Tatortreinigerin aus Lengede: Der Geruch ist oft am schlimmsten

Vechelde.  Nach dem Tod eines Menschen rückt Iris Heike Wolpert-von der Wehd an: Sie reinigt Tatorte und Messie-Wohnungen und spricht mit uns über ihren Beruf.

Sie rückt an, wenn Menschen verstorben sind: Iris Heike Wolpert- von der Wehd aus Lengede im Kreis Peine ist Tatortreinigerin. Zu ihrer Grundausrüstung gehören Maske, Handschuhe und Schutzanzug.

Sie rückt an, wenn Menschen verstorben sind: Iris Heike Wolpert- von der Wehd aus Lengede im Kreis Peine ist Tatortreinigerin. Zu ihrer Grundausrüstung gehören Maske, Handschuhe und Schutzanzug.

Foto: Britta Breuckmann

So oder so ähnlich geben uns Film und Fernsehen einen Tatort vor, an dem ein grauenhaftes Verbrechen stattgefunden hat: Wir befinden uns vor der Tür zu einer verlassenen Wohnung. Noch ist nicht zu ahnen, was einen dahinter erwartet. Im Inneren eröffnet sich ein Bild des Grauens: umgeworfene Möbel, zerbrochenes Glas, persönliche Gegenstände auf dem Boden. Tief rote Spritzer, eines abstrakten Gemäldes gleich, zieren die Wände. Eingetrocknete Blutlachen im Teppich als letzte Überbleibsel des Lebens, das hier vor nicht allzu langer Zeit in die langen Flore der Auslegware versickerte. Daneben: Umrisse, die den Fundort eines Körpers skizzieren. Hinterlassenschaften der Spurensicherung. Seit Bjarne Mädel als Heiko „Schotty“ Schotte mit der NDR-Serie „Der Tatortreiniger“ Kultstatus erreicht hat, wissen wir, dass es Menschen gibt, die diese Spuren in Wohnungen und Häusern beseitigen. Aber was sind das für Menschen, die diesen Job im echten Leben erledigen? Und was hat sie zum „Traumberuf Tatortreiniger“ bewegt? Wir treffen eine der wenigen zertifizierten Tatortreinigerinnen in unserer Region: Iris Heike Wolpert-von der Wehd.

Sie ist mit ihrem Unternehmen TeamClean erst vor Kurzem aus Vechelde im Landkreis Peine in den Unternehmerpark Broistedt gezogen. Die Frau mit den schwarz gefärbten Haaren, den kahl rasierten Schläfen und den dunkel geschminkten Augen wirkt alles andere als gewöhnlich – und das ist sie auch nicht: Mit einer gehörigen Prise schwarzen Humor serviert sie ihre Geschichte. „Ohne den geht es einfach nicht“, sagt sie mit einem fast schon verschmitzten Grinsen, nimmt einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse und zündet sich eine Zigarette an.

Angefangen mit der Räumung von Messie-Wohnungen kam ihr schnell die Idee zur Tatortreinigung: „Schließlich weiß man ja nie, was man unter so einem Berg von Müll alles findet – vielleicht wollte ich einfach nur auf alles vorbereitet sein“, erinnert sich die Unternehmerin.

Der erste Einsatz war in Salzgitter

Sie besuchte ein Seminar, in dem sie alles über gesetzliche und hygienische Maßnahmen, notwendige Impfungen, mögliche Viren und Bakterien lernte, bekam ein Zertifikat und dachte sich „in Städten wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt ist bestimmt ohnehin viel mehr los“. Sie sollte sich irren.

Der erste Anruf ließ nicht lange auf sich warten. Ein Hotelbesitzer aus Salzgitter. „Es ging um die Räumung eines Zimmers, das von einem gut situierten Gast bewohnt wurde, der gerne mal die Puppen tanzen ließ“, schildert die Tatortreinigerin, „in seiner letzten stimmungsvollen Nacht ging es wohl etwas zu heiß her. Seine Leiche wurde erst kurz zuvor gefunden“.

Morgens, acht Uhr. Die Stickstoffflasche, aus der der Lebemann gerne mal einen Zug nahm, stand noch in der Zimmerecke. Vielleicht ein Zug zu viel? „Genau weiß ich das nicht. Ich weiß nur, ich werde den Anblick nie vergessen“, berichtet die Tatortreinigerin über ihre Feuertaufe. „Das Bett war nahezu blutgetränkt und überall lagen dicke blutige, undefinierbare Körperklumpen – darauf war ich dann doch nicht unbedingt vorbereitet“, sagt sie. Die Räumung verlief dann aber relativ unkompliziert. Möbel und Teppiche wurden direkt entsorgt. Ernüchternd fügt sie heute hinzu: „Und was hat mir mein erster Job als Tatortreinigerin eingebracht? Fünf Sterne bei Google!“ Und ein Stein, der ins Rollen kam. Seither hat sie bereits zahlreiche Tatorte gereinigt, Fußböden und Tischplatten gewischt. Die wenigsten dieser Verstorbenen fielen jedoch einem wahren Verbrechen zum Opfer. „In der Regel handelt es sich bei der Tatortreinigung um eine Leichenfundreinigung“, sagt Wolpert-von der Wehd.

