Ohne ihn hätte es das „Wunder von Lengede“ nicht gegeben

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Nach der erfolgreichen Rettungsaktion beim Bergwerksunglück von Lengede 1963 gab Rudolf Dittrich (Firma DEA, Dritter von links) viele Interviews im Fernsehen und im Radio. Links von Dittrich H. Sumpf von der Firma Göttker, zuständig für die Suchbohrungen; rechts von Dittrich der Leiter der Rettungsbohrungen Schmidt von der Firma Deilmann; ganz links der zuständige Mann für die Dahlbuschbombe, die die eingeschlossenen Bergleute wieder ans Tageslicht beförderte, Mosblech.

Nach der erfolgreichen Rettungsaktion beim Bergwerksunglück von Lengede 1963 gab Rudolf Dittrich (Firma DEA, Dritter von links) viele Interviews im Fernsehen und im Radio. Links von Dittrich H. Sumpf von der Firma Göttker, zuständig für die Suchbohrungen; rechts von Dittrich der Leiter der Rettungsbohrungen Schmidt von der Firma Deilmann; ganz links der zuständige Mann für die Dahlbuschbombe, die die eingeschlossenen Bergleute wieder ans Tageslicht beförderte, Mosblech.

Foto: Archiv / Werner Cleve

Lengede.  Rudolf Dittrich hatte erst kurz vorher in den USA die Bohrtechnik für die Rettungsaktion gelernt. Er arbeitete auch mit der Legende „Red“ Adair.

Es ist eine Geschichte über die legendäre Kameradschaft der Bergleute und über Pflichterfüllung. Es ist die Geschichte von Rudolf Dittrich, der mit seiner Mannschaft beim Lengeder Bergwerksunglück von 1963 eine ganz wichtige Rolle spielte.

Sonja Grefe aus Bielefeld, die Enkelin von Rudolf Dittrich, berichtete unserer Zeitung, dass sie mit ihrer 80 Jahre alten Mutter Inge Oehlschlegel die Orte deren Kindheit bereiste. Dabei recherchierte sie im Internet und stieß auf ihren Großvater und seinen Einsatz beim und Anteil am „Wunder von Lengede“.

Die Mutter erinnere sich noch lebhaft an all die Aufregung damals, schrieb uns Sonja Grefe, nachdem sie einige Artikel der Berichterstattung unserer Zeitung zum „Wunder“ bekommen hatte. Sonja Grefe ergänzt: „Meine Mutter sagt immer, dass eines der Wunder auch gewesen wäre, dass mein Großvater gerade kurz vorher in den USA gewesen war und die neue Bohrtechnik gelernt hatte, die dann beim Grubenunglück erstmals in Deutschland zum Einsatz kam. Ohne diese Bohrtechnik wäre die Rettung wohl nicht möglich gewesen.“

Retter werden weniger erwähnt

Allerdings sei es auffällig, dass bei den vielen Berichten ihr Großvater Rudolf Dittrich eher selten erwähnt werde. Sie schickte uns alte Zeitungsartikel über ihn. Nach der Rettung der unter Tage eingeschlossenen Bergleute gab er diverse Interviews, auch im Fernsehen oder im Radio. Zudem schrieb er selbst über das Lengeder Unglück und andere in Fachzeitschriften. Weiterhin gab es die Veröffentlichung „Bohrtechnische Rettungsmaßnahmen nach dem Grubenunglück auf der Eisenerzgrube in Lengede-Broistedt“ (Erdöl-Zeitschrift Heft 12, Dezember 1963, Urban-Verlag Ges.m.b.h. Wien - Hamburg).

Rudolf Dittrich arbeitete damals für die Deutsche Erdöl AG (DEA), erschloss mit seinen Bohrungen viele Erdölfelder. In seinem Artikel für die Bergbau-Zeitschrift vom Juni 1975 berichtete er von seinem Einsatz in Lengede und an anderen Unglücksorten.

Direktor bei der DEA in Wietze

Ab 1962 war er Direktor für die DEA in Wietze, er lebte zu dieser Zeit in Celle. Am 24. Oktober 1963 brach über der Eisenerzgrube in Lengede der Klärteich 12 ein, flutete die Grube fast vollständig und schloss zahlreiche Bergleute unter Tage ein.

In dem Artikel hieß es weiter: Der Obersteiger in der Grubenrettungsstelle Clausthal, Richard Geresser, „ein Freund aus gemeinsamer Bergschulzeit“, habe der Lengeder Werksleitung den Rat gegeben, Rudolf Dittrich anzurufen, „da wir als Tiefbohrindustrie die nötigen Geräte, Männer und Erfahrungen hätten“.

