sowie der Gefahrstoffzug der Berufsfeuerwehr Braunschweig und der ABC-Zug Braunschweig.

Einsatzkräfte dringen unter Chemikalien-Schutzanzügen in Lkw vor

Erst Stunden nach dem Unfall konnte die Einsatzleitung an der Unfallstelle die Abpumpaktion an dem betroffenen Lkw starten. Die abgepumpte Säure wird anschließend gesichert. Der Vorgang wird voraussichtlich mehre Stunden dauern. Prognosen, wann die Fahrbahnen wieder freigegeben werden, wollte ein Feuerwehrsprecher nicht wagen.

Zuvor mussten sich die Einsatzkräfte mit Scheren einen Zugang zum Gefahrengut verschaffen, damit ein Fachberater der Feuerwehr eine Analyse vornehmen konnte.

Die Flüssigkeit ist auch auf die gegenüberliegende Spur gelaufen, daher ist die A2 auch in Richtung Hannover gesperrt.

Salpetersäure kann heftige Reaktionen auslösen

Salpetersäure (HNO3) ist eine farblose und stark riechende Flüssigkeit und wirkt stark ätzend. Bei Hautkontakt können schwer heilende Wunden entstehen. Mit anderen Stoffen kann Salpetersäure heftige Reaktionen auslösen. Bei Berührung mit brennbaren Stoffen besteht Feuergefahr. Die Dämpfe können zu Reizung der Schleimhäute, Husten und Halsschmerzen führen.

Alle Verkehrsteilnehmer werden gebeten, eine Gasse zu bilden und Rettungs- und Einsatzfahrzeuge vorbeizulassen. Ortskundige werden gebeten das Gebiet weiträumig zu umfahren. Empfohlene Umleitung: Hannover – Braunschweig U33 und Braunschweig – Hannover U14. Derzeit staut es sich in Fahrtrichtung Hannover zwischen Kreuz Braunschweig-Nord und Braunschweig-Watenbüttel auf sieben Kilometer.

So sind Gefahrguttransporte in Deutschland geregelt

Für Gefahrguttransporte gibt es in Deutschland strenge Regeln. Hinterlegt sind die Vorgaben in der „Gefahrgutverordnung Straße, Eisenbahn und Binnenschifffahrt“ (GGVSEB). So müssen nicht nur die Lastwagen bestimmte technische Voraussetzungen erfüllen, sondern auch die Fahrer gesonderte Prüfungen ablegen. „Wir bieten, wie der Tüv auch, die ADR-Kurse an, in denen Fahrer gesondert auf den Transport dieser giftigen Stoffe vorbereitet werden“, erklärt Dekra-Sprecher Friedhelm Schwicker. Diese Kurse sind verpflichtend und über das „Europäische Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße“ – kurz ADR – geregelt. Jeder Gefahrstoff unterscheide sich laut Schwicker, daher gebe es sehr individuelle Vorschriften, wie diese zu transportieren seien. Als Gefahrgüter gelten viele Chemikalien und Flüssigkeiten wie die bei dem Unfall ausgetretene Salpetersäure, Flüssiggas, Feuerwerkskörper, Benzin, Heizöl, bestimmte Düngemittel und nicht eingebaute Airbags (Explosionsgefahr), sowie Klinikabfälle und radioaktive Stoffe aller Art. Martin Bulheller, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung, ergänzt: „Auch hochprozentiger Alkohol ist ein Gut, das gesondert transportiert werden muss.“ Ein Blick in die GGVSEB zeigt, welche Auflagen Transporteure von Gefahrgut erfüllen müssen. Unter den allgemeinen Sicherheitspflichten heißt es: „Soweit die Beförderung gefährlicher Güter im Straßenverkehr ,eine besondere Gefahr für andere’ bedeutet, hat der Fahrzeugführer die Pflicht, die Behörden zu informieren, die dem Ereignisort am nächsten sind.“ Werden Gefahrgüter über die Schiene transportiert „hat der Beförderer in diesen Fällen den jeweiligen Eisenbahninfrastrukturunternehmer zu benachrichtigen“. Bulheller weist auch darauf hin, dass es für bestimmte Stoffe einen Schienenzwang gebe. Angaben darüber, welche Stoffe darunter fallen, konnte er nicht machen.

293 Millionen Tonnen Gefahrgut

Eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes zu Gefahrguttransporten zeigt, dass in Deutschland Gefahrgut zum überwiegenden Teil per Lkw transportiert wird. So rollten 2016 von den insgesamt beförderten rund 293 Millionen Tonnen Gefahrgut 146 Millionen über die Straße. Es folgen der Eisenbahnverkehr (57,5 Millionen) und die Binnenschifffahrt (46,7 Millionen).

Salpetersäure zählt zur Kategorie der „Ätzenden Stoffe“. Von dieser Flüssigkeit wurden im selben Zeitraum 25,7 Millionen Tonnen durch Deutschland gefahren.

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