Alle Folgen unserer Crime-Serie:

Familienmord in Wolfsburg- Ein Toter wird zum Angeklagten

Mord an Pastorenfrau bei Hötzum- Ameise überführt Klaus Geyer

Zweifachmord in der Region- Mutter bringt Sohn zum Geständnis

Urin, Maden, Blut in der Wohnung

Das Kurioseste, das sie bislang vorgefunden hat? „In einer Messie-Wohnung habe ich mal auf einer uringetränkten Matratze Zähne gefunden. Und dann erinnere ich mich noch bestens an die Wohnung eines Mannes, der an einer Varizenblutung gestorben war.“ Dem Opfer waren allem Anschein nach infolge langjährigen Alkoholkonsums die Adern in der Speiseröhre geplatzt. „Wenn die Blutung nicht sofort gestoppt wird, bekommt man ein Problem. Da wird man ganz schnell zum Auslaufmodell. Er hustete sich quasi das Leben aus.“ Die Tatortreinigerin zeigt Fotos. Die gesamte Wohnung eines Massakers gleich. Kaum eine Wand, ein Gegenstand, an dem sich keine Blutspritzer befinden. In einer anderen Wohnung rieselten die Maden bereits dem darunter wohnenden Nachbarn durch die Decke auf den Tisch, in wieder einer anderen wurde die Leiche so spät entdeckt, dass sich aus den Maden bereits Fliegen entpuppt hatten. Hunderte. Tausende. „Das war schon eklig, das muss ich auch nicht jeden Tag haben“, sagt die Tatortreinigerin und ergänzt: „Der Geruch ist manchmal schlimmer als das, was man zur Seite räumt.“

Eine Art Therapie für die Tatortreinigerin

Macht man sich eigentlich Gedanken darüber, welche Szenarien sich in den letzten Augenblicken dieser Menschen abgespielt haben mögen? „Natürlich macht man das manchmal“, betont Wolpert-von der Wehd, „insbesondere dann, wenn das Bild, das man vorfindet, nicht ganz zu dem passt, was man im Vorfeld gesagt bekam. In der Regel funktioniert mein Grundsatz ,Raus aus der Wohnung, raus aus dem Kopf‘ aber ganz gut. Wenn ich alles mit nach Hause nehmen würde, könnte man mich wohl bald mit der weißen Weste abholen.“ Denn psychologische Betreuung gibt es für Tatortreiniger keine. Es sei denn, man kümmert sich selbst. „Meine Familie und mein schwarzer Humor sind meine Therapie. Ich kann damit ganz gut leben, zumal das Thema Tod bei uns ohnehin nicht totgeschwiegen wird“, sagt die Mutter zweier jugendlicher Söhne.

Hier finden Sie unseren Podcast zur Crime-Serie:

Von NDR-Tatortreiniger „Schotty“ hört Wolpert-von der Wehd übrigens erst, als sie im Bekanntenkreis als „Schotty Nummer 2“ bezeichnet wurde. Sie macht sich ein Bild ihres Leinwandkollegen und entdeckt durchaus Parallelen. Gleichzeitig weiß sie aber auch, dass die Arbeit im wahren Leben anders aussieht: „Wir bekommen die Wohnungsschlüssel, erledigen unseren Job und gehen wieder. In der Regel kommt niemand vorbei, während wir eine Wohnung sauber machen. Allerhöchstens treffen wir mal einen Nachbarn im Treppenhaus – aber auch dann läuft alles ganz diskret.“ Die Handlungen der Serie findet Wolpert-von der Wehd dennoch witzig.

Was einen Tatortreiniger außerdem von einem „normalen“ Gebäudereiniger unterscheidet? „Durch meine Zertifizierung bin ich befugt, Reinigungsmittel zu kaufen, an die man normalerweise nicht rankommt. Da gibt es zum Beispiel Säuren, die alles zersetzen“, erklärt die Tatortreinigerin.

Eine Art abschließendes Ritual nach einem erledigten Job: das kleine Kästchen. Wie auch ihr Serienkollege Heiko Schotte sammelt Iris Heike Wolpert-von der Wehd persönliche Gegenstände der Verstorbenen in einem kleinen Kästchen, das sie an die Auftraggeber weitergibt. „Das gehört sozusagen zu unserem Rundum-Sorglos-Paket“, sagt die Tatortreinigerin und kann sich auch hier ein Grinsen nicht verkneifen: „Auf Wunsch auch mit Vorher-Nachher-Fotos.“ Ohne Humor geht es halt nicht.

Mehr zum Thema:

Aus für „Tatortreiniger“ – Letzter Einsatz für Bjarne Mädel

Warum Bjarne Mädel nicht ausschließlich lustig sein will

„Tatort“: Die große Crime-Serie unserer Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer gerechten Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten.

Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder