Verschwundenes Dorf Glinde ist wieder da – als Modell

Bortfeld.  Vom Dorf Glinde, das einst zwischen Lamme, Wedtlenstedt und Bortfeld lag, gibt es jetzt ein Modell. Die Geschichte um Glinde bleibt geheimnisvoll.

Das Dorf Glinde –  es sieht aus, also könnte man hin gehen. Tatsächlich handelt es sich um das Modell von Stefan Holland, das auf einen Feldweg bei Lamme gestellt und von seiner Tochter Jana geschickt fotografiert wurde.

Das Dorf Glinde – es sieht aus, also könnte man hin gehen. Tatsächlich handelt es sich um das Modell von Stefan Holland, das auf einen Feldweg bei Lamme gestellt und von seiner Tochter Jana geschickt fotografiert wurde.

Foto: Jana Holland

Das frühere Dorf Glinde, im Dreieck von Lamme, Wedtlenstedt und Bortfeld gelegen und seit und 500 Jahren verschwunden – es beschäftigt den Bortfelder Ortsheimatpfleger Bodo Fricke und Stefan Holland, Vorsitzender der Bürgergemeinschaft Ölper, schon seit längerer Zeit. Ergebnis ihrer spannenden Spurensuche war im vergangenen Jahr eine Ausstellung im Pferdestall des Bortfelder Bauernhausmuseums, basierend auf Angaben der Bortfelder Chronik von 1983. Anschaulich schilderten die Bodo Fricke und Stefan Holland den Besuchern das Leben der Menschen in Glinde.

Jetzt gibt es auch ein Modell des Dorfes. Stefan Holland hat es im Maßstab 1 zu 500 gebaut. Eine Ausstellung ist zurzeit Corona-bedingt nicht möglich. Doch sobald die rechtlichen Voraussetzungen es zulassen, soll die Ausstellung „Glinde“ mit ihren zahlreichen Exponaten und Modellen im Pferdestall des Bauernhausmuseums fortgesetzt werden.

Auf etwa elf Höfen siedelten die Glinder einst. „Glinde wurde während des Glaubenskrieges im 16. Jahrhundert verwüstet und die Bewohner vertrieben“, sagen Bodo Fricke und Stefan Holland. Die Glinder flüchteten nach Bortfeld, siedelten sich dort an und bewirtschafteten ihre Felder von Bortfeld aus weiter. Sie bildeten dort eine eigene Gemeinde, die „Glind-Bürger“. Erstmals ist Glinde in einer Urkunde aus dem Jahr 1318 benannt. „Die Siedlung lag in einer feuchten Senke und die Zeiten waren unsicher“, erklärt Bodo Fricke. In Bortfeld hätten die Glinder sehr viel bessere Bedingungen angetroffen. „Vielleicht haben sie deshalb ihre Höfe nicht wieder aufgebaut.“

„In allen drei Nachbarorten erinnern Straßennamen an Glinde“, sagt Stefan Holland. In Wedtlenstedt ist es „Im Glinde“, in Bortfeld der „Glinderweg“ und in Lamme die „Glinder Straße“. „Und der Wald bei der ehemaligen FAL, das ist das Glinder Holz.“ Um herauszufinden, wo genau Glinde war, haben die beiden „Spurensucher“ mehrere Touren in die Feldmark gemacht und mehrere alte Karten miteinander abgeglichen.“ Als Erkennungszeichen dienten Wege und Gräben, die auf den alten Karten eingezeichnet sind, und die es teilweise auch heute noch gibt. Von den Höfen ist allerdings nichts mehr zu sehen. „Das ist heute alles Ackerland, Wiese und Wildwuchs“, sagt Bodo Fricke. Immer wieder fand Landwirt Siegfried Behme aus Bortfeld dort aber alte Ziegel, die er Fricke gebracht hat.

Bei der Rekonstruktion des einstigen Dorfes hat Stefan Holland die Karten aus den Jahren 1751 und 1769 mit Google maps kombiniert. „Ich musste feststellen: Alte Karten lügen nicht, aber sie sind ungenau“, sagt er. Wissen aus der Chronik floss weiter mit ein. „Nach einer Beschreibung von 1772 mussten die elf Beteiligten am Glinderbusch dem Opfermann zu Wedtlenstedt aufgrund ihrer früheren Zugehörigkeit zum Dorf und durch den Jacobsdamm verbunden, jährlich drei Taler und zwölf Groschen bezahlen“, berichtet Bodo Fricke. „Dafür kam der Opfermann mit 1 Paar Handschuhen als Gabe für den Bauermeister zu Johannis und Fastnacht zur Bürgerversammlung der Glind-Bürger ins Spielhaus nach Bortfeld, die mit Gebet und Gesang eingeleitet wurde und mit einem Festschmaus endete. Es gibt Vermutungen, dass die Bortfelder Tracht von den wendischen Glindern nach Bortfeld mit „eingebürgert“ wurde, da diese Tracht angeblich der wendischen Tracht im Spreewald ähnelt und auch in der Landesbeschreibung von „Hassel und Bege 1802“ als „altwendisch“ bezeichnet wird.“

Insgesamt sei festzuhalten, dass trotz der damals schlimmen Verhältnisse und des Verlusts ihrer Hofstellen die Glindbürger in Bortfeld gern aufgenommen wurden und sich dort nach „ihrer Flucht“ im Rahmen einer humanitären Aktion neue Existenzen aufbauen konnten.

„Man kann nur spekulieren was heute aus den Ortschaften Bortfeld und Glinde geworden wäre, wenn die Verwüstung von Glinde nicht stattgefunden hätte. Wahrscheinlich wäre die Ortschaft Bortfeld heute um wesentliche Bevölkerungs- und Gemarkungsanteile kleiner und Glinde wäre aufgrund seiner doch recht attraktiven leichten Hanglage ein attraktiver Teil der Stadt Braunschweig geworden“, so der Bortfelder Ortsheimatpfleger weiter. „Doch so bleibt Glinde ein geheimnisvoller Ort und lebt in den Namen ihrer ehemaligen Bewohner sowie in den Erinnerungen und den Flurstückbezeichnungen weiter.

Tatsächlich auch heute noch in der Feldmark zu sehen sind Teile des Jacobsdamms. Stefan Holland hat ihn auch im Modell nachgebaut – eine mehr als kleinteilige Arbeit, wie das ganze Glinde-Modell. Und toll gemacht – da zeigt sich die langjährige Erfahrung: „Ich bin seit meiner Kindheit Modellbauer. Historische Modelle baue ich seit zehn Jahren“, sagt er. Von Beruf ist er Konstrukteur in der Automobilindustrie.

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