„Dieser Nebel...“ am Unglücksort

Der Autor berichtet auch, dass er „im dicksten Nebel“ um Mitternacht an der Unglückszeche angekommen sei. Viele Lengeder erinnern sich ebenfalls an diese Wetterlage, empfinden daher „diesen Nebel“ wegen der Erinnerungen als bedrückend.

Rudolf Dittrich schrieb weiter von der Rettung der ersten drei Kumpel, die bei Lengede unter Tage eingeschlossen waren. Die hatten sich in einen Bereich zurückgezogen, der unter Überdruck stand, weil das nachlaufende Wasser die Luft dort massiv komprimiert hatte. Das war eine große Herausforderung beim Bohren. Durch große Ingenieursarbeit wurde sie bewältigt. Die drei Bergleute kamen lebend ans Tageslicht. Die möglichen Rettungsarbeiten galten danach als beendet.

Nach der ersten Rettung sofort zurück nach Lengede

„Er kam zurück, wurde in der Nacht wieder angerufen und ist natürlich sofort wieder hingefahren“, erinnert sich Inge Oehlschlegel, die heute in Dortmund lebt. Dass in Lengede weitere unter Tage eingeschlossene Bergleute entdeckt worden waren, habe Rudolf Dittrich, selbst Bergmann, sehr erschrocken und betroffen gemacht.

Neue Bohrtechnik: mit Luft

Der schrieb später in seinem Artikel: „Ich entschied mich dafür, mit Luft zu bohren“, statt wie bisher üblich mit Wasser. Nur so habe der Zusammenbruch des „Alten Manns“, in den sich die Bergleute vor dem nachdrückenden Wasser begeben hatten, verhindert werden können. Es habe damals Mühe gekostet, die anderen Retter von dieser bisher in Deutschland nicht angewendeten Bohrtechnik zu überzeugen. „Ich hatte dieses Verfahren bei einem kurzen Besuch in den USA kennengelernt“, schrieb Rudolf Dittrich.

Wie weltweit bekannt gelang das „Wunder von Lengede“, und elf weitere Bergleute kamen mit dem Rettungsgerät Dahlbuschbombe durch die Bohrung von Rudolf Dittrich und seiner Mannschaft lebend an die Erdoberfläche. 29 Bergleute starben bei dem Lengeder Unglück von 1963, einige konnten nie gefunden oder geborgen werden. Sie blieben im Berg.

Einsatz beim Berliner S-Bahn-Unglück von 1935

Die Leichen zu bergen, war Rudolf Dittrich immerhin beim Einsturz der Berliner S-Bahn 1935 vor dem Brandenburger Tor gelungen. „Wir wurden 30 Stunden nach dem Unglück vom damaligen Minister Josef Goebbels persönlich gerufen“, schrieb Rudolf Dittrich 1975 auf. Inge Oehlschlegel ergänzt: „Die hatten vor Ort keine Leute, die sich mit Sand auskannten.“ Rudolf Dittrich habe diese Erfahrungen aber bereits in der sandigen Region bei seiner Arbeit in Wietze bei Celle gemacht, deswegen habe er auch in Berlin helfen können.

Zusammenarbeit mit „Red“ Adair

Außerdem schrieb Rudolf Dittrich in seinem Artikel noch über seinen Einsatz mit dem legendären US-amerikanischen Feuerwehrmann Paul Neal „Red“ Adair während eines heftigen Gasausbruchs 1964 in der Nähe einer Bohrinsel in der Nordsee. Allerdings sei es nicht gelungen, „die Bohrung totzupumpen“. Der Gasausbruch habe aber schließlich von selbst aufgehört.

Zurück daheim habe es sofort den nächsten Einsatz gegeben: beim Grubenunglück in Champagnole in Frankreich im Juli 1964. Die DEA habe dort ebenfalls mit ihrer großen Erfahrung helfen können. Neun Bergleute hätten noch unversehrt geborgen werden können.

„Ich war zwölf, als er starb (1980).“ Deswegen habe sie nicht so viel von dem Lengeder Einsatz von Rudolf Dittrich erfahren können, erzählt Sonja Grefe unserer Zeitung. Ihr Großvater sei ein sehr bescheidener Mensch gewesen. Auf die Leistung seiner Mannschaft beim „Wunder von Lengede“ sei er aber wohl auch ein bisschen stolz gewesen.

„Nichts anderes als erfüllte Pflicht“

Die in Lengede geretteten Bergleute hätten ein Dankesschreiben an Rudolf Dittrich verfasst, sagt die Enkelin. Auch von der DEA liegt ein Glückwunschschreiben vor. 1967 erhielt Rudolf Dittrich das Verdienstkreuz erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. In einem Zeitungsartikel vom November 1963 („Porträt eines Helfers – Zehn Tage und zehn Nächte“) heißt es am Ende: „Der Einsatz in Lengede war für ihn ebenso wie für seine Männer nichts anderes als erfüllte Pflicht.“

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