Ilseder Schulschließungen – „unsere Orte werden verwaisen“

Ilsede.  Der Ratsbeschluss für einen Neubau in Gadenstedt sorgt für viel Frust in Adenstedt und Groß Lafferde.

Dutzende Eltern demonstrieren vor der Gebläsehalle gegen den späteren Ratsbeschluss, die einzügigen Grundschulstandorte in Groß Lafferde, Adenstedt und Gadenstedt zu schließen.

Dutzende Eltern demonstrieren vor der Gebläsehalle gegen den späteren Ratsbeschluss, die einzügigen Grundschulstandorte in Groß Lafferde, Adenstedt und Gadenstedt zu schließen.

Foto: Privat

Wahlkabinen, Wahlurne und Stimmzettel liegen bereit: Die geheime Abstimmung im Ilseder Gemeinderat zum dreizügigen Grundschulneubau ist keine Überraschung. Eher die Frage, wer sie beantragt: Grünen-Ratsmitglied Heiko Sachtleben. Mit knapper Mehrheit votiert der Rat für den millionenschweren Neubau: 20 Ja-Stimmen und 16 Nein-Stimmen bei zwei Enthaltungen.

Zum Leidwesen der Adenstedter und Groß Lafferder, die vor der Sitzung zu Dutzenden für den Erhalt/die Ertüchtigung der einzügigen Grundschulstandorte in diesen beiden Orten und in Gadenstedt demonstrieren – sich also gegen den Ratsbeschluss zum Neubau in Gadenstedt wenden: Denn mit ihm werden die drei Schulstandorte in Adenstedt, Groß Lafferde und Gadenstedt dicht gemacht. „Spielzeit statt Busfahr zei t“ steht auf einem Transparent der Demonstranten – die Adenstedter und Groß Lafferder Kinder müssen künftig im Bus zur neuen Gadenstedter Grundschulen fahren.

„Risse, die nicht so schnell zu kitten sind“

In der Einwohnerfragestunde bombardieren die Zuhörer die Gemeindeverwaltung und Ratsmitglieder exakt 43 Minuten mit Statements und Fragen. Matthias Laue, Vater aus Adenstedt, spricht beim Gadenstedter Grundschulneubau wegen der Schülerbeförderung per Bus von einem schlimmen „ökologischen Fußabdruck“, wobei dort die Pädagogik auch nicht besser sei. Mit der Ratsentscheidung gegen Adenstedt und Groß Lafferde entstünden „Risse, die nicht so schnell zu kitten sind“. Cord Pape, ebenfalls Vater aus Adenstedt, appelliert an die Gemeinde, die drei einzügigen Grundschulstandorte in Groß Lafferde, Adenstedt und Gadenstedt zu „Leuchttürmen“ auszubauen – in der Schuldebatte sei es aber „nur ums Geld“ gegangen.

Immer wieder hat Michael Take, Bürgermeister-Vertreter im Rathaus, zu kontern: Die Lenkungsgruppe (unter anderem Verwaltung, Politik, Eltern) – und nicht die Verwaltung – habe die Kriterien der Nutzwertanalyse aufgestellt, in der der Neubau den Vorzug vor dem Erhalt/der Ertüchtigung der drei Grundschulstandorte bekommt. „Dabei geht es nur zu 40 Prozent um finanzielle Aspekte, zu 60 Prozent um andere Kriterien wie Auswirkungen aufs Dorfleben“, stellt Take fest. An den Bushaltestellen werde es für die Fahrschüler künftig „maximale Sicherheit“ geben. Befragt zu den Schülerzahlen, erklärt Take, sie seien für die nächsten zehn Jahren – teilweise mit Prognosen – erstellt worden. Trotzdem: Mit dem Ratsbeschluss für den Neubau ignoriere der Rat die „Bevölkerungsmeinung“ und das „Kindeswohl“ – so lauten Vorwürfe aufgebrachter Zuhörer.

Neubau-Befürworter und -Gegner outen sich

Rund 70 Minuten tragen Ratsmitglieder ihre Positionen vor – zunächst die Neubau-Befürworter:

• Für Stefanie Weigand (Grüne/Groß Ilsede) decke der Neubau die „Bedürfnisse der Kinder und Lehrer“ besser ab; er biete „viele Möglichkeiten wie Barrierefreiheit und Inklusion“.

• Für Frank Busse (SPD/Groß Ilsede) stehe der Neubau für „zeitgemäße Pädagogik, ein gutes Raumkonzept und Notwendigkeiten wie die Ganztagsschule“.

• Horst Meldau (Groß Bülten/FBI) bedauert, die Lenkungsgruppe habe sich nicht für eine „zweizügige Grundschule für Gadenstedt und Adenstedt“ ausgesprochen – so plädiere er für den dreizügigen Neubau in Gadenstedt.

• Jörg Gilgen (Groß Lafferde/SPD) ist für diesen Schulneubau, unter anderem weil Ertüchtigungen bestehender Schulgebäude oft unvorhersehbare Probleme mit sich brächten (siehe Oberger Grundschule).

• Marcus Seelis (Groß Ilsede/fraktionslos) meint, der Neubau sei „besser für die Kinder und Lehrer“.

• Ilse Schulz (Groß Ilsede/FBI) glaubt, die „dreizügige neue Grundschule ist keine große Schule“ – sie biete aber viele Vorteile.

• Rainer Apel (Ölsburg/SPD) bezeichnet die dreizügige Grundschule in Gadenstedt mit Sportanlage und Freibad als einen „Standortvorteil“ für die gesamte Gemeinde Ilsede.

Auf der anderen Seite die Neubau-Gegner, die die jetzigen drei Schulstandorte erhalten/ertüchtigen wollen:

• Michael Baum (Oberg/Freie Wähler) entwickelt dieses Modell: „Gadenstedter Grundschüler in eine neue Groß Ilseder Grundschule, Solschener Grundschüler nach Adenstedt, Groß Lafferder Grundschüler nach Oberg“. Da dies aber nicht zur Debatte stehe, sei er für den Erhalt der drei Grundschulstandorte.

• Boris Lauenroth (Adenstedt/CDU) stellt die Neutraliät der Nutzwertanalyse in Frage. Mit der Schließung könnten „150 Grundschüler aus Groß Lafferde und Adenstedt nicht mehr in ihrem Ort unterrichtet werden“. Er fragt: „Was schließen wir als nächstes: die Sportanlage, die Ortsfeuerwehr.“

• Ingo Lüders (Groß Lafferde/SPD) nennt den geplanten dreizügigen Neubau in Gadenstedt die „30-Millionen-Euro-Schule“.

• Karsten Könnecker (Adenstedt/SPD) meint, „größter Verlierer“ sei die Gemeinde wegen dieses Streits. Die Ratspolitik ignoriere die Meinung der Menschen.

• Rainer Röcken (Groß Lafferde/CDU) bezeichnet die Grundschule als „Herz“ einer Ortschaft: Werde sie geschlossen, werde „intaktes Vereinsleben“ micht mehr statfinden, es gebe einen „Wertverlust“ für Grundstücke. „Bei einer Schulschließung werden unsere Orte verwaisen – da hilft uns auch nicht der ,Superinternetanschluss’.“

„Inbetriebnahme in vier, fünf Jahren“

Nach Takes Einschätzung wird es noch „vier, fünf Jahre“ dauern, bis die neue dreizügige Grundschule auf einer gemeindeeigenen Fläche an der Feldstraße in Gadenstedt in Betrieb geht. Für diesen Neubau ermittelt das Fachbüro mitsamt Sporthalle eine Ausgabe von bis zu 14,4 Millionen Euro; die Ertüchtigung/Erweiterung der drei jetzigen Grundschulstandorte schlage mit rund 21,5 Millionen Euro zu Buche (ohne Sporthallen, die vorhanden sind).

Kommentar Von Harald Meyer zum Ilseder Grundschulbeschluss:

Gutes Votum mit fatalen Folgen

Die Debatte über die Zukunft der Grundschulstandorte in Gadenstedt, Adenstedt und Groß Lafferde – sie hat in den zurückliegenden mindestens drei Jahren tiefe Spuren hinterlassen. Spuren, vielleicht sogar Risse, die – so ist zu befürchten – noch lange nachwirken und das Zusammenwachsen von Alt-Lahstedt und Alt-Ilsede zur Gemeinde Ilsede belasten.

Das Fatale: Der Ratsbeschluss für den dreizügigen Grundschulneubau in Gadenstedt ist absolut richtig und notwendig – dafür gebührt dem Gemeinderat Anerkennung. Bestimmte Angebote, die Grundschule heute bieten muss, sind eben gekoppelt an räumliche Voraussetzungen – dazu gehören unter anderem die vielzitierten Stichworte wie Ganztagsschule (die neue Schule bietet sie an fünf Werktagen auf freiwilliger Basis an) und Inklusion/Barrierefreiheit.

Dennoch: Wäre ich ein Elternteil in Adenstedt oder Groß Lafferde, hätte ich genauso gekämpft um „meinen“ Grundschulstandort vor Ort. Und wäre jetzt genauso enttäuscht über den Ratsbeschluss.

Von Anfang an hat die Rathausverwaltung den Neubau in Gadenstedt favorisiert – und ist trotz aller Diskussionen dabei geblieben. Fragt sich, warum sie in diese (erwartungsgemäß) hoch emotionale Diskussion mit einem Verwaltungsvorschlag hineingehen musste? Um sich selbst und die Neubau-Befürworter im Rat aus der Schusslinie zu nehmen, wäre es in diesem Fall besser gewesen, auf eine Verwaltungsempfehlung zu verzichten. Nun bleibt nur zu hoffen, dass sich die Wogen geglättet haben, wenn die neue Schule in ein paar Jahren loslegt.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder